Work-Life-Integration: Regeneration ist fundamental

Therese Jäggi, 17.05.2017

Arbeits- und Privatleben sollen in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Dafür engagieren sich viele Firmen, unter anderem auch deshalb, weil sie sich davon einen Vorteil bei der Rekrutierung versprechen.

Zweifellos, der Ausdruck Work-Life-Balance taugt nicht viel, heute weniger denn je. Er suggeriert, dass zwischen Arbeit und Leben eine klare Trennlinie verläuft. Der Begriff wird seit den 1990er-Jahren international diskutiert, oftmals ohne genaue Definition. Ganz generell gesagt, verstehen wir darunter eine intelligente Kombination von Arbeits- und Privatleben. Die Entstehung des Begriffs geht ins 19. Jahrhundert zurück, als im Zusammenhang mit der industriellen Revolution Haus- und Erwerbsarbeit immer mehr auseinanderdrifteten.

Heute nun geht der Trend dank neuer Technologien und Arbeitsverhältnisse wieder in die umgekehrte Richtung: Zeitliche und räumliche Grenzen verlieren zunehmend an Bedeutung.

«Die Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens, während der wir einen grossen Teil unserer Lebenszeit verbringen, daher sollten Arbeit und Freizeit keine Gegensätze darstellen, sondern – da sie um den Faktor Zeit konkurrieren – so gut wie möglich in die Lebensplanung und Sinnfindung jedes einzelnen Menschen integriert werden», schreibt Daniela Stockinger in ihrem Buch «<Work-Life-Balance> war gestern…». Im Zusammenhang mit den veränderten Gegebenheiten schlägt sie vor, neu den Begriff «Work-Life-Integration» zu verwenden.

 

Überall präsent

Doch obwohl obsolet, ist die sogenannte Work-Life-Balance omnipräsent. Kaum ein Unternehmen, auf dessen Webseite oder in dessen Leitbild nicht wortreich erklärt wird, dass dem Anliegen grosse Bedeutung zukomme und welche Massnahmen und Angebote zum Vorteil der Mitarbeitenden zur Verfügung stünden.

Wo genau setzen Firmen Schwerpunkte? «Wir nutzen die Chancen der technologischen Neuerungen und fördern flexible Arbeitsformen wie individuelle Teilzeitarbeit, Homeoffice und interdisziplinäre Zusammenarbeit», sagt Jürg Thalmann, Mediensprecher der Schweizerischen Mobiliar. Bezüglich der Gefahr, rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen, setzt die Versicherungsgesellschaft auf das betriebliche Gesundheitsmanagement. Dabei sei die Sensibilisierung der Mitarbeitenden, aber auch der Vorgesetzten von grosser Bedeutung. «Sehr wichtig ist auch die sorgfältige und durchdachte Gestaltung der Arbeitsumgebung, in der sich die Mitarbeitenden wohl fühlen, leistungsfähig, kreativ und innovativ sind.» Die Mobiliar sei daran, ihre Büros in offene Multispacelandschaften umzubauen, mit Bereichen für ruhiges und konzentriertes Arbeiten, Kreativzonen für den Austausch sowie Bereiche, die auf das Gespräch unter vier Augen oder auf das Telefonieren ausgerichtet sind.»

 

Flexible Arbeitsmodell gefragt

«Bei Sonova hat Work-Life-Balance schon immer einen hohen Stellenwert gehabt», sagt Patrick Lehn, Kommunikationsleiter des international tätigen Hörgeräteherstellers. Sonova richte ihr Angebotsportfolio an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden aus, dabei stünden Flexibilität, Gesundheit, Familie und Mobilität im Vordergrund. «Am Hauptsitz in Stäfa unterstützen wir flexible Arbeitsmodelle wie Teilzeitarbeit, Job-Sharing und Heimarbeitsplätze», betont Patrick Lehn. Ausserdem gebe es eine gruppenweite Gesundheitsinitiative: Es finden regelmässig Sportanlässe für Mitarbeitende statt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ebenfalls ein wichtiges Thema: Das Unternehmen betreibt eine firmeneigene Kinderkrippe, und der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist mit 39% vergleichsweise hoch. Im Bereich Mobilität hat man laut Patrick Lehn erreicht, dass 60 Prozent der Mitarbeitenden für ihren Arbeitsweg die öffentlichen Verkehrsmittel benützen.

