100 Jahre Frauen beim Kaufmännischen Verband

Ursula Häfliger, 07.03.2018

Vor 100 Jahren wurden erstmals Frauen als Mitglieder beim Kaufmännischen Verband zugelassen. Es zeigt sich: Ihre Forderungen sind über die Zeit gleich geblieben. Ein Kommentar zum Tag der Frau.

An der Delegiertenversammlung im Juli 1918 entschied der Zentralvorstand des 1873 gegründeten „Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes“, erstmals Frauen als vollwertige Mitglieder zuzulassen. Diesem Entscheid waren jahrelange, teilweise heftige Diskussionen vorausgegangen.

 

Das „Schreckensgespenst Frau“

Die männlichen Mitglieder des Kaufmännischen Verbandes fürchteten die weibliche Konkurrenz und beschrieben Schreckensszenarien von Lohndumping und Arbeitslosigkeit aufgrund der weiblichen Erwerbstätigkeit. So schrieben die Männer im „Schweizerischen Kaufmännischen Zentralblatt“, dem damaligen Verbandsorgan, 1899, „(…) dass es uns sehr unangenehm ist, wenn diese gleichen Damen andererseits eine Menge Stellen um ein Spottgeld besetzen und dadurch viele unserer jungen Leute zwingen, entweder für das nämliche Spottgeld zu arbeiten, oder weiss Gott wie lange stellenlos zu bleiben.“ In Zürich waren zu dieser Zeit aber bereits rund 40 Prozent der Bürokräfte weiblich, wenn auch nur in den untersten Funktionen wie zum Beispiel als Schreiberin. Die Zulassung zur Berufslehre war den Frauen nämlich verwehrt und erst auf Verordnung des Bundes im Jahr 1900 mussten auch Frauen zur Ausbildung zugelassen werden. Dieser Schritt legte den Grundstein für die Akzeptanz der Frauen in den kaufmännischen Berufen.

 

Forderungen zum 50-Jahre-Jubiläum

Im Mai 1968 feierten die weiblichen Mitglieder des Kaufmännischen Verbandes das 50-Jahre-Jubiläum ihrer Zulassung zum Verband. Damals zählte der Verband mehr als 65 000 Mitglieder, davon 26% Frauen. Die weiblichen Mitglieder verabschiedeten eine Resolution mit ihren Forderungen. Diese beinhaltete unter anderem: Gleiche Löhne, gleiche Anstellungsbedingungen und Aufstiegsmöglichkeiten für Männer und Frauen bei gleicher Leistung sowie eine Verbesserung der beruflichen Vorsorge.

 

Gleiches Recht für alle

Mehr zu den aktuellen Aktivitäten des kfmv im Bereich Chancengleichheit.

Immer noch zu wenig erreicht

Der Frauenanteil bei den Mitgliedern des Kaufmännischen Verbandes ist 2018 auf 56% angestiegen. Zwei der am heftigsten umkämpften politischen Geschäfte im Parlament sind die Reform der Altersvorsorge und die Änderung des Gleichstellungsgesetzes, um die Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen zu verbessern. So beträgt die Lohndifferenz im Finanz- und Versicherungsdienstleistungssektor noch heute 30%. Und bei der Lohndifferenz sind rund 1000 Franken pro Monat nicht durch unterschiedliche Erwerbsbiographien erklärbar. Im OECD-Vergleich der Arbeitsbedingungen für Frauen, dem Glass-Ceiling Index, besetzt die Schweiz den viertletzten Rang. Dies hat unter anderem mit den teuren Krippenplätzen, ungünstigen Regelungen zum Elternurlaub und Frauenquote auf Tertiärstufe – vor allem in der höheren Berufsbildung – zu tun.

In der beruflichen Vorsorge beträgt der Unterschied bei den Altersrenten zwischen Männern und Frauen 60%. Dies hat mehrere Gründe, so haben unter anderem niedrigere Löhne, Teilzeiterwerb und Erwerbsunterbrüche, wovon vor allem Frauen betroffen sind, einen Einfluss auf die Altersrente. Auch verhindern die Eintrittsschwelle in die berufliche Vorsorge und der Koordinationsabzug, dass niedrige Einkommen bei der Pensionierung oft gar kein oder ein niedriges Einkommen aus der beruflichen Vorsorge haben. Das führt dazu, dass 23% der erwerbstätigen Frauen nicht in der zweiten Säule versichert sind.

Der Kaufmännische Verband fordert anlässlich seines 100-Jahre-Jubiläums weiblicher Mitgliedschaft Folgendes:

  • Lohngleichheit soll endlich durchgesetzt werden. Wenn es freiwillig nicht klappt, dann mit Kontrollen.
  • Die Arbeitsbedingungen für Frauen und die Vereinbarkeit müssen verbessert werden. Es braucht nicht nur ein ausreichendes Angebot an Krippenplätzen, diese müssen auch bezahlbar sein. Wir fordern einen Elternurlaub, nur das fördert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Frauenquote in der höheren Berufsbildung muss gesteigert werden. Es braucht eine Analyse zu den Ursachen und geeignete Massnahmen im Anschluss.
  • Die berufliche Vorsorge muss angepasst werden, um Menschen mit niedrigen Löhnen, Teilzeiteinkommen, Erwerbsunterbrüchen oder mehreren Arbeitseinkommen Altersrenten aus der beruflichen Vorsorge zu gewährleisten.

Dafür setzen wir uns 2018 und darüber hinaus auf politischer Ebene ein. Das sind wir allen berufstätigen Frauen und unseren weiblichen Mitgliedern schuldig.