Karriere einer Kommandantin

Rolf Murbach, 23.03.2018

Sarah Brunner, 29, wurde aus dem Gymnasium geschmissen. Dann ging sie zur Armee und legte eine beeindruckende Karriere hin. Heute ist sie Kommandantin einer Infanteriekompanie und engagiert sich als UNO-Blauhelm in der Friedensförderung im Libanon, in Syrien und bald in Mali.

Ihr Arbeitsplatz ist ein orientalisches Lokal in Zürich. Jeden Tag sitzt sie am runden Tisch beim Eingang, trinkt Kaffee und büffelt. Acht bis zehn Stunden täglich: Mathematik, Biologie, Physik, Geschichte, Deutsch, bildnerisches Gestalten, Französisch, Chemie und Spanisch. Sie bereitet sich auf die eidgenössische Maturität vor. Den ersten Teil der schriftlichen Prüfungen hat sie im letzten Sommer absolviert und bestanden. Nun stehen der zweite Teil und die mündlichen Prüfungen an. Hier im Maison Blunt kennt sie viele, das Personal, die Stammgäste und Bekannte, mit denen sie sich zum Essen trifft. Trotz Ablenkung kann sie sich offenbar gut konzentrieren. Sarah Brunner ist diszipliniert und arbeitet hart, wenn sie etwas erreichen will. Das hat sie in ihrem bewegten Leben gelernt. Es war nicht immer so.

Als Teenager war sie ein schwieriger Fall. Sie gehörte zur Zürcher Jugendschickeria, war immer unterwegs, trank gerne und hielt sich vor allem an Partys auf, interessierte sich vorwiegend für Mode und wenig für die Schule. «Ich war ein wilder Teenie», sagt sie. Das rächte sich. Kurz vor der Matura wurde sie aus der Schule geschmissen, weil ihre Leistungen zum wiederholten Mal nicht genügten. Nun stand sie ohne Abschluss da und musste mit ansehen, wie sich ihre Freunde über Matur und Lehrabschluss freuten.

«Es war ein brutales Erwachen, ich hatte Panik.» Wie sollte es in ihrem Leben weitergehen? Was konnte sie tun? Wie dem Scheitern entrinnen? Ihr Vater, der sie unterstützte, erzählte irgendetwas vom Militär. So genau erinnert sich Sarah Brunner nicht an den Moment, als sie auf die Idee kamen, eine Rekrutenschule könnte ihr weiterhelfen. Sie informierte sich beim Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Sicherheit und Sport (VBS) über die Möglichkeiten, die Frauen in der Armee haben, absolvierte die Aushebung und begann 2007 die Rekrutenschule.

 

Disziplin und Werte

Das war die Initialzündung für eine erstaunliche Karriere. Die junge Frau hatte verstanden, dass es ihr an Disziplin und Werten mangelte, dass sie sich in ihrem Leben nie hat durchbeissen müssen und dass sie dies nun ändern wollte. Um nicht zu scheitern.

 

«Es war eine harte Schule», erinnert sie sich. Drill, Dreck und Kälte, lange Märsche, wenig Schlaf. Und immer als einzige Frau im Zug. Die anderen Frauen, die sich fürs Militär entscheiden, gehen meist zur Sanität, zur Übermittlung oder zur Musik. Kampftruppen scheinen nicht ihre Sache zu sein. «Am Wochenende war ich tot.» Aber Sarah Brunner hat es durchgezogen, auch dank der Unterstützung ihres Vaters. Er schickte Fresspäckli in die RS und sprach der Tochter am Wochenende Mut zu. «Diese Zeit hat uns zusammengeschweisst.»

Sarah Brunner hatte gelernt: «Wenn man etwas wirklich will, dann kann man es erreichen.» Sie hatte erfahren, dass sie zu mehr fähig ist, als sie dachte. Es würde sich später immer wieder zeigen. Aber was nun? Die Rekrutenschule absolviert, das war schon mal was. Doch sie benötigte auch einen Abschluss, um beruflich weiterzukommen. Soldat Sarah Brunner, oder sollte man sagen, Soldatin Sarah Brunner? – es ist ihr unwichtig – interessierte sich für Mode. Also bewarb sie sich für einen Praktikumsplatz bei einer Modelagentur. Nach sechs Monaten hängte sie zwei weitere Jahre an und erlangte den KV-Lehrabschluss. Wegen ihrer Mittelschulerfahrung durfte sie die verkürzte Lehre absolvieren.

