Jobsharing: Eine gemeinsame Sache

Andrea Söldi, 10.03.2017

Teilzeit arbeiten in einer Leitungsposition? Jobsharing bietet neue Möglichkeiten, die hierzulande aber noch wenig bekannt sind.

Wenn man zu einer Versicherung geladen ist, stellt man sich gemeinhin auf ein konventionelles Bürogebäude ein. Das Treffen mit Cécile Oberholzer und Christina Meyer dagegen findet im trendigen Café Auer in der Nähe des Hauptbahnhofs Zürich statt, das einem Coworking-Space angegliedert ist. In diesem inspirierenden Umfeld sind die Mitarbeiterinnen der Axa Winterthur jeweils am Donnerstag gemeinsam im Einsatz; an anderen Tagen arbeiten sie auch am Hauptsitz in Winterthur. Die beiden teilen sich eine 120-Prozent- Stelle im neunköpfigen Innovationsteam. «Wir kennen uns schon lange und haben seit Jahren über Jobsharing als Arbeitsmodell gesprochen», erzählt die Innovationsmanagerin Christina Meyer. Als die Frauen dann vor einem guten Jahr auf die ausgeschriebene Stelle aufmerksam wurden, bewarben sie sich gleich im Doppelpack. «Es klappte bereits beim ersten Mal», freut sich ihre Teamkollegin Cécile Oberholzer. Die Mütter von je zwei Kindern im Vorschulalter arbeiten zu 60 Prozent, meist am gleichen Projekt. Hauptaufgabe des Teams ist es, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und die digitale Innovation voranzutreiben. Das Jobsharing bedinge eine gute Absprache, erklärt Meyer. «Wir halten uns per digitale Kommunikation gegenseitig auf dem Laufenden.» Eine Bereicherung sei das Modell auch, weil sie Ideen gemeinsam weiterentwickeln könnten, ergänzt Oberholzer. Zufrieden ist auch Teamleiter Ivo Streiff: «Es ist stets eine Ansprechperson zugegen.» Mehr als eine Stelle im Jobsharing zu besetzen, kann er sich aber dennoch nicht vorstellen. «Es braucht auch die Konstanz und Stabilität der anderen Teammitglieder mit einem Vollzeitpensum.»

 

Für beide Seiten ein Gewinn

Meyer und Oberholzer sind nicht die einzigen Axa-Mitarbeiterinnen mit speziellen Konditionen. Die Versicherung zeigt sich aussergewöhnlich offen für flexible und familienfreundliche Arbeitsmodelle. So arbeitet zum Beispiel rund ein Fünftel des oberen Managements Teilzeit, darunter auch ein Mitglied der Geschäftsleitung. Speziell sind zudem die Generationentandems, bei denen sich Junge und Ältere eine Stelle teilen und verschiedene Blickwinkel einbringen. So könne gleichzeitig die Nachfolge geregelt werden, erklärt Yvonne Seitz, die 2008 unter anderem für die Förderung attraktiver neuer Arbeitsmodelle eingestellt wurde. «Wir wollen die beste Leistung, gehen aber auch auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden ein», sagt die Diversity-Verantwortliche. Das Entgegenkommen zahle sich auch für das Unternehmen aus: Die Mitarbeitenden bleiben ihm bei veränderten Lebensbedingungen erhalten und sind ausgesprochen motiviert.

Ist Jobsharing das flexible Arbeitsmodell der Zukunft?

Am 13. März 2017 findet unter dem Titel «Erfolgreich in Beruf & Familie» im Zürcher Kaufleuten ein Referat mit Podiumsdiskussion statt.

