Tiefere Löhne wegen der Digitalisierung?

Jürg Zulliger, 15.02.2018

In vielen westlichen Ländern wachsen die Löhne nicht mehr so rasch wie das gesamte Wirtschaftseinkommen. Steht das in einem Zusammenhang mit der Digitalisierung?

Viele Zukunftsforscher und Ökonomen haben in den letzten Jahren immer wieder Alarm geschlagen. Dicke Bücher und Studien zeugen von pessimistischen Prognosen, dunklen Visionen und Warnungen. Der US-Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin publizierte bereits 1995 den Bestseller vom «Ende der Arbeit». Die neusten Fortschritte bei der Digitalisierung und Rationalisierung werfen erneut die gleichen Grundfragen auf: Steht uns eine Zeit bevor, in der die globale Wirtschaft zwar wächst, aber keine neuen Jobs mehr schafft? Steigt überall das Bruttoinlandprodukt, während aber die Löhne der Angestellten stagnieren? Statistisch zweifelsfrei belegt ist Folgendes: Seit rund 20 bis 30 Jahren fällt in fast allen westlichen Ländern die Lohnquote. Das heisst: Der Anteil der Löhne der Angestellten und Berufstätigen am gesamten Einkommen in der Wirtschaft sinkt. Während früher die Lohnquote bei 70 oder 75 Prozent lag, fiel diese Zahl in Deutschland oder in den USA auf noch rund 55 oder 56 Prozent. In der Schweiz liegt diese Quote noch immer über 60 Prozent.

 

Google & Facebook verändern die Wirtschaft

Eine sinkende Lohnquote ist zwar nicht dasselbe wie in Franken und Rappen gerechnet sinkende Löhne. Vieles deutet aber darauf hin, dass international die Löhne mit dem Wirtschaftswachstum nicht mehr Schritt halten. Eine überwiegende Zahl von Wissenschaftlern stellt die These auf, dass dies in einem Zusammenhang mit der rasch fortschreitenden Digitalisierung steht. Ein ernst zu nehmender Faktor ist zum Beispiel die globale Marktmacht einiger weniger Player im Bereich Internet und Smartphones: US-amerikanische Firmen wie Google, Facebook oder auch Apple ist es gelungen, globale Netzwerke aufzubauen. Michael Siegenthaler, Ökonom an der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH, sagt dazu: «Sobald diese Netzwerkplattformen einmal laufen, können sie mit wenig Personal betrieben werden.» Für mittelständische Unternehmen und das Gewerbe wäre es zum Beispiel völlig undenkbar, pro Mitarbeiter bzw. Mitarbeiterin über eine Million Dollar Umsatz zu erzielen. Bei Apple ist genau dies die Charakteristik des etablierten Geschäftsmodells – mit einer kleinen Zahl an Angestellten können immer noch höhere Umsätze und Gewinne erzielt werden.

Bei der Diskussion um die sinkende Lohnquote muss man sich auch im Klaren darüber sein, welche anderen Anteile am Volkseinkommen an Gewicht gewinnen. Was auf dem Konto der Löhne fehlt beziehungsweise weniger Zuwachs verzeichnet, fällt dafür prozentual in erhöhtem Mass bei den Eignern von Maschinen, Boden und Kapital an. Manche Fachleute argumentieren, dass neben diesem Netzwerkeffekt der ganz grossen Tech-Firmen noch andere Faktoren anzuführen sind: So hat es erst die vereinfachte und beschleunigte Kommunikation möglich gemacht, gewisse Arbeitsvorgänge zu verlagern (Outsourcing, Offshoring). Nicht für alle, aber für gewisse Vorgänge spielt es keine Rolle, ob die Arbeit in der Schweiz, in Indien, Bangladesch oder auf den Philippinen ausgeführt wird. Dazu kommt, dass im Zug der digitalen Kommunikation der Organisationsgrad von Angestellten und somit der Einfluss von Gewerkschaften sinkt.

