«Die Bedrohungslage im Onlinehandel ändert sich laufend»

Jürg Zulliger, 15.03.2018

Digitec Galaxus ist heute der grösste und erfolgreichste Onlineshop der Schweiz. CEO Florian Teuteberg erzählt von der Pionierphase, der Kultur eines Start-ups und blickt in die Zukunft des Detailhandels.

kfmv-Blog: Sie waren gut 20 Jahre alt, als Sie, Oliver Herren und Marcel Dobler den Onlineshop Digitec gründeten. Das Gründungsjahr 2001 – was war das für ein Abschnitt in Ihrem Leben?

Florian Teuteberg: Das war zwischen der Matura und dem Beginn meines Studiums als Maschineningenieur. Oliver Herren lernte ich im Computerladen «Computerexpress» kennen. Marcel Dobler war noch in der Lehre und stiess danach dazu. Wir waren begeisterte Gamer und stellten fest, dass in der Schweiz kaum hochklassige Computer und hochwertige Komponenten für PC erhältlich waren.

 

Welches waren Ihre Games damals?

Wir haben oft zusammen gespielt, zum Beispiel Half Life, Command and Conquer und Duke Nukem 3D.

 

Wie genau startete Digitec?

Wir haben zu dritt angefangen. Über unsere Website konnten die Kunden Computer bestellen. Wir haben die PCs individuell zusammengestellt und den Kunden zugestellt.

 

Hätten Sie je daran gedacht, dass Digitec so rasch wachsen würde? Oder haben Sie das sogar angestrebt?

So etwas anzustreben, wäre völlig vermessen gewesen. Es waren weder wirtschaftliche Ziele noch bestimmte Karrierepositionen, die uns angetrieben haben. Wir hatten Freude an der Sache und wollten das Einkaufserlebnis für unsere Kundinnen und Kunden verbessern. Dabei haben uns immer auch die eigenen Bedürfnisse begleitet. Wir wollten Einkaufsmöglichkeiten verwirklichen, die es so noch nicht gab. Wir importierten PC-Komponenten, die in der Schweiz damals gar nicht erhältlich waren. Die Kunden informierten sich über unsere Webseite über das Sortiment und die Produkte. Das ist noch heute unser Grundsatz: Gestützt auf diese Angaben fällt der Kunde seinen Kaufentscheid. Wir bieten auf der Website ein möglichst grosses Sortiment. Und der Kunde soll so einfach wie möglich das passende Produkt finden.

Teuteberg bei "HWZ meets CEO"

Am 12. April 2018 ist Florian Teuteberg zusammen mit seinem Creative Director Flurin Spring zu Gast bei der Eventreihe "HWZ meets CEO" in Zürich. Der Eintritt ist frei.

Mussten Sie Geld leihen, um den Start finanziell möglich zu machen?

Nein, überhaupt nicht. Wir benötigten nicht einen Franken Fremdkapital. Das war ganz einfach: Im Onlineshop war von Anfang an eine Vorauszahlung nötig. Mit dem Geld bestellten wir bei den Lieferanten die nötigen Komponenten. Im Übrigen hatten wir zu Beginn sehr tiefe Fixkosten. Was netto übrig blieb, haben wir gleich in den weiteren Aufbau investiert.

 

Was war seither Ihr grösstes Erfolgserlebnis?

Den grössten Erfolg sehe ich darin, dass es die Firma immer noch gibt.

 

Wirklich? Immerhin ist Digitec Galaxus aktuell der grösste Onlinehändler der Schweiz mit rund 900 Beschäftigten…

….das meine ich tatsächlich ernst! Ohne Zweifel ist es eine Leistung, sich in einem solch kompetitiven, sich rasch ändernden Umfeld zu behaupten.

 

Was ist denn so bedrohlich für Ihr Geschäftsmodell?

Die Bedrohungslage ändert sich laufend. Als wir an Umsatz zulegten, haben zum Beispiel grössere und mächtige stationäre Händler versucht, unsere Angebote anzugreifen. Die Luft im Elektronikmarkt Schweiz ist nun mal dünn.

 

Wo sehen Sie international die schärfste Konkurrenz?

Im E-Commerce stellt Amazon eine grosse Herausforderung dar. In fast allen europäischen Ländern steht Amazon als Onlineshop mit gewaltig grossem Abstand an erster Stelle. Die Schweiz zählt zu den wenigen Ländern, wo Amazon nicht führend ist.

