Die neue Arbeitswelt verlangt nach überzeugenden Leistungen

Rolf Murbach, 10.08.2017

Die digitale Revolution betrifft Firmen und Arbeitnehmer gleichermassen.  Das hat Auswirkungen auf die Weiterbildung. Gefragt sind kurze massgeschneiderte und praxisbezogene Angebote, sagt Urs Achermann.

kfmv-Blog: Die Arbeitswelt ist wegen der Digitalisierung und Automatisierung im Umbruch. Was bedeutet die Entwicklung für Firmen?

Urs Achermann: Unternehmen sollten sich der Veränderung stellen, welche die Digitalisierung und die Beschleunigung mit sich bringt. Klassische Hierarchen verlieren an Bedeutung, die partnerschaftliche Zusammenarbeit sowie Hochleistungsteams werden wichtiger. Zudem müssen die Unternehmen vermehrt darauf achten, dass sie dank attraktiver Anstellungsbedingungen Talente und Leistungsträger an sich binden, damit Know-how nicht verloren geht. Eine nachhaltige Personalentwicklung trägt dazu bei. Schliesslich müssen die Betriebe agil bleiben, das heisst, sie arbeiten in befristeten Projekten vermehrt mit Freelancern zusammen.

 

Klassische Hierarchien verlieren also an Bedeutung?

Das ist so. Der Wandel in der Arbeitswelt ist technologiegetrieben, und Geschäftsfelder verändern sich sehr schnell. Kluge Entscheide bedingen daher ein immer differenzierteres Fachwissen in unterschiedlichen Bereichen, das sich zudem laufend weiterentwickelt. Eine Führungsperson ist nicht mehr in der Lage, all diese Veränderungen zu überblicken und zu verstehen. Folglich muss sie Entscheidungskompetenzen an Fachleute und Projektverantwortliche abgeben. Die Führungskraft übernimmt ihrerseits vermehrt Koordinationsaufgaben und ist weniger für die klassische Personenführung zuständig. Netzwerke mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und Partnersysteme lösen die traditionellen Hierarchien ab.

 

Start-ups lancieren Arbeitsmarktplattformen, die Freelancer und Arbeitgeber zusammenbringen. Nehmen die befristeten Jobs zu?

Ja, dieser Trend wird anhalten. Einerseits wollen die Unternehmen vermehrt Projektmitarbeiter befristet anstellen. Sie können so schneller auf die unterschiedlichen Auftragslagen reagieren. Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die sich nicht an ein Unternehmen binden wollen. Sie schätzen die Freiheit und Unabhängigkeit einer freiberuflichen Tätigkeit.

Freelancer qualifizieren sich durch erfolgreiche Jobs. Wie wichtig sind eigentlich noch Arbeitszeugnisse?

Als Unternehmer muss ich mich auf dem Markt mit überzeugenden Leistungen behaupten. Arbeitszeugnisse sind da tatsächlich nicht mehr so relevant. Da die Zusammenarbeit zunehmend auf digitalen Plattformen wie Gigme oder Coople abgewickelt wird, sind Bewertungen durch die Auftraggeber viel wichtiger. Als freiberuflicher Dienstleister muss ich überdies aufzeigen, in welchen Projekten ich engagiert war. Ein aktuelles, aussagekräftiges Online-Portfolio ist unerlässlich.

 

Was bedeutet das für Sie als Bildungsanbieter?

In der Arbeitswelt entstehen laufend neue Jobs und Funktionen, für die es noch keine entsprechende Weiterbildung gibt. Darauf müssen wir reagieren. Das heisst, wir sind in engem Kontakt mit den Unternehmen und den Verbänden und erkennen dadurch, welche Anforderungen die Arbeitswelt stellt. Dann konzipieren wir entsprechende Angebote. Zum Beispiel: Eine Firma beschäftigt einen Conversion Rate Manager und möchte ihrem Mitarbeiter nun eine Weiterbildung ermöglichen. Solche Weiterbildungen konzipieren wir und bieten sie auf dem Markt an. Folgender Trend zeichnet sich ab: Gefragt sind kurze, massgeschneiderte Seminare und Zertifizierungen für spezielle berufliche Qualifikationen.

 

Verlieren auch die traditionellen Weiterbildungsabschlüsse an Bedeutung, zum Beispiel in der höheren Berufsbildung?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Für Festanstellungen, die auch in Zukunft eine grosse Bedeutung haben werden, sind herkömmliche Abschlüsse immer noch wichtig. Wer zum Beispiel eine höhere Fachprüfung absolviert, weist eine Qualifikation aus, die ein Arbeitgeber sofort einordnen kann. Für bestimmte Stellen sind diese Abschlüsse unerlässlich, oftmals Voraussetzung, um im Bewerbungsverfahren einen Schritt weiterzukommen. Und wir haben ja in der Arbeitswelt auch den Trend, dass formale Abschlüsse für eine erfolgreiche Laufbahn immer wichtiger werden. Die Nachfrage nach Weiterbildungen und die wachsende Anzahl von Nachdiplomstudiengängen belegen das deutlich. Andererseits gibt es eben auch diesen Gegentrend der kurzen massgeschneiderten, praxisbezogenen Weiterbildungen.

 

Die schnellen Veränderungen in der Arbeitswelt verlangen den Arbeitnehmern einiges ab. Welches sind zentrale Anforderungen, um den Wandel zu bewältigen?

Neben der Fachkompetenz ist die Kommunikationsfähigkeit zentral. Die Fachkräfte arbeiten in unterschiedlichen Teams an mehreren Projekten. Wenn sie freiberuflich tätig sind, engagieren sie sich zudem für mehrere Arbeitgeber.  Die oft komplexen Projekte, mit denen sie sich befassen, gelingen nur, wenn die Kommunikation klappt. Weiter müssen sich Arbeitskräfte vernetzen und vermarkten. Auch das setzt Kommunikation voraus. Schliesslich sollten sie offen sein gegenüber Veränderungen. Wer sich ans Herkömmliche klammert, steht schnell einmal auf verlorenem Posten.