Firmen zeigen Interesse

«Jobsharing ist mehr als Teilzeitarbeit», betont Sara Müller. Die ehemalige Teamleiterin im Risikomanagement einer Grossbank hat aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen einen Ratgeber über das Thema verfasst und eine Webseit lanciert (s. Box). Nach der Geburt ihrer Tochter arbeitete sie zu 60 Prozent weiter und teilte die Verantwortung mit einer Kollegin. «Mit dem Jobsharing- Modell ist es möglich, auch Führungspositionen im Teilzeitpensum zu bekleiden», sagt die 40-Jährige. In den meisten Jobs könnten Aufgaben auf zwei oder drei Personen verteilt werden. Voraussetzung seien jedoch eine gute Absprache, absolutes gegenseitiges Vertrauen sowie ein ähnlicher Arbeitsstil der Stellenpartnerinnen: «Die Chemie muss stimmen.» Obwohl derzeit vorwiegend Frauen im Jobsharing arbeiten, tauge das Modell genauso gut für Männer, sagt die Inhaberin der selber gegründeten Firma Jobsharing Consulting. «Es ermöglicht eine bessere Work-Life-Balance und lässt mehr freie Zeit für Familie und andere Engagements.» Zudem habe es auch für die Arbeitgeber viele Vorteile: Bei Krankheit oder Ferien steht stets eine zweite Person zur Verfügung. Steigt einer der Stellenpartner aus, bleibt das Know-how im Betrieb. Besonders sinnvoll sei die Einführung von Doppelbesetzungen, wenn ein Unternehmen Stellen streichen muss, führt Müller aus. So können Entlassungen vermieden werden. Teilzeitarbeit ist in der Schweiz schon relativ verbreitet – zumindest in typischen Frauenbranchen wie Pflege oder Lehrberufen. Wegen der im Vergleich mit dem Ausland hohen Löhne, können viele Arbeitnehmende von einem Teilzeit-Pensum leben. Dagegen sei das Jobsharing-Modell hierzulande noch wenig bekannt, sagt Sara Müller, die unermüdlich bei Firmen für das Anliegen weibelt. «Es braucht noch viel Aufklärungsarbeit.» Doch besonders bei den grossen Unternehmen wie Banken, Versicherungen und Pharma stosse sie auf Offenheit, sagt Müller. Und wenn das Thema einmal bei den Trendsettern angekommen sei, würden bestimmt auch KMU nachziehen, hofft sie.

 

Verantwortung als Bereicherung

Bereits drei Jahre Erfahrung mit Jobsharing hat die Pflegefachfrau Nadja Ninaus. Zusammen mit einer Kollegin leitet sie ein 20-köpfiges Team auf der Notfallstation des Zürcher Stadtspitals Triemli. «Wir vertrauen einander und verhalten uns gegenseitig loyal», sagt Ninaus. Vor der Geburt ihrer heute fünfjährigen Tochter übte die Pflegefachfrau dieselbe Funktion im Vollzeitpensum aus. «Ich bin froh, dass ich mich mit jemandem absprechen kann», sagt Ninaus. Dass sie die Verantwortung nun teilen kann, erfährt sie als Bereicherung. Der Informationsfluss funktioniere reibungslos. «Wir ergänzen uns persönlich und fachlich ausgezeichnet», sagt die Co-Gruppenleiterin. Der Vorschlag für das Jobsharing sei von den Teammitgliedern ausgegangen, die ihre frühere Leiterin nicht verlieren wollten. Bei den Vorgesetzten habe es etwas Überzeugungsarbeit gebraucht, sagt Ninaus. Doch heute sei die Arbeitsweise voll akzeptiert. Schliesslich ist Jobsharing im Triemli-Spital nichts Neues. Bereits 2008 nahm das Spital eine Vorreiterrolle ein, indem es eine Chefarztposition mit zwei Personen besetzte: Die beiden Ärztinnen Brida von Castelberg und Stephanie von Orelli teilten sich über vier Jahre die Leitung der Frauenklinik. Nach von Castelbergs Pensionierung übernahm Natalie Gabriel ihre Stelle.

Nützliche Tipps für ein modernes Arbeitsmodell

Ein Ratgeber von Sara Müller. Islandbooks 2016

In ihrem Ratgeber erklärt Sara Müller, was Job-Sharing von Teilzeitarbeit unterscheidet, für wen das Arbeitsmodell geeignet ist und worauf es im Alltag ankommt. Die Autorin geht auf den Wandel in der Gesellschaft und der Arbeitswelt ein und erteilt Tipps für künftige Stellenpartner und Stellenpartnerinnen. Die Publikation umfasst 50 Seiten, ist gut strukturiert und einfach lesbar.

 

jobsharing-consulting.ch

Mit Romantik hat Sara Müllers Webseite nichts zu tun. Vielmehr finden Interessierte auf dem Portal geeignete Stellenpartner, um sich gemeinsam zu bewerben, oder einen passenden Coach, der sie persönlich berät. Unternehmen können Stellen im Jobsharing-Modell ausschreiben. Auf dem Portal sind zudem Daten zum Jobsharing-Speed-Network ersichtlich. Jeden Monat findet ein Anlass statt, bei dem sich Interessierte aus verschiedenen Branchen persönlich begegnen. Wie bei Speed-Dating-Anlässen haben potenzielle Stellenpartner je sieben Minuten Zeit, sich kennenzulernen. Danach wechseln sie zum nächsten Kandidaten.

 

go-for-jobsharing.ch

Eine weitere Plattform zum Thema ist die Webseite Go For Jobsharing des Vereins PTO (Part Time Optimisation). Das Projekt wird durch das Eidgenössische Büro für Gleichstellung von Frau und Mann finanziert. Das Portal bietet umfangreiche Informationen und Tipps zum Jobsharing, jedoch keine Vermittlung von Stellen oder Stellenpartnern.