Das Feierabendbier droht auszusterben

Andrea Mašek, 27.05.2016

Nach der Arbeit mit den Kollegen noch ein Bier trinken und gemeinsam auf die abendliche Freizeit anstossen. Das Feierabendbier geniesst eine lange Tradition , die je länger je mehr auszusterben droht. Zwar trifft man sich auch heute noch in den frühen Abendstunden gerne auf einen Drink - nur eben anders.

Früher Freitag Abend im Restaurant Linde in Basel:  Der Garten ist gerappelt voll, das Publikum gemischt, im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Menschen unterhalten sich, lachen, stossen mit Bier auf ihren gemeinsamen Feierabend an. Ein ähnliches Bild zeichnet sich im Gifthüttli ab. «Bei uns treffen sich die Leute täglich zum Feierabendbier», verrät uns die Geschäftsführerin, Stephanie Grossenbacher. Aber nicht nur in Basel, auch im Berner Kulturzentrum Progr sind die Plätze in den frühen Abendstunden rar und auf der Dachterrasse des Zürcher Hotels Schweizerhof, prosten sich elegant gekleidete Menschen mit einem Drink zu.

Man könnte fast meinen, Herr und Frau Schweizer sind schwer bemüht um die Aufrechterhaltung  der Tradition des Feierabendbiers. Die Idylle täuscht jedoch. In vielen Gastronomiebetrieben herrscht um diese Zeit wenig Betrieb – teils schon seit bald zwei Jahrzehnten. Das sei deshalb so, weil die Leute heute gesünder leben oder das Bier zu Hause trinken, meinen deren Wirte. PsychoExperten erklären aber: Heute, wo es vielen Berufstätigen schwer fällt, abzuschalten, ist ein Feierabendbier nicht das Verkehrteste. Maurus Ebneter vom Wirteverband Basel-Stadt sieht dies ähnlich. Das Feierabendbier habe heute an Bedeutung verloren. Vielmehr spreche man allgemeiner von der Apérozeit. Diese hingegen sei eine wichtige Einnahmequelle für viele Bars, Café-Bars und Kneipen, meint Ebneter.  In den letzten drei Jahren haben die Ausgaben für Getränke ausser Haus gar zugenommen (von 1,5 auf 1,8 Milliarden Franken pro Jahr). Zu verdanken sei dies unter anderem den warmen Sommern. Demnach profitieren vor allem jene Betriebe, die draussen stuhlen oder auftischen können.

 

Feierabendbier zur Happy Hour

Das alleine reicht aber nicht unbedingt. Es sind Ideen gefragt, wie zwischen 17 und 19 Uhr mehr Kundinnen und Kunden angelockt werden können. Im Löwenzorn, einer Traditionsbeiz in Basel, herrscht erst später jeweils Hochbetrieb. Gastgeber Norbert Sieber trägt sich deshalb mit dem Gedanken, das Feierabendbier respektive einen Feierabendstammtisch zu aktivieren. Und das Bier in dieser Zeit billiger anzubieten.

Andere machen dies bereits. Das Stichwort ist die Happy Hour. Hier gibt es dann oft zwei Bier für den Preis von einem. Weitere Ideen, die Leute zum Feierabendbier zu verführen, bestehen beispielsweise darin, immer wieder neue Feierabendbiere zum Ausprobieren anzubieten. Interessanterweise nehmen Arbeitgeber und Organisationen das Zepter selber in die Hand: So rufen das rechtswissenschaftliche Institut der Universität  Zürich oder Parteien wie die CVP Ingenbohl-Brunnen zum monatlichen Feierabendbier auf.

 

Besser schlafen dank Feierabendbier

Aber weshalb treffen sich heute immer weniger Leute zu einem Feierabendbier? Zum einen hemmt da die moderne, flexible Arbeitswelt: Teilzeit- und Projektarbeit, Home Office sowie häufiges Unterwegssein machen das Zusammenkommen nach der Arbeit eher schwierig. Zum anderen wollen heute viele gar nicht mit den Arbeitskollegen etwas trinken gehen, lieber mit Freunden. Denn mit Kollegen werde bei solchen Feierabendbieren meist sowieso nur über die Arbeit und den Betrieb gesprochen. Und es werden Interna preisgegeben. Eine Studie der Softwarefirma Recommind hat ergeben, dass über 80 Prozent der Beschäftigten Dinge ausplaudern, die sie nicht sollten.

Dazu bestehe hingegen an After Work Partys, wie sie der Chemiekonzern Roche organisiert, keine Gefahr. Diese finden in einem weiteren Kreis statt und fördern so Teamzusammenhalt, Arbeitsklima und die Beziehung zum Arbeitgeber stärker.

Selbst Experten erklären aber: Heute, wo es vielen Berufstätigen schwer fällt, abzuschalten, ist ein Feierabendbier nicht das Verkehrteste. Arbeitspsychologe Dirk Windemuth rät zur Entspannung zwar eher zu einer halben Stunde Bewegung, aber auch ein Feierabendbier geht für ihn in Ordnung. Mit Betonung auf eines. Und medizinisch erwiesen ist: Hopfen hat eine beruhigende und schlaffördernde Wirkung.