Sparen Sie Kosten, weil sie kein Filialnetz unterhalten?

Sicher gibt es einige grosse Unterschiede zum klassischen Handel. Bei uns fällt pro Verkauf ein sehr viel geringerer Aufwand an Ressourcen und eingesetzter Arbeitszeit an. Wir sind sehr effizient.

 

Könnten Sie dies genauer erklären?

Der Grad an Automatisierung ist sehr hoch. Die Bestellung eines Kunden auf der Webseite wird von selbst ausgelöst, die Verbuchung des Zahlungseingangs und vieles mehr laufen ebenso völlig automatisch ab. Bei einer klassischen Onlinebestellung fällt lediglich in der Logistik ein gewisser Aufwand an. Ein Mitarbeiter holt das bestellte Produkt im Lager und bereitet den Versand vor. Insgesamt benötigen wir intern auch wesentlich weniger Flächen als ein Händler mit einem grösseren Netz an Verkaufsstellen. Und die von uns benötigten Flächen liegen an viel günstigeren Standorten als in der Stadt.

 

Die Produkte kann man sich nach Hause schicken lassen, trotzdem unterhalten Sie heute neun eigene Stores. Sie umfassen Showrooms für Produkte und sind Abholstelle für bestellte Waren. Wieso haben Ihre Kunden dieses Bedürfnis?

Diesen Kanal haben sich unsere Kunden quasi selbst genommen. Bereits in der Pionierphase kamen Kunden ganz einfach an unseren Standort und wollten die bestellten Computer selbst abholen. Heute ist wohl noch die Geschwindigkeit ein Schlüsselfaktor. In unserem Hauptlager haben wir rund 80 000 Artikel verfügbar. Was zum Beispiel in Zürich bis um 13.15 Uhr online bestellt wird, kann noch am gleichen Tag in einem der Shops abgeholt werden. Rund ein Drittel der Waren wird abgeholt.

 

Der Internetboom hat weltweit kleine Start-ups in Kürze gross gemacht. Welches sind Ihre Vorbilder, zum Beispiel im Silicon Valley?

Als Mensch bin ich nicht einer, der bestimmten Strömungen oder bestimmten Personen nacheifert. Sicher ist aber der Aufstieg von Firmen wie Google oder Amazon ausserordentlich beeindruckend. Da pflege ich zu sagen: Wir haben den falschen Heimmarkt gewählt (lacht).

 

Wollen Sie damit sagen, dass es weder in den USA, in England noch sonstwo einen vergleichbaren Onlineshop gibt?

Ich glaube tatsächlich, dass wir in anderen Ländern auch erfolgreich gewesen wären. In den Anfangszeiten gab es wenige, die Cross-Channel so konsequent umgesetzt haben wie wir. Kaum jemand hat die Online-Welt, die Läden und die Werbung so nahtlos miteinander verbunden wie wir. Gleichzeitig waren wir enorm effizient in der Abwicklung und konnten so bei besserem Leistungsangebot günstiger sein.

Was sind die aktuellen Trends beim Onlineshop?

Heute setzen wir stark auf den sozialen Aspekt beim Einkaufen und das Erlebnis. Kunden kaufen bei uns nicht nur ein, sie tauschen sich in unserer Community über unsere Produkte aus. Und mit unseren Blog-Beiträgen informieren und unterhalten wir unsere Kunden mit ehrlichen, authentischen Inhalten.

 

Andererseits macht die Digitalisierung vielen Leuten Angst, weil sie als Jobkiller gefürchtet ist. Ihre Haltung dazu?

Das ganze Interview lesen Sie in unserem Context #6/2017.

Florian Teuteberg

Der 38-jährige Florian Teuteberg gründete nach der Matura zusammen mit Oliver Herren und Marcel Dobler den Onlineshop Digitec. Heute ist er CEO der Digitec Galaxus AG. Die Firma führt den grössten Onlineshop der Schweiz (digitec.ch und galaxus.ch), macht jährlich weit 700 Millionen Franken Umsatz und beschäftigt 900 Personen. Digitec startete als Shop für Computer und Elektronik, Galaxus ist ein Warenhaus für die verschiedensten Produkte. 2012 übernahm Migros zuerst einen Teil der Firma, dann 2015 mit 70 Prozent die Aktienmehrheit; die Gründer sind aber nach wie vor massgeblich beteiligt.

Dieser Artikel wurde erstmals am 1. Juni 2017 veröffentlicht.