Ältere Arbeitnehmende sind gefragt

Andrea Söldi, 31.10.2017

Eine 5 auf dem Rücken und auf Stellensuche? Keine einfache Sache. Doch immer mehr Firmen erkennen den Wert älterer Mitarbeitenden.

Heutzutage bleiben die meisten Menschen bis über das Pensionsalter hinaus gesund und leistungsfähig. Doch wer mit über 50 seine Stelle verliert, hat es meist schwer, nochmals etwas Neues zu finden. Zwar liegt die Arbeitslosenquote dieser Altersgruppe tiefer als bei den Jüngeren. Bei der Jobsuche ziehen Grauhaarige aber häufig den Kürzeren. Die Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmern halten sich hartnäckig.

Zum Beispiel haben sie den Ruf, weniger flexibler und häufiger krank zu sein als ihre jüngeren Konkurrenten. «Das ist ein weit verbreitetes Clichée», sagt Regina Regenass, Geschäftsführerin des WDA Forums (World Demographic & Ageing Forum), das sich mit dem demographischen Wandel befasst. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die meisten 55-Jährigen noch stark an Veränderungen interessiert sind und die Kreativität erhalten bleibt. «Viele möchten nochmals etwas Neues anpacken und geben in diesem Lebensabschnitt nochmals richtig Gas», weiss Regenass. Frauen haben dann mehr Zeit zur Verfügung, weil die Kinder bereits selbstständig sind. Und die Absenzen wegen Krankheit oder Unfall seien bei allen Altersklassen etwa gleich, betont die 62-Jährige. Während Ältere manchmal etwas länger brauchen, um sich von einer Krankheit zu erholen, haben Jüngere mehr Sportunfälle oder fallen wegen familiärer Verpflichtungen aus – zum Beispiel wegen der Betreuung eines kranken Kindes.

 

Weniger Junge rücken nach

Ein Handicap der Ü-50-Generation ist jedoch, dass sie den Arbeitgeber meist teurer zu stehen kommen. Einerseits ist man sich hierzulande gewohnt, dass die Löhne mit zunehmendem Alter stetig steigen. Dennoch seien viele auch bereit, eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen, wenn sie dafür nochmals eine spannende Herausforderung annehmen können, weiss Regenass. Anderseits nehmen die Beitragssätze für die Pensionskasse zu. Dieses Problem soll eine künftige Rentenreform angehen. Wirksame Lösungen sind jedoch noch nicht in Sicht.

Neue Chancen für ältere Arbeitnehmende zeichnen sich hingegen mit dem Inländervorrang ab, mit dem der Bundesrat die Zuwanderung aus dem Ausland reduzieren will. Zudem werden die Unternehmen auch wegen der Bevölkerungsentwicklung immer mehr auf die Generation 50 plus angewiesen sein: Sie wird in den nächsten Jahren wachsen, während bei den jüngeren ein Einbruch bevorsteht.

Erste Veränderungen zum Positiven seien also bereits im Gang, stellt Regina Regenass fest: «Immer mehr Unternehmen erkennen, dass eine gute Durchmischung ihrer Mitarbeitenden Sinn macht  – sowohl vom Geschlecht, als auch der Nationalität und dem Alter her.»

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Bessere Chancen auf Spezial-Portal

Bewerbungsdossiers von Menschen mit Jahrgang 67 und älter schaffen es in den wenigsten Personalabteilungen unter die Favoriten. Doch langsam erkennen mehr und mehr Unternehmen den Wert der älteren Generation. Einige davon schalten ihre Inserate auf einer Stellenplattform, die sich explizit an über 50-Jährige wendet.

Das Portal work50.ch ist seit einem guten Jahr online. «Diese Menschen verfügen über enorm viel Wissen und Erfahrung, sowohl für die Arbeit als auch im sozialen Umgang», betont Initiant Samuel Stalder. Der Jungunternehmer aus Winterthur ist zwar selber erst 35, hat aber in seinem familiären Umfeld erfahren, wie schwierig die Stellensuche sein kann, wenn die Pensionierung näher rückt.

Bereits rund 50 Unternehmen inserieren auf der Plattform, darunter so bekannte wie das Universitätsspital Zürich, die Bundesverwaltung, Ikea, die Securitas Gruppe und die Thurgauer Kantonalbank, aber auch zahlreiche KMU. Für Stellensuchende ist das Angebot umsonst. Sie haben zudem die Möglichkeit, auf der Webseite einen Lebenslauf zu hinterlegen, den Personalverantwortliche abrufen können. Davon machen bereits gegen 3000 Personen Gebrauch. An die 30 000 Personen schauen sich monatlich die ausgeschriebenen Stellen an. Das Interesse sei gross, freut sich Samuel Stalder. Nicht bekannt ist ihm jedoch, wie viele Menschen über das Portal bereits fündig geworden sind.

 

Ein weiterer Player im Segment 50plus ist die Firma Visberg. Sie vermittelt Jobs an Personen über 50. Damit man berücksichtigt wird, ist eine Registrierung nötig. Wer ein Abonnement löst, bekommt danach regelmässig Angebote per Mail. Dafür bezahlt man monatlich 19 Franken. In den ersten zwei Monaten konnte das Startup bereits acht Personen zu einem Job verhelfen. «Gute Chancen haben Gesundheitsfachleute, Lehrer und Menschen mit Ausbildungen in anderen Dienstleistungsberufen sowie Kandidaten mit guter Weiterbildung und Sprachkenntnissen», sagt Geschäftsleiter Juerg Zimmermann. Schwieriger sei es im Bankenwesen und in der Informationstechnologie.