Kreativität und soziale Intelligenz sind gefragt

Rolf Murbach, 23.11.2017

Herkömmliche Jobs werden verschwinden, aber es entstehen im Zuge der Digitalisierung auch neue. Die Szenarien sind widersprüchlich.

Wie sich die Digitalisierung auf die Arbeitswelt auswirken wird, weiss man nicht. Dutzende von Studien liefern unterschiedliche Szenarien. Die bekannteste Untersuchung über die Zukunft der Arbeit stammt von den in Oxford forschenden Wissenschaftlern Michael A. Osborne und Carl Benedikt Frey. Sie haben 2013 ermittelt, wie hoch der Anteil von Jobs ist, die im Laufe von zwanzig Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Automatisierung vernichtet werden. Sie kamen auf 47%. Aber es gibt auch vorsichtigere Schätzungen. Eine OECD-Studie aus dem Jahr 2016 beziffert die gefährdeten Jobs auf 10%. Eine länderspezifische PWC-Studie von diesem Frühjahr wiederum nennt 38% für die USA und 21% für Japan. Gefährdet sind in erster Linie Routinetätigkeiten, zum Beispiel in Büro, Verkauf, Datenerfassung und bei Schalterdiensten. In ein paar Jahren, so wird prophezeit, wird es keine Lokomotivführer, Lastwagen-, Bus- und Taxifahrer mehr brauchen, keine Magaziner, kein Reinigungspersonal, keine Kassiererinnen, kein Paketpostboten, keine Call-Center-Angestellten. Operationsroboter werden Chirurgen zum Teil die Arbeit abnehmen und Computer ziehen aus riesigen Datenmengen die richtigen Schlüsse und schlagen die adäquaten Behandlungen vor – oder führen sie gleich selber durch.

 

Bürojobs gefährdet

Für Personal- und Betriebsabteilungen, Sekretariate, Einkauf, Controlling und andere kaufmännische Abteilungen haben Frey und Osborne eine Hiobsbotschaft: Neun von zehn Bürojobs werden überflüssig. Erst recht sind einfache Dienstleistungsjobs gefährdet, die bisher geringer Qualifizierten eine Chance boten. Roboter putzen automatisch, sie sortieren Briefe und Pakete, liefern sie aus, bringen Spitalpatienten das Essen ans Bett. Und was noch nicht von den Maschinen erledigt wird, lagert man in Billigländer aus: Programmieren, Korrigieren, Übersetzen, Telefonieren. Es gibt aber auch gute Nachrichten. Eine Studie prognostiziert für die Schweiz bis 2025 270 000 neue Jobs. Neue Tätigkeitsfelder sollen im Zusammenhang mit innovativen Produkten und Dienstleistungen entstehen. Digitale Plattformen, Crowdsourcing und Sharing Economy werden sich dabei auf die Berufswelt auswirken. Zu einer ebenfalls positiven Einschätzung der Stellensituation kommt ein vom Bundesrat Anfang November publizierter Bericht zu Chancen und Risiken der Digitalisierung. Fazit: Es werden deutlich mehr Stellen geschaffen als vernichtet. Operationsroboter zum Beispiel müssen entworfen, entwickelt, bestellt, gebaut, programmiert, vermarktet und gewartet werden. Dafür braucht es zusätzliche Ingenieure, 3-D-Zeichner, Projektleiter, Finanzierer, Mechatroniker, Programmierer, Marketing- und Vertriebsleute, Ausbildner, Monteure und Wartungsmechaniker.

Die bevorstehende technische Revolution, Industrie 4.0 genannt, könnte die menschliche Arbeitskraft in einzelnen Bereichen aber auch vollständig ersetzen. Denn Maschinen eignen sich heute auch «menschliche» Fähigkeiten an: Software sucht, viel treffsicherer als jeder Arzt, Röntgenbilder nach Tumoren ab. Lextech-Start-ups bieten heute schon, ähnlich wie Fintech-Firmen, digitalisierte juristische Dienstleistungen zu einem Bruchteil des Preises an, den Anwälte verrechnen. Finanz-Start-ups lassen Computer Anlagedepots zusammenstellen oder Immobilienkredite prüfen. Daten auf Papier, deren Bearbeitung Zehntausende beschäftigt hat, werden abgeschafft.

