Digitale Entgiftung - einfach abschalten

Andrea Söldi, 29.09.2016

Die digitalen Medien vereinfachen vieles, haben aber auch Stress-Potenzial. Ein sinnvoller Umgang erfordert neue Kompetenzen.

Für die meisten Hotels ist frei zugängliches WLAN ein Qualitätsmerkmal, mit dem sie bei ihren Gästen werben. Doch unterdessen preisen sich auch einige mit dem exakt gegenteiligen Angebot an: Internet-freie Zone. In Österreich und den USA haben sich bereits eine ansehnliche Zahl von Ferien-Unterkünften auf digital gestresste Menschen spezialisiert. Sie verzichten bewusst auf kabellose Internetverbindungen und wollen Erholungsbedürftige stattdessen mit Yoga, Meditation und gesundem Essen beglücken. Workshops und Lager werden organisiert, in denen Menschen Feuer machen, in der Natur tanzen und sich die Gesichter bemalen: Retour zu sinnlich-realen Erlebnissen. Die Bewegung namens Digital Detox – auf Deutsch: digitale Entgiftung – ist im kalifornischen Silicon Valley entstanden, wo sich tausende von Hightech-Firmen angesiedelt haben.

In der Schweiz ist der neue Gesundheitstrend erst langsam am ankommen. Dem Verband Hotelleriesuisse sind nur wenige Institutionen bekannt, die bewusst keine Netzverbindung zur Verfügung stellen; dazu gehören die Hotels Fafleralp und Langgletscher im Wallis; das Schloss Wartegg in Rorschacherberg bietet zwar Internet an, setzt jedoch auf Elektrosmog-freie Zimmer ohne Fernseher und WLAN. Es handle sich um Nischenangebote, teilt der Verband mit. Die Kundschaft verlange in der Regel ein ausgebautes digitales Angebot, vor allem in den Städten.

 

Von klein auf erlernen

Wie zielführend solche Angebote sind, bleibt sowieso umstritten. «Achtsame und gesundheitskompetente Personen lassen ihre Geräte einfach zu Hause oder schalten sie aus, wenn sie Ruhe brauchen», sagt Andreas Wieser von der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Doch dass sich auch hierzulande immer mehr Menschen von der Arbeit gestresst fühlen, sei eine besorgniserregende Tatsache. Gemäss einer Studie von Gesundheitsförderung Schweiz stehen 23 Prozent der Berufstätigen unter hoher psychischer Belastung. Früher oder später besteht die Gefahr, ein Burnout-Syndrom zu erleiden. Dabei spiele die technologische Entwicklung eine wesentliche Rolle, sagt Wieser. «Mit der Digitalisierung haben die Reize stark zugenommen.» Die Flut an Mails sowie Nachrichten über SMS, Whatsapp, Twitter, Facebook und anderen Portalen sorgen für ständige Störungen und Unterbrechungen beim Arbeiten. Zudem vermischen sich geschäftliche und private Angelegenheiten. Dies stört den Zyklus der An- und Entspannung. Mit den schnellen Medien verstärke sich zudem der Zeitdruck, stellt Wieser fest.

Die neuen Formen der Kommunikation seien aber keinesfalls nur negativ, betont der langjährige Mitarbeiter der Stiftung. «Sie bieten unglaubliche Möglichkeiten, die Arbeit flexibel zu gestalten», sagt Wieser, der selber häufig vom Zug oder einem Restaurant aus arbeitet. Und dies nicht immer zu konventionellen Bürozeiten. Auch Home-Office-Tage erlaubt das Internet – ein immer beliebteres Instrument, das vor allem Leuten mit langem Arbeitsweg entgegen kommt und gleichzeitig die Verkehrswege entlastet. Aber ein vernünftiger Umgang mit digitalen Technologien und den damit verbundenen Freiheiten erfordere auch neue Fähigkeiten, weiss Wieser. Einerseits gehört dazu eine gute Kenntnis der verschiedenen Programme und Tools, anderseits sei es wichtig, die Wahl der Medien- und des Arbeitsplatzes dem eigenen Rhythmus anzupassen. «Arbeitnehmende verschiedenen Alters sowie Kinder und Jugendliche lernen, mit den Einflussfaktoren der neuen Informationstechnologien umzugehen.» Der umstrittene Lehrplan 21, den diverse Kantone demnächst an der Volksschule einführen, legt vermehrt Wert auf den Erwerb entsprechender Kompetenzen.

