Freelancer arbeiten heute wie Rockbands

Rolf Murbach, 22.06.2017

Freelancer bieten ihre Dienstleistungen auf dem digitalen Arbeitsmarkt an. Die Vermittlung von Jobs erfolgt dank ausgeklügelten Plattformen immer schneller. Wenige Klicks genügen, damit sich Anbieter und Auftraggeber finden.

Die Gig-Ökonomie legt kräftig zu. Rund 25 Prozent aller Schweizer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind unter anderem freiberuflich tätig, üben als Freelancer – ganz selbstständig oder neben einer Festanstellung – einen oder mehrere Jobs aus und hangeln sich wie Rockbands von Gig zu Gig. Das hat einerseits damit zu tun, dass viele Firmen bei Festanstellungen zurückhaltend sind. Sie engagieren Fachkräfte nur dann, wenn sie diese benötigen. Andererseits schätzen immer mehr Menschen die freie Arbeitsweise und die damit verbundene Unabhängigkeit. Sie entscheiden sich aus eigenen Stücken für die Gig-Ökonomie.

Die Arbeitswelt verändert sich aufgrund der Digitalisierung und dem zunehmenden Einsatz von Robotern kontinuierlich und schnell. Industrielle Revolutionen haben Gesellschaften schon immer umgekrempelt. Noch nie aber ist ein Wandel in so hohem Tempo erfolgt. Berufe verändern sich, Jobs werden vernichtet, aber es entstehen auch neue. Das bedeutet: Arbeitskräfte müssen flexibel sein, sich auf die veränderten Aufgaben einstellen und häufig eben auf eine Festanstellung verzichten.

 

Befristete Jobs

Laut Studien der Beratungsfirmen McKinsey und Deloitte werden Temporäranstellungen künftig weiter stark zulegen. Treiber des Wandels sind neben Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch die Technologie. Eine Schlüsselrolle spielen dabei digitale Plattformen, die Akteure miteinander vernetzen. Freelancer publizieren ihre Angebote online, Kunden buchen die Freiberufler mit wenigen Klicks. Bewertungssysteme helfen bei der Entscheidungsfindung. Klassiker solcher Vermittlungsplattformen sind Booking, Airbnb und Uber. Diese digitalen Marktplätze verändern das unabhängige Arbeiten massiv. Denn dank der Allgegenwart von mobilen Geräten, einem enormen Pool von Arbeitskräften und Kunden sowie der Möglichkeit von Echtzeit-Informationen finden sich Freiberufler und Auftraggeber immer schneller. In den letzten zwei Jahren haben vor allem Start-ups solche Plattformen lanciert. Wir stehen wohl erst am Anfang der Entwicklung.

Eine dieser Plattformen ist die 2015 gegründete Firma Gigme. Mit wenig Aufwand können Freelancer ihre Dienstleistungen online anbieten und Auftraggeber diese buchen. Das Praktische dabei – und der grosse Unterschied zu anderen Plattformen: Die Kunden – Einzelunternehmer, Studenten, teilzeitarbeitende Wiedereinsteiger oder Projektgruppen – müssen sich nicht um die vertragliche Anstellung, Sozialabgaben, Versicherungen und Steuern kümmern. Dies und das ganze Honorarwesen übernimmt Gigme. «Unsere Kunden sind virtuell selbstständig. Sie sollen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können und nicht durch administrative Arbeiten Zeit verlieren», sagt Frank Ohoven. Auf der Vermittlungsplattform können auch Unternehmen Stellen ausschreiben oder die Dienstleister direkt ansprechen.

