Sanfter Übergang in die Pensionierung

Andrea Söldi, 15.06.2017

 Immer mehr Firmen kommen den Bedürfnissen ihrer älteren Mitarbeitenden entgegen. Davon profitieren beide Seiten.

Bis zur Pensionierung voll arbeiten und dann von einem Tag auf den anderen nur noch im Schaukelstuhl sitzen? Das Von-hundert-auf-null-Modell ist immer noch der am häufigsten praktizierte Übergang ins Rentenalter. Für viele Senioren ist das jedoch schwierig. Heinrich Scheuber hat deshalb einen anderen Weg gewählt. Der ehemalige technische Leiter beim Energie-Versorgungsbetrieb Energie Wasser Luzern (ewl) hat sein ganzes Arbeitsleben lang Vollgas gegeben. Mit 62 Jahren jedoch beschloss er, sein Pensum auf 80 Prozent zu reduzieren und stiess beim Arbeitgeber auf Gehör. «Ich empfand das Vollzeit-Pensum als zunehmend ermüdend und wollte etwas mehr vom Leben haben», blickt der 66-Jährige zurück, der nun seit einem Jahr im Ruhestand ist. An den verlängerten Wochenenden trieb er fortan mehr Sport, unternahm mit seiner Frau zusammen Berg- und Velotouren oder kümmerte sich um Haus und Garten.

Gleichzeitig bereitete er sich selber und seine Arbeitskollegen allmählich auf sein Ausscheiden aus dem Betrieb vor. Er konnte seinen Nachfolger, der 20 Jahre jünger ist, gründlich einarbeiten und ihm seine Aufgaben übertragen. Ganz einfach fiel ihm das Abgeben nicht immer: «Man muss bereit sein, auch wieder einfachere Arbeiten zu übernehmen», blickt Scheuber zurück. Bei diesem Prozess waren auch die Workshops zum Thema Pensionierung hilfreich, welche das Unternehmen anbietet. Gemeinsam mit seiner Ehefrau setzte er sich mit gesundheitlichen und psychologischen Aspekten auseinander sowie mit der neuen Rolle in Gesellschaft und Partnerschaft nach Ende des Erwerbslebens. Für Heinrich Scheuber scheint der Übergang geglückt zu sein: « Ich hatte einen schönen Abgang. Ich schloss die Tür hinter mir und hatte das Gefühl, dass es mich hier nicht mehr braucht.»

 

Gute Leute werden knapper

In den letzten Jahren haben sich viele Unternehmen mit alternativen Pensionierungsmodellen befasst. Ein wichtiger Grund dafür ist der zunehmende Fachkräftemangel, der sich in den nächsten Jahren noch verschärfen wird – dann nämlich, wenn die Babyboomer in Rente gehen. Dies wird die Wirtschaft zwischen 2025 und 2035 besonders stark zu spüren bekommen. Gleichzeitig ist die Anzahl Frühpensionierungen in den letzten Jahren auf 40 Prozent gestiegen. Firmen, die auf das Fach- und Betriebswissen sowie die langjährigen Kontakte älterer Arbeitskräfte angewiesen sind, tun also gut daran, ihnen entgegenzukommen und einen sanften Übergang zu ermöglichen.

 

Rente sichern

Bei der Versicherungsgesellschaft Swiss Life zum Beispiel haben Mitarbeitende jeden Alters schon länger die Option, in verschiedenen Teilzeitpensen zu arbeiten oder flexible Formen wie etwa Mobile Office wahrzunehmen. Für über 58-Jährige hat das Unternehmen nun das Modell 58+ entwickelt, ein über zwei Jahre angelegtes Pilotprojekt. Dieses erlaubt den Mitarbeitenden, einen Funktionswechsel oder eine Reduktion des Beschäftigungsgrads vorzunehmen, ohne Verluste in der Pensionskasse hinnehmen zu müssen. Sie können ihr Rentenalter flexibel gestalten und auch bis zum Alter von 70 Jahren weiterarbeiten.

«Damit ermöglichen wir älteren Mitarbeitenden die aktive, individuelle Gestaltung des Übergangs vom Berufsleben zur Pensionierung», sagt Bettina Kurth, Leiterin HR Schweiz. Zudem würden sich so die persönlichen Bedürfnisse mit den betrieblichen vereinbaren lassen: Die Erfahrungen und Kontakte langjähriger Mitarbeitender gehen nicht von einem Tag auf den anderen verloren, der Wissenstransfer wird sichergestellt, Nachfolgeregelungen können besser angegangen werden und die Generationenvielfalt bleibt gewahrt. Letztere ist sowohl  innerhalb der Arbeitsteams als auch bei der Kundenbetreuung ein wichtiger Aspekt, wie Kurth erklärt: «Jede Altersgruppe bringt Stärken und Wertvorstellungen mit.» Das Zusammenspielen verschiedener Optiken führe häufig zu besseren Resultaten.