 

Arbeit mit Herz

Was bedeutet diese Entwicklung für Berufstätige? Was müssen sie mitbringen, damit sie auch künftig Arbeit haben? «Menschen mit Fähigkeiten, die etwas mit Robotik, der Analyse von Big Data oder maschinellem Lernen zu tun haben, stehen vor einer aussichtsreichen Zukunft», sagt Carl Benedikt Frey von der Universität Oxford. Und Schlüsselqualifikationen, die auch in Zukunft relevant sein werden, sind: Kreativität, soziale Intelligenz, Wahrnehmung. Je kreativer man in einem Job sein muss, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser von Computern erledigt werden kann. Eine Modedesignerin oder ein Architekt werden ihre Jobs nicht so schnell verlieren. Zur sozialen Intelligenz:  Alle Jobs, in denen man überzeugen, pflegen oder verhandeln muss, sind wenig gefährdet. Denn die Erkennung von menschlichen Emotionen ist für Roboter immer noch eine grosse Herausforderung und intelligent darauf zu reagieren sehr schwierig zu erlernen. Ein PR-Berater wird also seinen Job eher behalten als ein Tellerwäscher. Auch in Bezug auf Wahrnehmung und Manipulation hinken Roboter den Menschen weit hinterher. Aufgaben, die in einer unstrukturierten Umgebung stattfinden und ein hohes Mass an Kommunikationsfähigkeit voraussetzen, werden wahrscheinlich nicht so einfach durch einen Computer ersetzt.

Die Maschinen der zweiten Generation, das heisst Computer, sind unseren Köpfen in vielerlei Hinsicht überlegen. Die Zukunft wird deshalb den Berufen gehören, in denen man weder mit den Händen noch mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen arbeitet, sagt der amerikanische Publizist Thomas Friedmann. Also Tätigkeiten, die Empathie, psychologisches Geschick, zwischenmenschliche Interaktion erfordern, zum Beispiel in der Pflege oder in der Pädagogik. Diese Berufsfelder haben Zukunft.

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Gewinner und Verlierer

Zu den Digitalisierungsgewinnern gehören diejenigen, die sich auf Unsicherheit einstellen können und denen Portfolio-Work liegt. Verschiedene Jobs für mehrere Arbeitgeber, möglichst abwechslungsreich, möglichst viele Herausforderungen. Es ist für sie selbstverständlich, dass sie in ihrem Fach à jour bleiben und digitale Tools beherrschen. Wenig Hierarchien und viel Gestaltungsspielraum – das liegt ihnen. Sie sind flexibel, agil und digital. Sie mögen keine starren Strukturen, sondern bevorzugen dynamische Kooperationsformen.

Die Digitalisierungsverlierer wiederum sind weniger virtuos in dieser agilen Form der Lebensgestaltung. Es fällt ihnen schwer, die hohen Ansprüche der Arbeitswelt zu erfüllen und mit Unsicherheit umzugehen. Sie sind weniger qualifiziert und müssen Jobs annehmen, die alleine der Existenzsicherung dienen. Möglicherweise verlieren sie ihre Stelle aufgrund von Digitalisierung und Automatisation. Besonders schwierig ist es für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Im Gegensatz zu den jüngeren sind sie nicht in der digitalen Welt sozialisiert worden. «Unternehmen und vor allem Bildungsinstitutionen haben hier eine besondere soziale Verantwortung», sagt Sybille Sachs von der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. «Sie müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wenn immer möglich befähigen, in der Arbeitswelt zu bestehen.»

 

Anspruchsvolle kaufmännische Berufe

Die Digitalisierung verändert die kaufmännischen Berufe. Kommunikation, Flexibilität und Digitalkompetenz sind unerlässlich, um den Wandel zu bewältigen. Dies hat eine Studie der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich gezeigt. Fazit der Studie: Der Kostendruck führt zu einer verstärkten digitalen Automatisierung von Routinearbeiten. Die Digitalisierung wird allerdings über eine reine Automatisierung einfacher Tätigkeiten hinausgehen, denn humanoide Roboter werden immer wichtiger und übernehmen auch komplexe Aufgaben. Die Digitalisierung führt weiter zu einer Verwischung der Unternehmens- und Branchengrenzen sowie zu einer Verflachung der Hierarchien. Neue Tätigkeitsfelder und entsprechende Kompetenzprofile gewinnen an Bedeutung.

Die Autoren kommen zum Schluss, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Zukunft noch mehr gefordert sind, als dies schon heute der Fall ist. Die Sozial- und Selbstkompetenzen werden immer wichtiger. «Viele arbeiten als Portfolio-Worker vermehrt projektbezogen in verschiedenen Teams», sagt Sybille Sachs von der HWZ. «Sich auf immer wieder neue soziale Konstellationen einzulassen, erfordert hohe soziale und kommunikative Kompetenzen.» Zudem müssen die Menschen sogenannte Übersetzungsfähigkeiten entwickeln: Strategisches in Operatives überführen, zwischen Teams vermitteln, adressatengerecht kommunizieren.

