«Frauen sollen den Mut haben, eigene Ziele zu verfolgen»

Rolf Murbach, 20.12.2017

Sie gehört zu den erfolgreichsten Werbern des Landes. Nun hat Regula Bührer Fecker einen Karriereratgeber geschrieben. Sie ermutigt junge Frauen, beruflich Gas zu geben.

Ab und zu schaltet Regula Bührer Fecker eine Auszeit ein. Sie lässt alles liegen und verabschiedet sich für einige Tage oder einige Wochen aus dem Alltag. Um Distanz zu gewinnen und nachzudenken, wie es weitergeht. Am liebsten zieht sie sich auf ein Segelschiff zurück, wo die Zeit eine andere ist und wo sie bei allem Nachdenken immer gefordert ist: mit Segeln, Wachsein, Kochen. Einmal hat sie den Atlantik überquert. Darauf ist sie stolz, das tun nicht viele. Sie kommt dann jeweils mit neuen Einsichten zurück, sieht einiges anders und wechselt vielleicht den Job. Zumindest packt sie vieles neu an. Sie mag keinen Stillstand und vor allem keine Langeweile. Das war schon immer so. Zuviel Routine wirkt für sie einschläfernd. Sie hat in ihrem Leben immer wieder Neues ausprobiert, vor allem in jungen Jahren. Denn ihr war klar: Nur so erfährt man, was einem liegt. Nach der Matura jobbte Regula Bührer. Sie arbeitete als Hilfsköchin, in einem Treuhandbüro, als Pizzakurier. Schliesslich schnupperte sie in der Werbebranche. «Man muss Erfahrungen sammeln, um zu erkennen, was man will.»

 

Kluge Kampagnen

Die Werbung hatte es ihr angetan, schon als Jugendliche war sie fasziniert von witzigen und klugen Kampagnen. Nun wollte sie wissen, wie Werbung funktioniert, was dahintersteckt, wie man eine Kampagne führt. Sie arbeitete bei mehreren Agenturen und landete schliesslich bei Honnegger/von Matt, heute Jung von Matt, einer der bekanntesten Agenturen im Land. Zu Beginn ihrer Laufbahn diente sie den Kreativen zu, organsierte Shootings, betreute das Honorarwesen, recherchierte für Kampagnen, beschaffte Bildmaterial, füllte Excel-Sheets ab, korrespondierte mit Kunden. Und sie arbeitete hart, 60-Stunden-Wochen waren normal. Sie lernte das Handwerk von Grund auf und machte sich in der Agentur über die Pflicht hinaus nützlich. Die junge Werberin schnitt gerne Videos und konnte das gut. Das passte den Art-Direktoren. Man sparte Geld und Zeit. Was sie bisher an Externe vergaben, tätigte man nun inhouse. «Du musst auffallen, wenn du weiterkommen willst», sagt die unterdessen bekannte Werberin, die in der Agentur schnell aufstieg.

Regula Bührer ist Mitbegründerin und Partner von Rod Kommunikation. Vor kurzem hat die Agentur das zehnjährige Jubiläum gefeiert. Wenn Medien über eine Kampagne berichten und viele Menschen darüber reden, dann steckt oft Rod dahinter. Das war bei slow down/take it easy so und ist es bei love life. Die Agentur ist in einer alten Villa in Zürich-Enge domiziliert, einem schönen, wohltuend normalen Haus. Die Treppen knarren, im Dachgeschoss ist viel Holz, im Empfangsraum alte Polster und viel Licht. Kein moderner Büro-Schnickschnack und wenig Coolness, wie man das bei einer hippen Agentur erwarten könnte. Bestimmt arbeitet man hier gern und offenbar gut.

