Renten für fossile Brennstoffe

Andrea Söldi, 19.01.2018

Pensionskassen verwalten riesige Geldbeträge. Nicht immer entsprechen die Firmen, in die sie investieren, den Werten der Versicherten.

Man hat eine Solaranlage auf dem Dach, fährt Velo und isst wenig Fleisch. Doch auch wer sich ökologisch vorbildlich verhält, trägt indirekt häufig mehr zum Klimawandel bei, als ihm bewusst ist. Denn einen mindestens so bedeutenden Einfluss wie das Konsumverhalten haben die Geldflüsse. Auch heute noch werden immense Summen in Firmen und Konzerne investiert, welche den Treibhauseffekt unbekümmert vorantreiben, indem sie fossile Energien wie Kohle und Erdöl im grossen Stil verbrauchen und fördern. Neben den Banken und Versicherungen legen auch die Pensionskassen einen Teil ihrer Gelder in solchen Branchen an.

Die gut 2000 Schweizer Pensionskassen halten zusammen Wertpapiere für 767 Milliarden Franken. Eine im Oktober 2017 publizierte Studie des Bundes brachte zu Tage, dass die Investitionen in einem krassen Gegensatz zu den Klimazielen stehen, zu denen sich die Schweiz verpflichtet hat. Das Pariser Klimaabkommen will die Erderwärmung im Vergleich mit der vorindustriellen Zeit auf maximal 2 Grad beschränken. Die Investitionen unserer Versicherungen und Pensionskassen würden jedoch einen Temperaturanstieg von 4 bis 6 Grad Celsius nach sich ziehen, sind das Bundesamt  für Umwelt und das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen zum Schluss gekommen. Dies entspreche in etwa dem Weltmarkt. Mitgemacht bei der Untersuchung haben 79 Pensionskassen und Versicherungen,  die zusammen rund zwei Drittel der Vermögen verwalten. Sie haben ihr Aktienportfolio und ihre Obligationen offen gelegt und dabei die Sektoren Förderung fossiler Energien, Stromerzeugung, Transport und Industrie unter die Lupe nehmen lassen.

 

Umweltschädlich und unsicher

Bereits vor einem Jahr hat die Klimaallianz ihre Kampagne Renten ohne Risiko lanciert. Der Verband, dem 73 Organisationen wie etwa WWF, Helvetas und die SP angehören, animiert Versicherte, sich direkt an ihre Pensionskasse zu wenden und eine klimafreundliche Investitionspolitik zu fordern. In einem vorformulierten Schreiben drücken Teilnehmende ihre Bedenken aufgrund des finanziellen Risikos sowie der ökologischen Folgen aus. Rund 3000 Personen sind der Einladung Klimaallianz bisher gefolgt.

Konkret verlangen sie von ihrer Vorsorgeeinrichtung, dass die Fondsverwalter ihre Stimmrechte nutzen, um die Unternehmen an den Aktionärsversammlungen zu einer klimafreundlicheren Geschäftspolitik zu bewegen. Weiter sollen die Kassen innert fünf Jahren aus Energieunternehmen aussteigen, die ihren Geschäftsplan nicht an den Klimazielen ausrichten – insbesondere aus den sogenannten Carbon Underground 200. Dabei handelt es sich um die weltweit zweihundert Unternehmen, die in Sektoren mit den grössten fossilen Energiereserven tätig sind. «Diese Konzerne setzen auf die Erschliessung neuer Kohlevorkommen sowie Erdöl- und Erdgasfelder», erklärt Christian Lüthi, Geschäftsleiter der Klimaallianz. Die neu erstellten Anlagen können nur mit einer längerfristigen Nutzung rentabel betrieben werden. «Um die Erderwärmung in Grenzen zu halten, muss aber der grösste Teil dieser Ressourcen im Boden bleiben», macht Lüthi deutlich.

Zudem gehen die Initianten der Klimaallianz davon aus, dass unsere Renten durch solche Investitionen gefährdet sind. Die politischen Bestrebungen würden Kohleminen und Erdölplattformen schon bald zum Auslaufmodell machen, ist sich Lüthi sicher. Der Trend gehe klar in Richtung erneuerbare Energie wie Sonne und Wind. «Unternehmen, welche die Entwicklung verschlafen, haben keine Zukunft», stellt der Geschäftsleiter klar. Es drohe eine Kohlenstoffblase, welche das Finanzsystem zum Kollabieren bringen könnte wie damals die Finanzkrise.

