Digitale Transformation - Fluch oder Segen?

Rolf Murbach, 10.08.2016

Die Digitalisierung schreitet unbeirrt voran und durchdringt alle Lebensbereiche. Der Konsument rückt in den Mittelpunkt, Unternehmen passen sich an, strukturieren um. Ein Fluch oder ein Segen? Manuel P. Nappo, Leiter des Center for Digital Business an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich, klärt auf.

kfmv-Blog: Wir stehen mitten in der digitalen Transformation, die einer Revolution gleichkommt. Was bedeutet das für Unternehmen?

Manuel P. Nappo: Die Digitalisierung wird von den Nutzern getrieben. Sie haben im Gegensatz zu früher oftmals die besseren Geräte als diejenigen, die ihnen von ihren Arbeitgebern zur Verfügung gestellt werden. Die Unternehmen müssen sich also fragen: Lasse ich die Mitarbeitenden mit den eigenen Geräten arbeiten? Teilweise gilt schon heute: Bring your own device. Dies bedeutet für die IT der Unternehmen eine grosse Herausforderung. Die Firmen müssen mit unterschiedlichen Betriebssystemen und Software-Versionen zurechtkommen. Auch die Datensicherheit ist ein Thema.

 

Konsumenten beziehungsweise Nutzer haben hohe Erwartungen.

Nutzer setzen Firmen unter Druck. Sie haben hohe Erwartungen an die Benutzerfreundlichkeit und vergleichen immer mit den besten Anbietern. Man muss online schnell zum Ziel kommen. Kunden wollen nicht warten, bis sie eine Dienstleistung erhalten. Ansonsten klicken sie weg und gehen zum nächsten Anbieter. Wenn zum Beispiel ein Online-Shop nicht funktioniert, springen sie schnell ab. Wir sind im Zeitalter des Konsumenten. Er bestimmt vieles und treibt zusammen mit der technologischen Entwicklung die Digitalisierung voran.

 

Sie forschen und lehren am Center for Digital Business im Bereich der Digitalen Transformation. Sie beraten auch Schweizer KMU und Entscheidungsträger in Wirtschaft und Gesellschaft. Wo drückt der Schuh?

Das ist sehr unterschiedlich. Die meisten möchten gemeinsam mit uns eine Auslegeordnung vornehmen. Wo stehen sie im digitalen Wandel? Was müssen sie anpacken? Welche digitale Strategie sollen sie einschlagen? Wir arbeiten wie ein Allgemeinpraktiker und stellen eine erste Diagnose. Dann schicken wir die Leute zu unseren Spezialisten, zu Fachleuten mit grosser digitaler Erfahrung. Viele von ihnen unterrichten bei uns. Wir können auf ein grosses Netzwerk zurückgreifen.

 

Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Was bedeutet das für Arbeitnehmende?

Es gibt zahlreiche Vorteile. Arbeitnehmende können sich gut über mögliche Arbeitgeber informieren und erhalten bei der Stellensuche selber eine grosse Präsenz, indem sie beispielsweise auf Social-Media-Plattformen vertreten sind. Zudem sind viele nicht mehr an einen festen Arbeitsplatz gebunden. Sie können von zu Hause aus und unterwegs arbeiten. Sie sind also flexibler. Man hat alles auf einem Gerät und braucht nur eine Internet-Verbindung. Gleichzeitig stellt die ständige Erreichbarkeit natürlich auch eine Gefahr dar. Viele Arbeitgeber haben die Erwartung, dass man immer online ist. Das ist eine Belastung. Man muss sich abgrenzen.

 

Viele Jobs sind durch den digitalen Wandel bedroht.

Ja, gewisse Tätigkeiten werden künftig von Maschinen übernommen werden, vor allem repetitive Jobs – oder die Tätigkeiten werden an die Kunden delegiert. Denken wir zum Beispiel an die Kassiererinnen in den Supermärkten. Schon heute kann ich in vielen Geschäften meine Einkäufe selber einscannen. Weniger bedroht sind anspruchsvolle Jobs und Berufe einzelner Branchen, zum Beispiel in der Pflege.

 

Kundenbeziehungen haben sich durch Social Media verändert. Oft haben die Unternehmen aber keine klare Social-Media-Strategie. Was ist wichtig?

