Der Pfnüsel hat im Büro nichts zu suchen

Andrea Söldi, 27.12.2017

Darf man wegen laufender Nase, Heiserkeit und Husten zu Hause bleiben? Das kommt ganz auf den Beruf an, sagt ein Arbeitsmediziner. Extrem wichtig sei in der Erkältungs-Hochsaison die Hygiene.

Die Bürokollegin hustet erbärmlich, auf dem Pult des Nachbars stapeln sich Taschentücher, Halswehtabletten und Teetassen. Winterzeit ist Erkältungszeit. In engen Büros finden Viren besonders leicht neue Opfer. Wegen Husten, Schnupfen, Halsschmerzen und Grippe fehlen jedes Jahr zahlreiche Menschen am Arbeitsplatz. Die finanziellen Ausfälle deswegen sind beträchtlich. Einige Hochrechnungen kommen auf bis zu 300 Millionen Franken pro Jahr in der Schweiz für Gesundheitskosten, Umsatzeinbussen und Ersatzarbeitskräfte. Wenn man merkt, dass der eigene Hals kratzt und die Nase zu laufen beginnt,würde man sich morgens am liebsten krank melden und sich in der warmen Wohnung verkriechen. Fehlt aber bereits das halbe Team, schleppt man sich oft dennoch pflichtbewusst zur Arbeit. Gerade bei Erkältungen ist die Grenze zwischen leichtem Unwohlsein und Krankheitszustand häufig Definitionssache. Ein Thema, mit dem auch Arbeitsmediziner regelmässig konfrontiert sind.

 

kfmv-Blog: Darf man sich mit gutem Gewissen wegen einer Bagatelle wie einer Erkältung krank melden?

Claude Sidler: In diesem Bereich gibt es eine Grauzone. Menschen mit schlechtem Versicherungsschutz oder Selbstständige sind unter grösserem Druck als Angestellte und gehen oft krank zur Arbeit. In einer grösseren Firma mit Stellvertretung kann man es sich eher leisten, zu Hause zu bleiben und sich auszukurieren. Mit einer leichten Erkältung ist man in der Regel noch arbeitsfähig. Ist man aber stark erkältet, begleitet von Fieber und Abgeschlagenheit, bringt man erstens die Leistung am Arbeitsplatz nicht mehr und steckt zweitens andere Mitarbeiter an. Beides macht keinen Sinn. Manchmal ist ein reduziertes Pensum im Homeoffice eine gute Zwischenlösung, sofern dies der Arbeitgeber ermöglicht.

 

Wie stark hängt die Arbeitsfähigkeit von der Art der Tätigkeit ab?

Grundsätzlich stark. Mit laufender Nase in einem warmen Büro sitzen, mag noch gehen. Einen ganzen Tag in Kälte und Regen draussen auf dem Bau arbeiten, ist eine andere Sache. Als Faustregel gilt: Wenn ich meine Arbeit wegen der Krankheit nicht mehr gut ausführen kann, wenn die Arbeit selber krank macht oder meinen Zustand verschlimmert, darf ich zu Hause bleiben. Über die Umsetzung sind sich Betroffene und Arbeitgeber aber nicht immer einig. Besondere Vorsicht ist bei ansteckenden Krankheiten geboten, wenn man eng mit anderen Menschen in Kontakt kommt. Etwa im Gesundheitswesen, in einer Kindertagesstätte oder in einem Restaurant.

 

Wo ist die Ansteckungsgefahr am Arbeitsplatz am höchsten?

Erkältungskrankheiten werden durch Tröpfchen übertragen. Die Viren oder auch Bakterien wechseln ihren Wirt durch den Kontakt mit Körperflüssigkeiten aus den oberen Atemwegen. Eine häufige Infektionsquelle sind die Hände. Wenn man sich schnäuzt und nachher ohne die Hände zu waschen etwas anfasst, verteilt man die Erreger. Richtiggehende Infektionsherde sind Türfallen, Wasserhähne, Lichtschalter oder Haltestangen in Trams und Bussen.

 

Wie vermeidet man, andere anzustecken?

Vor allem nicht in die Hände niesen und husten ohne sie nachher zu waschen. Ein Taschentuch vor die Nase halten oder, falls gerade keines vorhanden ist, in den Ellbogen niesen. Man sollte häufiger die Hände waschen und sie auch mal desinfizieren. Vom gegenseitigen Händeschütteln während der Grippezeit rate ich ab, obwohl das manchmal schwierig ist. In den letzten Jahren sind Händedesinfektionsmittel fürs Handtäschchen und in öffentlichen Toiletten in Mode gekommen.