Regula Fecker kommt mit Hund Öski zum Interview, ein kräftiger Labrador/Border Collie. An einer Wand hängt das Logo der Agentur mit dem Claim: A Bigger Bang for the Buck. Die 39-Jährige hat viel erreicht. Sie war zweimal Werberin des Jahres, SRG-Verwaltungsrätin, und die Bilanz setzte sie auf eine Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Schweizer Wirtschaft. Den Erfolg verdankt sie ihrem Talent, Ausdauer, Hartnäckigkeit, klaren Zielen und klugem Vorgehen. Sie gibt sich nie mit einer ersten Idee zufrieden und lernt, wo immer es möglich ist. Als zu Beginn ihrer Karriere die Jobs erfahrungsbedingt nicht sonderlich spannend waren, hat sie für Non-Profit-Organisationen die Kommunikation übernommen. «Du machst alles und lernst viel.» Und als sie sich nach einigen Jahren Berufserfahrung weiterbildete, tat sie dies nicht an einer Schweizer Ausbildungsstätte, sondern bewarb sich an der renommiertesten Schule in den USA, der Miami Ad School, an der die besten Werbestrategen des Landes unterrichten.

 

Job in New York

«Es braucht auch etwas Glück», sagt sie. Das hatte sie, aber sie fiel dank ihres Engagements in Miami bei ihren Dozenten auch auf – und erhielt ein Jobangebot in einer New Yorker Agentur. Eineinhalb Jahre arbeitete sie im Big Apple und wechselte anschliessend für die gleiche Firma nach Berlin. Dann kehrte sie zurück in die Schweiz zu ihrem ehemaligen Arbeitgeber, sah, dass das keine gute Idee war, und machte sich selbstständig als Werbestrategin. «Werbestrategen gab es damals in der Schweiz nur wenige.» Einen ersten grossen Job bekam sie von IKEA Schweiz. Sie recherchierte mehrere Monate für das Möbelgeschäft über die Lebensgewohnheiten der Ostschweizer. Sie kontaktierte über 100 Haushalte, besuchte Menschen und Wohnungen, sah, wie Ostschweizer leben und schaffte so die Grundlage für eine IKEA-Werbekampagne. Die IKEA-Leute sagten: «Schade, hast du keine Agentur, dann könntest du die Kampagne selber realisieren.» Regula Bührer dachte nach und kontaktierte zwei befreundete Werber. Kurz darauf gründeten die drei Rod. Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen der Gründer zusammen: Regula, Oliver, David. Die Agentur ist erfolgreich und in kurzer Zeit gewachsen. Heute zählt sie 25 Mitarbeitende. Zu ihren Kunden gehören SBB, Credit Suisse, Denner, Bundesamt für Gesundheit, 20Minuten, Google, Migrolino, Stadt Zürich, ZHAW, Siroop und viele andere.

 

Was Menschen bewegt

Was Regula Bührer in Florida gelernt, in New York und Berlin praktiziert und in ihrer IKEA-Feldforschung perfektioniert hat, das fasziniert sie auch an Werbung. Und sie hält es für unerlässlich für eine erfolgreiche Kampagne: die umfassende Recherche. Nach dem Kundenbriefing schwärmen die Rod-Mitarbeiter jeweils aus, interviewen Dutzende von Vertretern der Zielgruppe, forschen im Internet, analysieren Statistiken – und erst dann geht es an die Kreation. «Wir wollen verstehen, was die Menschen bewegt, weshalb sie etwas tun und wie sie auf Ereignisse reagieren. Nur so können wir Kampagnen kreieren, die beim Zielpublikum etwas bewirken», sagt die Werbestrategin. Ihr Job sei auch spannend, weil man gleichzeitig Journalist, Psychologe, ein wenig Detektiv und Konzepter sei. «Wir beobachten die Menschen, sammeln Daten und übersetzen die Erkenntnisse in Botschaften.»

Seit einigen Wochen ist die Werberin in den Medien stark präsent. Nicht wegen einer Kampagne, sondern wegen eines Buches, das sie für junge Berufsfrauen geschrieben hat: einen Ratgeber, in dem sie neben Tipps und Tricks ihre Erfahrungen weitergibt und Frauen ermutigt, im Beruf Gas zu geben. Auf persönliche Weise zeigt sie auf, worauf es ankommt, damit die Karriere klappt: sich organisieren, beschleunigen, auffallen, Kontakte knüpfen, sich quälen, entscheiden, gestalten und erinnern. Dies alles gehöre dazu. Der Ratgeber kommt bei jungen Frauen offenbar gut an. «Ich erhalte jeden Tag viele positive Rückmeldungen.» Das Wichtigste sei die positive Stimmung, die sie in ihrem Buch vermittle. «Es ist wichtig, den Frauen Mut zu machen, eigene Ziele zu verfolgen.»