Es ist hilfreich, wenn man eine Strategie hat. Das ist für kleinere Firmen aber nicht zwingend. Wer bei den sozialen Medien den gesunden Menschenverstand anwendet, kann nicht viel falsch machen. Wichtig ist, dass man etwas zu sagen hat sowie authentisch, respektvoll und glaubwürdig kommuniziert. Es gibt ganz unerwartete Auftritte. Patrick Jean von der Zürcher Stadtpolizei zum Beispiel postet auf Facebook regelmässig über seinen Berufsalltag: informative, auch witzige Beiträge und beste Imagepflege für seinen Arbeitgeber. Sein Beispiel zeigt: Wer auf den sozialen Medien authentisch ist, kommuniziert erfolgreich.

 

Alles muss auf Facebook, jeder hat Twitter, viele wollen Instagram. Blogs sind unverzichtbar, Multichannel-Kommunikation ist zwingend. Verzetteln und überfordern wir uns?

Man sollte nur die Kanäle bespielen, die zum eigenen Angebot und zum Zielpublikum passen. Ein Coiffeurgeschäft zum Beispiel ist mit Facebook und Instagram gut bedient, Twitter bringt da in der Regel wenig. Man darf sich auf jeden Fall nicht zu viel aufhalsen und muss genügend Kapazität haben, die Online-Präsenz zu pflegen. Zwei, drei Plattformen genügen meistens.

 

Disruption ist in aller Munde. Bestehende Technologien und Geschäftsmodelle werden verdrängt und durch neue ersetzt. Beispiele sind etwa Uber und Airbnb. Sie bieten an der HWZ einen CAS Disruptive Technologies an. Was lernen die Studierenden?

Die Weiterbildung ist vor kurzem gestartet und sehr offen konzipiert. Die Studierenden sollen Technologien kennenlernen, die in den nächsten fünf Jahren relevant sein werden. Die Teilnehmenden setzen sich im CAS mit aktuellen Digitaltrends auseinander. Dazu gehören zum Beispiel Big Data, Virtual Reality, Augmented Reality, Drei-D-Druck-Technologien, Crowd Sourcing oder Innovation Shopping. Wir wollen im Kurs Inkubatoren aufbauen; die Studierenden sollen Werkzeuge in die Hand bekommen, die es ihnen erlauben, im eigenen Unternehmen digitale Entwicklungen wahrzunehmen und nutzbar zu machen. Dabei hat der Praxisbezug einen hohen Stellenwert. Wir besuchen Firmen, in denen zum Beispiel mit Drohnen experimentiert wird, oder wir besuchen Labs, in denen Roboter erprobt werden. Es geht darum, sich mit dem disruptiven Denken vertraut zu machen.

 

Die HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich hat eine Pionierrolle inne bei Weiterbildungen im Digital Business. Sie bieten mehrere CAS und einen MAS an. Wie ist die Nachfrage?

Sehr gut. Die Menschen wollen für den digitalen Wandel gut gerüstet sein. Der CAS Digital Leadership zum Beispiel, der im Februar startet, ist seit fast vier Monaten ausgebucht.

 

Die Digitalisierung ist total. Was kommt auf uns zu?

(Lacht). Wenn ich das wüsste, würde ich Aktien kaufen. Das Internet wird verschwinden, weil es Teil unseres Lebens sein wird – wie Strom, Eisenbahnen, Autobahnen. Man wird es nicht mehr als etwas Besonderes wahrnehmen. Das Digitale wird alle Lebensbereiche durchdringen, und wir werden immer online sein – dank speziellen Devices, Wearables, also tragbaren Computersystemen. Für Unternehmen wird die Herausforderung noch grösser, weil sich die Zielgruppen zunehmend fragmentieren. Der Wettbewerb wird sich verstärken, was für Unternehmen aber auch grosse Chancen bedeutet. Die Schweiz ist hier mit den vielen Start-ups bestens aufgestellt und kann sehr erfolgreich sein.

Manuel P. Nappo

Manuel P. Nappo ist Leiter des Center for Digital Business an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind: Social Media, Digital Communications, Mobile Business, Digital Transformation, Enterprise 2.0 sowie Startups und Tech Innovation. 2013 erhielt Nappo für seinen Beitrag zur digitalen Aus- und Weiterbildung von der IAB den Titel «Digital Pioneer of the Year». 2015 wurde er im Bereich Forschung/Lehre/Verbände zum Marketing/Kommunikation-Vordenker des Jahres gekürt.