 

Ist das nicht übertriebene Hygiene, durch welche Hautkrankheiten, Allergien und resistente Keime gefördert werden?

Ärzte und andere Gesundheitsfachleute desinfizieren ihre Hände mehrmals täglich. Die meisten haben deswegen keine Probleme. In öffentlichen Toiletten scheinen mir die Mittel angemessen. Nicht nur wegen der Erkältungen, sondern auch wegen Magen-Darmkrankheiten, die das ganze Jahr hindurch aktuell sind.

 

Ein kontroverses Thema ist die Grippeimpfung. Arbeitgeber propagieren sie, aber die Aufrufe stossen nicht auf grosse Begeisterung.

Ich empfehle die Impfung vor allem älteren und schwächeren Menschen. Junge informiere ich über Vor- und Nachteile und lasse sie selber entscheiden. Da die Grippeimpfungen nicht jedes Jahr gleich wirksam sind, kann ich verstehen, dass gerade junge Leute wenig Lust auf mögliche Nebenwirkungen haben. Heikler wird es bei Berufen mit schwer kranken Patienten oder Neugeborenen, etwa auf Intensivstationen. Da gewichte ich das Interesse der Patienten höher als jenes des Personals. Zumal man oft bereits ansteckend ist, bevor man selber Symptome aufweist.

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Erkältung und Grippe?

Viele Symptome treten bei beiden Krankheiten auf. Denn es sind immer Viren im Spiel, welche die Schleimhäute in den Luftwegen befallen, so dass sie sich entzünden. Bei der echten Grippe sind die Beschwerden in der Regel viel heftiger, plötzlicher und dauern länger an. Typisch sind plötzliches Fieber bis 40 Grad, Schüttelfrost sowie starke Kopf- und Gliederschmerzen. Es ist aber nicht immer einfach, Erkältung und Grippe voneinander zu unterscheiden. Heutzutage stehen Tests zur Verfügung, mit welchen sich die Art der Viren
feststellen lässt.

 

 Wann sollte man den Arzt aufsuchen?

Gegen Viren gibt es keine wirksame ursächliche Therapie. Man kann eigentlich  nicht viel tun, ausser die Symptome zu lindern und die Eigenheilkräfte zu unterstützen. Ein Gang zum Arzt ist aber angezeigt, wenn die Beschwerden länger andauern oder stärker sind als gewohnt. Oder wenn lang anhaltendes Fieber über 39 Grad, starke Ohrschmerzen, Atemnot oder wiederholter Schüttelfrost auftreten. Dies sind Hinweise auf schwere bakterielle Erkrankungen wie Lungenentzündung, Angina oder Mittelohrentzündung, die man mit Antibiotika behandeln muss.

Zur Person

Dr. med. Claude Sidler (47) ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Arbeitsmedizin in der Praxis für Arbeitsmedizin in Brugg.

Erkältungen sanft kurieren

Wer gleich bei den ersten Anzeichen reagiert, hat die besten Chancen im Kampf gegen Halsschmerzen, Husten und Schnupfen. Lutschbonbons auf Kräuterbasis und warme Tees (z.B. Salbei, Kamille, Eibischwurzeln) haben eine leicht desinfizierende Wirkung. Das Gurgeln mit warmem Tee oder Salzwasser regt zudem die Blutzirkulation an. Um einen Reizhusten zu lindern, bietet sich heisse Honigmilch an. Da bei der Mundatmung der Hals zusätzlich gereizt wird, sollte man eine verstopfte Nase frei halten. Dazu eignen sich ätherische Öle (Eukalyptus oder Menthol), die man auf ein Taschentuch oder aufs Kissen träufelt, oder Nasensprays auf der Basis von Kochsalzlösung. Sprays mit abschwellenden Wirkstoffen sollten nur in hartnäckigen Fällen über kurze Zeit angewendet werden, da sie die Nasenschleimhaut austrocken und damit empfindlicher auf Neuinfektionen machen. Auch Inhalationen befreien die Nase, verflüssigen Sekrete in den Bronchien und fördern den Auswurf. Vorsicht ist bei Halswehlutschtabletten geboten: Viele handelsübliche Präparate wie etwa Mebucaïne, Lemocin und Sangerol enthalten neben schmerzlindernden Wirkstoffen ein Antibiotikum. Dies, obwohl Halsschmerzen zu 80 Prozent von Viren verursacht werden, gegen die Antibiotika nichts ausrichten können.