 

Generalistische Ausbildung

Der Studie zufolge hat der kaufmännische Beruf weiterhin Zukunft. Nach wie vor wird das Berufsbild durch generalistische Ausbildung und Spezialisierung geprägt sein. Dennoch müssen sich die Lehrpläne den neuen Anforderungen anpassen. Insbesondere soll «ein Verständnis für die digitalisierten, disruptiven Geschäftsmodelle und eine noch stärkere Kunden- und Handlungsorientierung» entwickelt werden.  Sybille Sachs: «Der kaufmännische Angestellte muss sich in Richtung eines übersetzenden Entrepreneurs entwickeln. Kaufleute übernehmen immer mehr eine koordinierende Schnittstellenfunktion.»

«Neben der Fachkompetenz ist die Kommunikationsfähigkeit zentral», betont auch Urs Achermann, Direktor der Abteilung Weiterbildung der KV Zürich Business School. Die Fachkräfte würden in unterschiedlichen Teams an mehreren Projekten arbeiten. Wenn sie freiberuflich tätig seien, engagierten sie sich zudem für mehrere Arbeitgeber.  «Die oft komplexen Projekte, mit denen sie sich befassen, gelingen nur, wenn die Kommunikation klappt». Weiter müssten sich Arbeitskräfte vernetzen und vermarkten. Auch das setze Kommunikation voraus. Schliesslich sollten sie offen sein gegenüber Veränderungen. «Wer sich ans Herkömmliche klammert, steht schnell einmal auf verlorenem Posten. »

 

Gig-Ökonomie: viele befristete Stellen

Rund 25% aller Schweizer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind unter anderem freiberuflich tätig, üben als Freelancer – ganz selbstständig oder neben einer Festanstellung – einen oder mehrere Jobs aus und hangeln sich wie Rockbands von Gig zu Gig. Das hat einerseits damit zu tun, dass viele Firmen bei Festanstellungen zurückhaltend sind. Sie engagieren Fachkräfte nur dann, wenn sie diese benötigen. Andererseits schätzen immer mehr Menschen die freie Arbeitsweise und die damit verbundene Unabhängigkeit. Sie entscheiden sich aus eigenen Stücken für die Gig-Ökonomie.

Laut Studien der Beratungsfirmen McKinsey und Deloitte werden Temporäranstellungen künftig weiter stark zulegen. Treiber des Wandels sind neben Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch die Technologie. Eine Schlüsselrolle spielen dabei digitale Plattformen, die Akteure miteinander vernetzen. Freelancer publizieren ihre Angebote online, Kunden buchen die Freiberufler mit wenigen Klicks. Bewertungssysteme helfen bei der Entscheidungsfindung. Klassiker solcher Vermittlungsplattformen sind Booking, Airbnb und Uber. Diese digitalen Marktplätze verändern das unabhängige Arbeiten massiv. Denn dank der Allgegenwart von mobilen Geräten, einem enormen Pool von Arbeitskräften und Kunden sowie der Möglichkeit von Echtzeit-Informationen finden sich Freiberufler und Auftraggeber immer schneller. In den letzten zwei Jahren haben vor allem Start-ups solche Plattformen lanciert. Wir stehen wohl erst am Anfang der Entwicklung.

 

Zunehmende Flexibilisierung

Frank Ohoven, Gründer der Vermittlungsplattform Gigme, ist überzeugt, dass sich die Arbeitswelt weiter in Richtung Flexibilisierung entwickeln wird. Und das komme längst nicht nur den Arbeitgebern zugute, die zunehmend mit Freelancern arbeiten, sondern auch den Arbeitnehmern. «Natürlich wird es auch in Zukunft Festanstellungen geben. Aber es gibt einen klaren Trend zu mehr Selbstständigkeit. Viele Menschen arbeiten für mehrere Arbeitgeber in befristeten Jobs und unterschiedlichen Projektgruppen.  Und zwar nicht nur, weil es an Feststellen fehlt, sondern weil sie es wollen. Denn sie sind in der Arbeitsgestaltung freier, können ihre Zeit einteilen, Beruf, Familie und Freizeitaktivitäten einfacher koordinieren.» Zudem pflegen vor allem Vertreter der Generation Y andere Werte und Prioritäten, wie Studien zeigen. Eine hohe Lebensqualität und die Work-Life-Integration sind vielen Menschen wichtiger als eine klassische Karriere und Statussymbole. Sie wollen spannende Jobs und Freiheit. Sich in starre Strukturen einzufügen, ist ihre Sache nicht. Dafür nehmen sie auch Unsicherheit in Kauf.