 

Präsentismus als Warnsignal

«Wenn heute von Work-Life-Balance gesprochen wird, geht es in erster Linie um flexible Arbeitsmodelle», sagt Cécile Bachmann, Leiterin der Medienstelle von Raiffeisen Schweiz. Als einen der Schwerpunkt erwähnt sie denn auch die Ermöglichung von mobilem Arbeiten, ausserdem die Gestaltung der Arbeitswelten, Führung in Teilzeit, Angebote für die Kinderbetreuung, Pilotversuche mit Coworking-Spaces sowie die permanente Verbesserung der IT-Infrastruktur.

Auch bei der Bank Coop AG kommt man laut Kommunikationsleiterin Natalie Waltmann den Bedürfnissen vieler Mitarbeitenden und Bewerbenden entgegen mit dem Angebot flexibler Arbeitszeitmodelle. «Gerade unsere 90/95-Modelle und vermehrt auch klassische Teilzeitmodelle gewinnen an Bedeutung.» Bezeichnend sei dabei die steigende Quote gerade auch bei Führungskräften. «Auch erlauben wir, dort wo es sinnvoll und praktikabel ist, die Möglichkeit von mobilem Arbeiten.» Auf die Frage, woran man erkenne, dass bei einem Mitarbeiter die Work-Life-Integration gefährdet sei, antwortet Natalie Waltmann: «Am einfachsten erkennt man ein Ungleichgewicht bei überdurchschnittlich hoher Präsenz bis hin zum sogenannten Präsentismus. Mitarbeitende verzichten in solchen Fällen auf die ihnen zustehende Erholung und arbeiten auch in krankem Zustand.»

 

Burnout-Spirale vermeiden

Carla Weber, Psychologin beim Kaufmännischen Verband, stellt bei ihren Klienten häufig fest, dass die Work-Life-Integration nicht mehr im Lot ist. «Die Betroffenen stecken meist schon tief in der Burnout-Spirale.»  Am Arbeitsplatz sind sie hohen Belastungen ausgesetzt und stehen unter Erfolgsdruck. Die Erwartung nach ständiger Erreichbarkeit führe dazu, dass manche kaum mehr abschalten könnten. Im Leben der Betroffenen nehme die Arbeit einen dermassen überproportionalen Stellenwert ein, dass sie glaubten, für Regeneration gar keine Zeit mehr zu haben. Laut Carla Weber ein fataler Trugschluss. Regeneration ist ihrer Meinung nach nicht nice to have, sondern essentiell. Die psychischen Belastungen führten oft auch zu körperlichen Beschwerden: Schlaflosigkeit, Essstörungen, Magen-Darm-Probleme. Häufig kämen auch noch Konflikte im Privatleben hinzu, was das Drehen in der Abwärtsspirale nur noch beschleunige.

Was tun, wenn man realisiert, dass das Leben in die falsche Richtung läuft? «Gegensteuer geben», sagt Carla Weber. «Zum Beispiel auch einmal gar nichts tun.» Und sonst alles, was dem Stress und der Verspannung entgegenwirke: Natur, Bewegung, Luft, Licht. Natürlich könne man auch mit ständigem Blick auf die Uhr auf einen Marathon trainieren, aber um herunterzukommen ist es ihrer Meinung nach nicht geeignet, weil wiederum das Leistungsprinzip im Vordergrund steht. Im Grunde gehe es bei diesem Gegensteuern um Binsenwahrheiten, die jeder kenne, x-fach schon gehört und gelesen habe. «Aber die Erkenntnis ist halt noch nicht die Umsetzung.» Dabei sind auch die Arbeitgeber gefordert. Sie würde sich wünschen, sagt Carla Weber, dass Arbeitgeber die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden mindestens so wertschätzten wie deren Output. «Denn was ist eine herausragende Leistung wert, wenn sie beim Mitarbeiter, der sie erbracht hat, zu Beeinträchtigungen geführt hat?»