 

Sonderfall Schweiz

Entgegen diesem globalen Trend ist die Lohnquote in der Schweiz in den letzten 35 Jahren nicht oder noch nicht gesunken. Ein Erklärungsansatz zum «Sonderfall» Schweiz lautet: Die Digitalisierung hat sich hierzulande nicht ganz so rasch entwickelt wie in anderen Ländern. Der Tourismus, das Gastgewerbe oder die Bauwirtschaft sind immer noch recht stark von personalintensiven Abläufen geprägt. Positiv für die Gesamtlohnbilanz war es wohl auch, dass es in der Schweiz zu einer Verlagerung von Arbeit in wertschöpfungsintensivere Branchen kam wie zum Beispiel Finanzen oder Pharma. Experte Michael Siegenthaler sagt dazu: «Gut möglich, dass auch das Schweizer Bildungssystem dazu beigetragen hat.» Die gut etablierten Fachhochschulen boten vielen Leuten die Möglichkeit, sich weiterzubilden und sich wichtige Kompetenzen anzueignen – eben gerade solche, die in einer digitalisierten Wirtschaft von Bedeutung sind.

 

Gesuchte IT-Spezialisten

Eine Stichprobe bei einigen Unternehmen und Personaldienstleistern bestätigt es: Es wäre falsch zu glauben, dass die Löhne auf der ganzen Linie unter Druck kommen und Jobs verloren gehen. Daniel von Arx, Sprecher der Luzerner Kantonalbank, hält zum Beispiel fest: «Die Digitalisierung schafft bei uns neue Aufgaben, für welche wir qualifizierte Mitarbeitende suchen.» Konkret spricht er von rund 60 neu geschaffenen Stellen, etwa in den Bereichen Projektleitung und der Weiterentwicklung des Bankbetriebs mit digitalen Lösungen. Dieser Einschätzung schliesst sich auch Fabian Büsser vom Personaldienstleister Page Personell an: «Extrem gesucht sind qualifizierte Spezialisten, die einerseits viel von Digitalisierung verstehen und andererseits auch das Bankgeschäft sehr gut kennen.» Im gesamten IT-Sektor, aber auch in der Pharmaindustrie oder im Bereich Ingenieurwesen sind laut Page Personell derzeit viele Stellen nicht besetzt. Der Ökonom Michael Siegenthaler hält alles in allem die Angst vor drohender Massenarbeitslosigkeit für unbegründet. Er illustriert dies am Beispiel eines Lastwagenfahrers: Selbst wenn irgendwann selbstfahrende Camions und Autos das Bild im Verkehr prägen, macht dies den Job nicht überflüssig. «Denn gewisse Kernbereiche», so Siegenthaler, «können nicht vollständig digital und automatisiert ablaufen.» Dazu zählen vor allem die ganze Zeitplanung und Organisation sowie die Interaktion mit Auftraggebern und Kunden, das Handling von nicht geplanten Situationen und die Abwicklung von Waren entgegennahmen.

 

Wachsende Ungleichheit

Siegenthaler weist darauf hin, dass die Digitalisierung in anderer Hinsicht einen wesentlich bedeutenderen Einfluss habe – nämlich auf die zunehmende Lohnungleichheit. Denn die digitale Wirtschaft bringt es tatsächlich mit sich, dass gewisse Jobs ganz einfach wegfallen. Beispiele dafür sind repetitive Routinearbeiten in der Industrie oder einfache Aufgaben im Back Office von Finanz- oder Versicherungsunternehmen. «Dafür schaffen viele Unternehmen Jobs in anderen Bereichen, etwa in der Projektsteuerung, auf strategischer Ebene bei Unternehmen, in der Unternehmensberatung oder in der Unternehmenskommunikation», so Siegenthaler. Auch dies trägt dazu bei, dass die digitalisierte Wirtschaft von steigender Lohnungleichheit geprägt ist.

Auf der Strecke bleiben Jobs, die typischerweise von niedrig- bis mittelbezahlten Menschen ausgeführt werden. Dafür steigt aber der Bedarf an gut qualifiziertem Personal. Parallel dazu dürften traditionelle Berufskarrieren, die in der Hierarchie und beim Einkommen stetig nach oben führen, seltener werden. Wer heute zum Beispiel im Alter 50plus im Bank- oder Finanzbereich die Stelle verliert, wird woanders in gleicher Funktion kaum noch den Status Quo beim Einkommen halten können. Für die betroffenen Menschen mag es beruhigend sein, dass nicht gleich Hunderttausende aus dem Arbeitsleben verdrängt werden. Ungelöst bleibt aber das Grundproblem – nämlich die Frage, wie die Fortschritte und das Wachstum der Rationalisierungs- und Digitalisierungsrevolution fair verteilt werden können.