 

Mit 68 noch gut im Schuss

Bereits rund ein Drittel der Swiss-Life-Mitarbeitenden über 58 nutzen die flexiblen Arbeitsmodelle. Eine davon ist Isabela Dominguez. Die Juristin gehört seit über 25 Jahren dem Rechtsdienst an. Im Alter von 64 Jahren mit dem Arbeiten aufzuhören, war für Dominguez keine erfreuliche Aussicht. Zu viel Freude hat sie immer noch an ihrem Beruf, zu viel Energie steckt noch in der 68-Jährigen. Deshalb nutzte sie die Chance und verlängerte ihren Vertrag bei gleichbleibendem Vollzeitpensum. «Die Arbeit ist vielfältig und spannend und wir sind ein super Team», sagt Dominguez. Sie fühle sich immer noch voll integriert und pflege auch mit jüngeren Kollegen beste Kontakte. Zudem seien ihre Kompetenzen immer noch sehr gefragt, sagt die fliessend französisch und italienisch sprechende Fachfrau. Neue Mitarbeitende zu finden, die Sprachen gut beherrschen, sei gar nicht so einfach.

Wenn sie weiterhin so gesund und vital bleibt, möchte Isabela Dominguez noch bis 70 unverändert weiterarbeiten. Sogar danach kann sich die Juristin noch vorstellen, in der Kanzlei einer befreundeten Anwältin ehrenamtlich Aufgaben zu übernehmen. «Ich habe keine familiären Verpflichtungen und will nicht dauernd Ferien machen», stellt Isabela Dominguez klar. «Ich habe Freude an meiner Arbeit und empfinde sie in keiner Weise als belastend.»

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Verschiedene Wege in den Ruhestand

Verschiedene Unternehmen haben diverse Modelle entwickelt, um den Bedürfnissen älterer Mitarbeitenden gerecht zu werden. So sollen Frühpensionierungen reduziert und der Wissenstransfer gewährleistet werden. Die Bezeichnungen der verschiedenen Modelle sind jedoch nicht einheitlich und die Bedingungen variieren je nach Betrieb. Zudem gibt es Überschneidungen.

  • Teilzeitarbeit: Kürzere Arbeitstage oder mehr Freitage.
  • Fliessende Pensionierung: Senkung des Beschäftigungsgrades vor der Pensionierung, im Gegenzug Verlängerung der Tätigkeit über das Pensionsalter hinaus.
  • Bogenkarriere: Ältere Mitarbeitende geben allmählich Verantwortung ab und übernehmen andere Funktionen und Aufgaben innerhalb der Firma. Zum Beispiel treten sie von einer Führungsfunktion zurück und haben stattdessen fortan eine Projektleitung inne. Dieser Schritt ist oft auch nötig, um das Pensum zu reduzieren.
  • Generationentandem: Ein jüngerer und ein älterer Mitarbeiter teilen sich eine Stelle und bringen dabei verschiedene Sichtweisen ein. Das Modell ermöglicht zudem Teilzeitarbeit und Wissenstransfer.
  • Mentoring: Ältere Mitarbeitende werden als Mentoren für Jüngere eingesetzt. Besonders für Führungskräfte geeignet.
  • Stafettenmodell: Schrittweise Übergabe belastender Aufgaben an eine nachfolgende Person, evtl. auch verbunden mit der Übernahme weniger anspruchsvoller Tätigkeiten – also ein allmählicher Tausch der Funktionen.
  • Pool von Ehemaligen: Ehemalige Angestellte arbeiten als Berater, Mentorinnen oder an speziellen Projekten weiter. Sie stehen bei Spitzenbelastungen zur Verfügung. Das Pensum variiert von einzelnen Springereinsätzen bis zur fixen Teilzeitstelle.
  • Lebensarbeitszeit: Bereits früher im Arbeitsleben wird ein Guthaben an Zeit oder Geld angespart, das später in Form von längeren Ferien oder einer Arbeitszeitreduktion bezogen werden kann. (13. Monatslohn, Treueprämie, übergesetzliche Ferienwoche, Sonntags- und Nachtzulagen)