Frage-Antwort: Motivationskrise bei der Stellensuche

Carla Weber, 22.01.2018

In unserer Ratgeber-Serie beantworten Experten kfmv-Mitgliedern Fragen rund um das Thema Arbeitsplatz.

Frage

Ich (56) musste ich mich schweren Herzens trennen von einer langjährigen Stelle, die sich durch mehrmalige Umstrukturierung und Chefwechsel für mich als unzumutbar erwiesen hatte. Seit einem Jahr bin ich nun arbeitslos und mittlerweile recht zermürbt. Ich weiss, dass die Arbeitssuche in meinem Alter wohl etwas länger dauern wird, habe aber zunehmend Mühe, mich zu motivieren. Jede weitere Absage wiegt schwerer und ich halte die Ungewissheit manchmal fast nicht mehr aus.

Antwort

Viele Stellenlose erleben im Lauf der Suche eine Motivationskurve. Zuerst kommt oft ein Motivationsschub. An der Bruchstelle von einer Stelle zu einer neuen tut sich plötzlich eine grosse Weite von Möglichkeiten auf. Unmittelbar entsteht Raum für unterschwellige Fragen: Sollte ich etwas ganz anderes tun? Gibt es bisher noch nicht gelebte Wünsche, brachliegende Ressourcen  oder Facetten, die sich plötzlich etwas mehr in den Vordergrund drängen? Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Diese Impulse sind sehr wertvoll, da sie vorwiegend in Bruchstellen entstehen und nicht im Alltagstrott.

Rückblickend erlebten viele Stellensuchende die  Zeit des «Dazwischen» als bereichernd, aber eben sehr schwierig auszuhalten, denn die Freiheit kann im Laufe der Zeit zu einer beängstigenden Weite werden und zu Unsicherheit und Angst führen. Was wenn ich nichts Passendes finde? Was wenn ich ausgesteuert werde? Vielleicht muss ich gar aufs Sozialamt? Solche quälenden Gedanken sind nicht gerade motivationsfördernd. Zu gern möchte man wissen, ob und wie die Berufsbiographie weitergeht. Es kommt mir vor als würde ein Wanderer im Gebirge unbedingt wissen wollen, wie genau es hinter dem nächsten Felsen weitergeht. Kommt da ein Abgrund, ein Felsband oder ein Klettersteg? Geht es da überhaupt weiter?

Fact ist: Ich kann mich nicht zum Felsen hin «beamen». Es gibt nur einen Weg dahin zu kommen: Schritt für Schritt in Richtung des Felsens zu setzen, mit der durch Erfahrung erworbenen Gewissheit und dem Vertrauen, dass ich vom Standpunkt dort vorn aus schon sehen werde, wie es weitergeht. Wichtig ist das bewusste Gehen und die Gewissheit: Ich bin unterwegs. Ich tue alles, was ich kann. Ich erlebe dabei viel Neues auch neue Facetten an mir, ich treffe auf andere Menschen, auf andere Umgebungen. Ich bin in Bewegung. Das ist das Wichtigste: In Bewegung bleiben und dabei bereichernde Anregungen aus allen Richtungen annehmen auch aus unerwarteten, z. B. aus Kunst und Kultur. Eben aus dem, was ich gerade tue und erlebe im Jetzt.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Trauer entsteht, wenn du in der Vergangenheit lebst. Ängste entstehen, wenn du in der Zukunft lebst. Glück entsteht in der Gegenwart, im Hier und Jetzt.

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