 

Langsames Umdenken

Dieser Prognose stimmen nicht alle Versicherer gleichermassen zu. Zwar herrscht breite Einigkeit darüber, dass das fossile Zeitalter bald zu Ende gehen wird und man die Anlagestrategie entsprechend anpassen muss. Doch mit den derzeit tiefen Zinsen und der steigenden Lebenserwartung sind die Kassen sowieso bereits gefordert, um die Renten längerfristig in versprochener Höhe ausbezahlen zu können. Die meisten wollen deshalb nicht auf die derzeit noch guten Gewinne verzichten.

Bei der Aargauischen Pensionskasse etwa steht das wirtschaftliche Interesse der Versicherten im Vordergrund, wie Leiter Kapitalanlagen David Engel mitteilt. «Auf Vorstösse von Einzelpersonen können wir nur bedingt eingehen.» Ethische, ökologische und sozialpolitische Kriterien berücksichtige man aber durchaus als Teil des Risikomanagements. Auch Hanspeter Wiedmer von der Bernischen Pensionskasse hält wenig von einem raschen Ausstieg aus der fossilen Branche: «Je weniger Diversifikation, desto mehr Schwankung», erklärt der stellvertretende Direktor. Die Kasse investiere aber vergleichsweise kleine Beträge in Erdöl-, Kohle und Gasproduktion sowie in andere umweltschädliche Branchen wie Atomkraft. Gemeinsam mit anderen Unternehmen suche man den Dialog mit den Unternehmen und setze sich für eine weitere Reduktion des Kohlenstoffausstosses ein, sagt Wiedmer.

Bereits erste Schritte vollzogen hat die Pensionskasse des Bundes, die Publica. Vor zwei Jahren hat sie Kohleproduzenten aus ihrem Portfolio gestrichen. Der Entscheid sei in erster Linie finanziell motiviert gewesen,  erklärt Patrick Uelfeti. «Unternehmen wie etwa Kohleminen sind auf ein Kerngeschäft konzentriert und können sich nicht auf die Schnelle neu ausrichten.» Andere Energieproduzenten und -versorger dagegen hätten die Möglichkeit, sich ihrem Umfeld anzupassen und würden deshalb ein weniger grosses Risiko darstellen, führt der Leiter Portfolio Management aus. Man investiere aber durchaus auch in Solaranlagen und Windpärke und sei bestrebt, diesen Bereich stetig auszubauen, betont Uelfeti. «Es ist ein gradueller Prozess.»

 

Rendite muss stimmen

Der Klimaallianz geht dieser Prozess aber klar zu langsam voran. Die Reaktionen auf die Schreiben der Versicherten seien mit wenigen Ausnahmen defensiv und wenig verbindlich gewesen, sagt Geschäftsleiter Lüthi. Eine erste Auswertung auf der Webseite ordnet die meisten aufgeführten Kassen im nicht klimaverträglichen Bereich ein. Einige wenige wie etwa die Publica sowie die Beamtenversicherungskasse des Kantons Zürich BVK haben gemäss Klimaallianz einen Anfang gemacht. Als vorbildlich eingestuft werden lediglich die beiden Stiftungen Nest und Abendrot.

Letztere schmückt sich seit jeher mit dem Adjektiv nachhaltig. Die aus der 68-er Bewegung entstandene Stiftung Abendrot investierte ursprünglich ausschliesslich in Immobilien, die sie auch heute noch sozialverträglich und ökologisch bewirtschaftet. Mittlerweile stecken rund zwei Drittel der Mittel in Anlagen, wobei Konzerne wie Syngenta, Glencore und die Grossbanken aus ethischen Gründen ausgeschlossen werden. «Nachhaltigkeit umfasst bei uns mehr als das Thema Klimaverträglichkeit», betont Dominique Becht von der Fachstelle Wertschriften. Auch Abendrot hält jedoch Aktien von Energieversorgern sowie Auto- und Flugzeugkonzernen. Gemäss dem sogenannten Best-in-Class-Ansatzes werden jeweils nur die nachhaltigsten Unternehmen jeder Branche berücksichtigt, wie Becht erklärt. «Ganze Sektoren herauszukippen würde es schwierig machen, die Renten zu sichern.»

Wer seine Pensionskasse anschreiben möchte, kann dies weiterhin über folgenden Link tun: www.renten-ohne-risiko.ch