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Vorteil bei der Rekrutierung

Carla Weber vermutet, dass sich die zunehmende Vermischung von Arbeit und Privatleben eher negativ auf eine gute Work-Life-Integration auswirke. Rita Kaspar von der HR-Abteilung bei Siemens sagt dazu: «Es gibt Menschen, die benötigen eine klare Trennung von Arbeit und Privatleben, um eine gesunde Balance halten zu können. Andere schätzen die Flexibilität einer Vermischung.» Für viele liege das Ideal vermutlich irgendwo in der Mitte. Flexible Arbeitsmodelle kommen ihrer Meinung nach allen Charakteren entgegen, weil das individuell optimale Modell gewählt werden und immer wieder an die jeweils aktuellen Lebensumstände angepasst werden kann.

In einem Punkt sind sich alle von Context angefragten Unternehmen einig. Ein Engagement im Bereich Work-Life-Integration ist ein Vorteil bei der Personalrekrutierung. Das ist in Zeiten des Fachkräftemangels entscheidend.

«Wir gewinnen viele Mitarbeitende, die Raiffeisen als Arbeitgeber hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr schätzen und sich darum für uns entscheiden», sagt Cécile Bachmann. Auch Jürg Thalmann von der Mobiliar ist überzeugt, dass ein Angebot in diesem Bereich entscheidend sein kann: «Die Bedürfnisse gehen klar in diese Richtung.» Und Patrick Lehn von Sonova meint: «Unsere zahlreichen und auf den jeweiligen Arbeitsort abgestimmten Initiativen tragen dazu bei, dass Sonova als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird.» Wichtig bei all dem aber sei, dass sich das Engagement in konkreten Angeboten und Massnahmen widerspiegle, sagt Philipp Lutz, Medienbeauftragter des Kantonsspitals St. Gallen. «Nur darüber reden, bringt nicht viel.»

Daniela Stockinger: «Work-Life-Balance» war gestern… Wie durch eigenverantwortliche und betriebliche Massnahmen die Integration von Arbeit und Leben gelingt. disserta Verlag, Hamburg 2015.

Tipps für das Gleichgewicht

Versuchen Sie es einmal mit einem oder mehreren der folgenden Tipps. Sie können dazu beitragen, dass Ihre Work-Life-Balance nicht aus dem Gleichgewicht fällt.

  • Minimieren Sie den selbstverursachten Stress: Stellen Sie keine zu hohen Ansprüche an sich selbst.
  • Versuchen Sie, durch langfristige Planung Termindruck zu vermeiden.
  • Treiben Sie regelmässig Sport, mindestens zweimal wöchentlich 20 Minuten.
  • Legen Sie alle zwei Stunden eine zwei- bis fünfminütige Pause ein. Schalten Sie einfach einen Moment lang ab, atmen Sie tief und ruhig durch und machen Sie ein paar Entspannungsübungen. Medizinische Studien haben gezeigt, dass solche Minipausen die Leistungsfähigkeit um bis zu 30 Prozent steigern.
  • Wenn Sie Probleme haben, sich zu entspannen, können verschiedene Entspannungstechniken wie autogenes Training, Yoga oder Gymnastik hilfreich sein.
  • Trinken Sie viel Wasser (zwei Liter über den Tag verteilt), aber nur mässig Alkohol und verzichten Sie aufs Rauchen.

Quelle: Beobachter