 

Rechtlich korrekt

Faire Anstellungsbedingungen und das Einhalten der Gesetze sind Frank Ohoven wichtig. Gigme ist im engen Kontakt mit Gewerkschaften und Ämtern und achtet darauf, dass soziale Verpflichtungen eingehalten werden. Von einem Plattformkapitalismus, der Kunden ausbeutet, hält der Gründer von Gigme wenig. «Natürlich wollen wir Geld verdienen, aber es geht uns in erster Linie darum, eine funktionierende Plattform zu betreiben, von der Auftragnehmer und Auftraggeber gleichermassen profitieren. Systeme, die alles aufbrechen und eine Partei benachteiligen, gefährden den sozialen Frieden, was allen schadet.» Während grosse digitale Player wie Uber oder Airbnb die Regulatoren weltweit vor knifflige Fragen stellen und sich wenig um rechtliche Klarheit kümmern, hält sich Gigme an die Vorgaben. «Alle Abgaben und Versicherungen werden von uns gesetzeskonform abgewickelt und bezahlt. Sogar regionale Gesamtarbeitsverträge sind berücksichtigt. Bei uns ist rechtlich alles sauber», so Frank Ohoven.

Smarte Online-Start-ups wie Gigme konkurrieren die traditionellen Vermittler von Temporärstellen, weil sie günstiger und transparent sind. Bei Vermittlern von zeitlich befristeten Jobs wissen in der Regel weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber, welchen Anteil des Lohnes der Personaldienstleister in die eigene Tasche wirtschaftet. Gigme hingegen weist alle seine Abzüge aus. Von hundert Franken Lohnkosten, die ein Unternehmen hat, bleiben dem Angestellten noch 73 Franken übrig. Rund 17 Franken betragen die Sozialkosten. 10 Franken nimmt Gigme für die eigene Arbeit ein. Das ist deutlich weniger als die Gebühren eines herkömmlichen Temporärstellenvermittlers. Gemäss Recherchen der Schweiz am Sonntag sollen diese mindestens doppelt so hoch sein. Es ist klar, wer beim aktuellen und zunehmenden Kostendruck auf Dauer die Nase vorn hat. Auch Privatpersonen, die ihre Dienstleistung auf der Plattform anbieten und ihr Lohnangebot selber bestimmen, sehen im System auf einen Klick, wie viel sie effektiv verdienen. Ein Grafiker mit einem Stundenansatz von 70 Franken zum Beispiel hat am Schluss 50 Franken im Portemonnaie.

 

Mehrere Arbeitgeber

Frank Ohoven ist überzeugt davon, dass sich die Arbeitswelt weiter in Richtung Flexibilisierung entwickeln wird. Und das komme längst nicht nur den Arbeitgebern zugute, die zunehmend mit Freelancern arbeiten, sondern auch den Arbeitnehmern. «Natürlich wird es auch in Zukunft Festanstellungen geben. Aber es gibt einen klaren Trend zu mehr Selbstständigkeit. Viele Menschen arbeiten für mehrere Arbeitgeber in befristeten Jobs und unterschiedlichen Projektgruppen.  Und zwar nicht nur, weil es an Feststellen fehlt, sondern weil sie es wollen. Denn sie sind in der Arbeitsgestaltung freier, können ihre Zeit einteilen, Beruf, Familie und Freizeitaktivitäten einfacher koordinieren.» Zudem pflegen vor allem Vertreter der Generation Y andere Werte und Prioritäten, wie Studien zeigen. Eine hohe Lebensqualität und die Work-Life-Integration sind vielen Menschen wichtiger als eine klassische Karriere und Statussymbole. Sie wollen spannende Jobs und Freiheit. Sich in starre Strukturen einzufügen, ist ihre Sache nicht. Dafür nehmen sie auch Unsicherheit in Kauf.

Die Unsicherheit, die temporäre, projektbezogene Stellen mit sich bringen, kann aber auch Sicherheit bedeuten. Denn Freelancer mit mehreren Arbeitgebern sind weniger abhängig. Verlieren sie einen Auftrag, bleiben ihnen andere. Und noch einen Vorteil sieht Ohoven in diesem Arbeitsmodell: «Mit zunehmender Erfahrung qualifizieren wir uns für ganz unterschiedliche Aufgaben. Wir sind gewissermassen Multitalente. Diese Qualifikationen können wir in einer immer differenzierteren Arbeitswelt dank der einfachen und schnellen Vermittlung der Internetplattformen in mehrere Jobs einbringen. Das ist bereichernd.»