Nun war Sarah Brunner wie ihre ehemaligen Schulkollegen wieder auf Kurs. Und sie wusste auch, wie es weitergehen sollte. Sie wollte wissen, was als Frau in der Armee möglich ist. Die militärischen Aufgaben gefielen ihr, sie arbeitete gerne im Feld und interessierte sich für Führungsaufgaben. 2010 trat sie in die neunwöchige Unteroffiziersschule ein, absolvierte den Offizierslehrgang und verdiente den Offiziersgrad in einer Füsilier-RS als Zugführerin ab.

 

Nasse Schuhe

Sie hatte gelernt, sich durchzubeissen. Jede Woche im freien Feld, Kampfübungen, bei Wind und Wetter biwakieren und als Abschluss der Unteroffiziersausbildung komplett übernächtigt 60 Kilometer marschieren. Es brachte sie ans Limit. Bei der Offiziersausbildung waren es dann 100 Kilometer. Sarah Brunner hatte vor dem Losmarschieren nasse Schuhe, eigentlich eine unmögliche Voraussetzung für ein solches Unterfangen. Sie war verzweifelt und trocknete die Stiefel, so gut es ging, mit einem Föhn. Den 21-stündigen Marsch überstand sie.

Der Dienst in der Armee fasziniert Sarah Brunner. Das merkt man, wenn sie von ihren Erfahrungen erzählt, von den Jobs in der freien Natur, dem Teamgeist, den sie im Militär erlebt. Und sie hat entdeckt, dass ihr Führungsaufgaben liegen. Offenbar schätzen die Soldaten ihren Stil. Nach dem letzten WK, den sie als Kommandantin absolviert hatte, bedankten sich die Soldaten bei ihr für die gemeinsam verbrachte Zeit und ihr Engagement.

Sarah Brunner hat etwas Gewinnendes. Man nimmt es ihr ab, dass sie bei den Jungs gut ankommt. Ihre Lebendigkeit, das authentische Auftreten und was sie vorlebt, tragen dazu bei. «Ich bin auf dem Boden geblieben», sagt sie. «Ich bin streng, wenn es ums Arbeiten geht, aber immer sehr fair. Und ich trinke gerne ein Bier mit meiner Truppe, wenn‘s drinliegt.» Unterdessen ist Sarah Brunner Hauptmann und Kommandantin einer Kompanie in einem Zürcher Bataillon. Sie U. Nein, es sei kein Problem, als Frau Männer zu führen. «Ich hatte nur einmal Schwierigkeiten. Ein gleichrangiger Offiziersaspirant, der mit mir als Frau und meiner Leistung nicht klarkam, hat mich permanent angegriffen und versucht, mir Steine in den Weg zu legen.»

Am Anfang ihrer Führungslaufbahn musste sich die Frau bei den jungen Männern mit ausserordentlichen sportlichen Leistungen noch Respekt verschaffen. Sie zeigte zum Beispiel vor, wie man 50 Liegestütze hinkriegt, oder war beim Lauftraining an der Spitze. Und rauchte dann eine Zigarette. Das machte Eindruck und verschaffte ihr Anerkennung. Sarah Brunner sieht ihre Führungsqualitäten aber nicht «im Beeindrucken», sondern in ihrer langjährigen Erfahrung.

Nach längerer Zeit im Militär wollte die damals 21-Jährige wissen, wie ihre beruflichen Chancen im zivilen Leben stehen. Der Kulturclub Kanzlei in Zürich suchte eine operative Geschäftsführerin. Sie bewarb sich und bekam die Stelle. Sarah Brunner organsierte kulturelle Anlässe und war für das Personal verantwortlich. Doch nach einem Jahr stellte sich bei ihr Routine ein. «Der Job war super, aber ich suchte eine andere Herausforderung.» Der Kommandant der Infanterie-Rekrutenschule, in der Sarah Brunner abverdient hatte, machte ihr ein spannendes Stellenangebot «als Berufsoffizier auf Zeit». So kehrte sie zurück zur Armee. 2012 bis 2015 arbeitete sie in Chur, zuerst als Instruktorin, dann als Kompaniekommandantin. Während dieser Zeit absolvierte sie auch die dafür notwendigen Führungsausbildungen an der Zentralschule.

Begegnungen sind oft entscheidend für eine berufliche Wende. Sarah Brunner reist regelmässig nach Israel, ihre zweite Heimat, wie sie sagt. Sie hat im Selbststudium Hebräisch gelernt und war schon mehr als zwanzig Mal in dem Land. In Tel Aviv traf sie einen österreichischen Blauhelm-Soldaten, der in der israelischen Hauptstadt stationiert war. Sie dachte: Das ist es, so kann ich meine Arbeit beim Militär und meine Leidenschaft für Israel verbinden. Wieder zu Hause, bewarb sie sich für eine solche Stelle. Die Schweiz leiht der UNO wie andere Länder auch Offiziere für Friedensförderungseinsätze aus. Sarah Brunner bestand das anspruchsvolle Assessment und absolvierte die sechswöchige Ausbildung zum «UN military expert on mission».