 

Firmen in der Verantwortung

In der Arbeitswelt nehmen Vorgesetzte dabei eine wichtige Rolle ein. Wenn der Chef abends um 22 Uhr noch Mails verschickt, fühlen sich viele Mitarbeitende unter Druck, sofort zu antworten. Immer mehr Firmen erlassen deshalb einen Kommunikations-Codex. Darin wird zum Beispiel festgehalten, innerhalb welcher Frist Mails beantwortet werden sollten und zu welchen Zeiten Erreichbarkeit erwartet wird. Einige Unternehmen greifen auch zu Massnahmen, wie die Server über Nacht auszuschalten.

Denn Vorgesetzte sind sich der Gefahr von Burnout-Zuständen und ihren Folgekosten zunehmend bewusst und investieren deshalb in die Prävention. Unterstützung für ein umfassendes betriebliches Gesundheitsmanagement bietet etwa Gesundheitsförderung Schweiz. Führungskräfte werden in Workshops geschult und bis anhin haben 61 Organisationen das Label Friendly Work Space erworben. Um die Auszeichnung zu erhalten, unterziehen sie sich einem tiefgreifenden Prozess, der diverse Aspekte einschliesst – unter anderem ein gesundheitsförderlicher Umgang mit digitalen Medien.

Tipps für die digitale Entgiftung

  • Nehmen Sie sich bewusste Auszeiten, in denen das Handy ausgeschaltet oder leise gestellt bleibt.
  • Erkundigen Sie sich an der Arbeit nach Regeln, wann und wie digitale Präsenz erwartet wird. (Beantworten von Mails innerhalb welcher Zeitspanne? Erreichbarkeit in der Freizeit?)
  • Richten Sie während der Ferien unbedingt einen Abwesenheits-Assistenten im Mailprogramm ein. Dies befreit vom Druck, sofort antworten zu müssen.
  • Ein Trick, um nach den Ferien noch in Ruhe Mails beantworten und sich Überblick über anstehende Aufgaben verschaffen zu können: den Abwesenheits-Assistenten noch ein, zwei Tage länger eingeschaltet lassen.
  • Das Handy gehört nichts ins Schlafzimmer. Besorgen Sie sich wieder einen separaten Wecker.

Und wie geht das?

Raphael Nater, 30, freischaffender Programmierer

«Ich habe mir vor einem guten Jahr eine Smartwatch angeschafft, auf der ich neben der Zeit auch SMS lesen kann sowie kurze Antworten wie ja oder nein verschicken. Dies war ein bewusster Schritt: Früher habe ich häufig aufs Handy geschaut und mich dann oft verleiten lassen, noch irgendetwas im Internet zu machen. Zum Beispiel ein Newsportal zu besuchen. Ich konnte mich zu wenig abgrenzen und fühlte mich manchmal gestresst. Auch Freunde haben sich daran gestört, dass ich während Gesprächen zu viel aufs Smartphone schaue. Nun bleibt es stets auf lautlos und ich beantworte nur noch die wichtigen Nachrichten sofort. Das meiste kann warten. So arbeite ich wieder viel konzentrierter.»

 

Sharon Saameli, 25, Studentin und Journalistin

«Kürzlich ist mein Smartphone kaputt gegangen. Am ersten Nachmittag ganz ohne Telefon war ich ziemlich nervös – und ärgerte mich gleichzeitig über mich selber. Dann lieh mir ein Kollege sein altes, nicht internet-taugliches Mobiltelefon aus. Auch damit fühlte ich mich noch recht abgeschnitten von der Welt. Denn ich bewege mich häufig auf verschiedenen Messenger-Plattformen und in Gruppenchats. Ausserdem höre ich Musik und lese Zeitung auf dem Handy. Ich bin fast immer erreichbar. Meistens stresst mich das nicht. Nur manchmal, wenn es gerade viel läuft, empfinde ich es als Ablenkung. Wenn ich lernen sollte oder mit jemandem ungestört sprechen will, schalte ich auf lautlos.»

 

Marius Söldi, 19, Polymechaniker-Lehrling

«Ich benutze mein Handy, um Nachrichten zu schreiben, lade Musik vom Internet herunter, game und bin auf Instagram und Facebook. Manchmal stresst es mich, wenn es dauernd piepst, weil gerade alle in einem Gruppenchat aktiv sind. Dann stelle ich es auf lautlos. Und wenn ich schlafen will, schalte ich das Internet ganz aus. In der Berufsschule dürfen wir das Telefon eigentlich nicht bedienen, aber die meisten Lehrer tolerieren es trotzdem, wenn wir ein wenig herumsurfen. In letzter Zeit geht es mir manchmal auf die Nerven, wenn Kollegen dauernd am Handy hantieren, statt miteinander zu sprechen. Ich habe es ihnen schon gesagt, bin aber nicht auf viel Verständnis gestossen.»