«Die Digitalisierung schafft neue Jobs»

Rolf Murbach, 23.06.2016

Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Viele Stellen wird es in zwanzig Jahren nicht mehr geben. Andererseits werden neue geschaffen. Das wird bei der Diskussion um den Verlust von Arbeitsplätzen oft vergessen, sagt Unternehmensberater und Digitalexperte Markus Koch im Interview.

kfmv-Blog: Internationale Studien zeigen, dass in den nächsten 10 bis 20 Jahren aufgrund der Digitalisierung und Automatisierung fast jeder zweite Job bedroht sein könnte. Deloitte hat die Situation in der Schweiz untersucht.  Wie sieht es aus?

Markus Koch: Unsere Studie basiert auf einer Untersuchung der Oxford University, die rund 700 Berufe auf ihre Automatisierungswahrscheinlichkeit hin analysiert hat. Wir haben die Ergebnisse auf die Schweizer Arbeitslandschaft übertragen und sind zum Schluss gekommen, dass in den nächsten Jahrzehnten theoretisch 48 Prozent der Stellen in unserem Land automatisiert werden könnten. Das heisst aber nicht, dass dies geschieht. Entscheidend ist, ob es sich für einen Betrieb finanziell lohnt, diesen Schritt in die Wege zu leiten. Vielleicht kostet es das Unternehmen weniger, wenn bestimmte Arbeiten, die man automatisieren könnte, nach wie vor manuell ausgeführt werden. Oder Jobs werden aufgrund der geringeren Lohnkosten ins Ausland verlagert. Aber es ist klar, es werden Stellen der Automatisierung zum Opfer fallen.

 

Es werden wie bei jedem Strukturwandel auch neue Stellen geschaffen.

Genau. Und dies wird bei der Diskussion um den Verlust von Arbeitsplätzen oft vergessen. Die Arbeit dürfte uns in Zukunft nicht ausgehen. Unsere Studie zeigt, dass in den nächsten zehn Jahren netto rund 270 000 neue Stellen in der Schweiz geschaffen werden. Es ist nicht so, dass die Digitalisierung und Automatisierung nur Jobs vernichtet. Im Gegenteil: Es entstehen viele neue anspruchsvolle Tätigkeiten und neue Stellenprofile. Das war bei jeder Revolution der Arbeitswelt so. Früher haben 66 Prozent der Arbeitnehmer in der Landwirtschaft gearbeitet. Aufgrund der Automatisierung sind es heute noch 3 Prozent. Dafür sind im Dienstleistungssektor Tausende neuer Stellen entstanden.

 

 

Markus Koch ist Partner beim Beratungsunternehmen Deloitte. Der studierte Betriebswirtschafter und ehemalige Banker hat über 20 Jahre internationale Erfahrung in Beratung und Restrukturierung. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit der Digitalisierung der Arbeitswelt.

 

Welche Tätigkeiten sind gefährdet, und welche Jobs sind gefragt?

Koch: Einfache Arbeiten und Routinetätigkeiten können leichter durch Roboter ersetzt werden als komplexe Tätigkeiten. Tendenziell gilt: Je höher die Qualifizierung ist, desto weniger sind Stellen durch die Automatisierung gefährdet. Es gibt aber auch viele einfache Jobs, die wenig gefährdet sind – zum Beispiel gewisse Arbeiten in der Pflege und Betreuung. Andererseits gibt es anspruchsvolle Berufe, die durch die Automatisierung bedroht sind, zum Beispiel Buchhalter und Anlageberater. Das Gefährdungspotenzial korreliert auf jeden Fall nicht eins zu eins mit dem Ausbildungsniveau. Gute Chancen haben Jobs, bei denen Kreativität und Sozialkompetenzen wie Empathie oder Kommunikationsvermögen gefragt sind. Der entscheidende Faktor ist nicht das Ausbildungsniveau, sondern vielmehr wie stark eine Beschäftigung auf Kreativität, soziale Interaktion oder besonderen Kundenservice setzt – also auf Tätigkeiten, die nur schwer standardisierbar sind.

 

Viele Arbeitnehmer befürchten, dass sie ihren Job wegen der Digitalisierung verlieren. Was können sie tun, damit das nicht geschieht?

Koch: Kontinuierliche Weiterbildung ist wichtig. Aber es reicht nicht, sich nur im eigenen Berufsfeld weiterzubilden, das kann zu riskant sein. Was, wenn es den eigenen Job in fünf Jahren nicht mehr gibt? Arbeitnehmer müssen sich damit anfreunden, dass sie möglicherweise den Beruf wechseln werden. Das heisst, man sollte sich in Weiterbildungen nicht nur spezialisieren – was in vielen Fällen bestimmt sinnvoll ist –, sondern sich in übergeordneten Disziplinen weiterqualifizieren: Kommunikation, Projektmanagement oder Auftrittskompetenz.

 

Das ganze Interview mit Markus Koch lesen Sie im Context #7/8.

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