 

Welcome to Syria

Ende 2015 trat sie ihren Dienst als Blauhelm im Libanon an. Eine Erfahrung, die ihr Leben prägte und veränderte. Sie patrouillierte zusammen mit anderen UNO-Offizieren entlang der Grenzen zu Israel, besuchte rund 50 Dörfer, traf sich mit Schiiten, Sunniten und Christen und erfüllte so einen UNO-Beobachtungsauftrag. Später konnte sie einen Job als Operation Officer in Syrien übernehmen. Der Bürgerkrieg war in vollem Gange. Viele rieten ihr von diesem Einsatz ab. Aber Sarah Brunner vertraute ihrem Bauchgefühl und der UNO, die Einsätze vorsichtig plant. Mit einem kleinen Stab baute sie die Beobachtung in einem Teil Syriens neu auf. Sie sagt: «Es ist schon crazy, wenn du in dieser Zeit über die Grenze fährst und auf einem Schild liest: Welcome to Syria».

«Eine ultraspannende Zeit.» Sie sagt das nachdenklich, sie erzählt von den zerstörten Dörfern, die sie gesehen hat, von den Ruinen und militärischen Checkpoints in den kargen Landschaften, der Angst, die einen immer wieder begleitet, die aber eigentlich bei einem solchen Unterfangen nichts zu suchen habe, und von den wunderbaren Menschen, denen sie begegnet ist. «Sie haben nichts und geben dir alles.»

Als sie zurück nach Zürich kam, war der Kulturschock grösser als einige Monate zuvor in Syrien. «Hier haben sie alles und geben dir nichts.» Die Heimkehrerin widerte alles an: der Reichtum, der Materialismus, die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen in unserem Land leben, «ohne Dankbarkeit, ohne das Bewusstsein, wie privilegiert wir hier sind». Sie entrümpelte ihre Wohnung, konsumierte weniger und fragte sich an Weihnachten: Weshalb rennen wir diesen idiotischen Geschenken nach? Warum sitzen wir nicht einfach mit unseren Lieben zusammen und sind dankbar. Sarah brauchte lange, bis sie mit dem Leben in der satten Schweiz wieder zurechtkam. Sie wusste, sie würde nur mithilfe eines sozialen Engagements mit der Situation klarkommen. Schon während ihres Libanon- und Syrien-Einsatzes kehrte sie in den kurzen Auszeiten nicht in die Schweiz zurück, sondern besuchte das Flüchtlingslager in Calais, wo sie Freiwilligenarbeit leistete.

Sarah Brunner will Berufsoffizier werden. Die Ausbildung dazu möchte sie an der Militärakademie der ETH Zürich absolvieren. Nach ihrem Auslandeinsatz brauchte sie aber zuerst einmal Zeit für sich – und für die Vorbereitung auf die eidgenössischen Maturitätsprüfungen. Eigentlich wollte sie sich an einer Schule auf die Prüfungen vorbereiten, aber die Ausbildungsinstitutionen haben ihr mitgeteilt, dies sei in nur zwei Monaten nicht möglich. Doch wenn sich Sarah Brunner etwas in den Kopf setzt, dann zieht sie es durch. Also hat sie die Sache im Alleingang angepackt und sich im unbegleiteten Selbststudium erfolgreich auf die Prüfungen vorbereitet. «Hartnäckigkeit und Disziplin habe ich im Militär gelernt.»

In ihrem «Zwischenjahr» verbrachte sie auch einige Wochen bei Freunden in Israel und Palästina. Dann reiste sie in den ecuadorianischen Amazonasdschungel, wo sie im Auftrag eines Hilfswerks indigene Bewohner in Englisch unterrichtete. Und weil sie gerade in Südamerika war, besuchte sie, bevor es wieder ans Büffeln ging, Bekannte in Rio de Janeiro. «Es ist unglaublich, wie viel zurzeit in meinem Leben läuft.»

Und es geht aufregend weiter. Sarah Brunner, die sich als «Challenge-Junkie» bezeichnet, reist nochmals für ein halbes Jahr ins Ausland. Einen Tag nach der letzten Maturitätsprüfung wird sie im März als Stabsoffizier einen weiteren Auslandeinsatz in Mali leisten. Etwas ruhiger wird ihr Leben wohl erst im Herbst, wenn sie an der ETH studiert. Es sei denn, Sarah Brunner ändert ihre Pläne. Man weiss nie.