Von der KV Bildungsgruppe in den Stadtrat

Therese Jäggi, 28.03.2018

Am 4. März wählten die Zürcherinnen und Zürcher Andreas Hauri in den Stadtrat. Wie hat der Geschäftsführer der KV Bildungsgruppe die Zeit des Wahlkampfs erlebt?

Diesen Moment wird Andreas Hauri nicht mehr vergessen, nie mehr: den Moment, als er am Sonntag, 4. März 2018 um 18.30 die Türe zum Zürcher Stadthaus öffnete. Dass er als soeben neu gewählter Stadtrat die Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde, war ihm klar. Aber dass sich dort etwa zwanzig Fotografen auf der Treppe in Stellung gebracht hatten und die Kamera auf ihn richteten: darauf war er nicht vorbereitet. Das war überwältigend. Danach ging es weiter mit dem Beantworten von Journalistenfragen, von einem Interview zum anderen, mit den immer etwa gleichen Fragen: Wie fühlen Sie sich? Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass Sie gewählt sind? Welches ist Ihr Wunschdepartement? Das immer wieder. Seine zukünftigen Stadtratskolleginnen und -kollegen gratulierten ihm. Ein erstes Foto des neu formierten Stadtrates entstand. Jetzt gab es keine Zweifel mehr: es ist geschafft. Danach wurde gefeiert. Die Freude in der Grünliberalen Partei war gross. So sehr, dass der Vizepräsident, Martin Bäumle, noch eine Woche später auf TeleZüri sagte, Hauris Wahl sei die «Lust der Woche». Nach mehreren erfolglosen Versuchen gelang es der GLP zum ersten Mal, einen Sitz im Zürcher Stadtrat zu erlangen. Das Feiern dauerte an. Es wurde eine lange Nacht und nach nur gerade zwei Stunden Schlaf erschien Hauri wie gewohnt am Montagmorgen um acht Uhr zur Kantonsratssitzung. Die Stunden der Entscheidung am Sonntagnachmittag hatte er zusammen mit der Familie, mit Freunden, Wahlkämpfern und einigen Medienvertretern in seiner Wohnung in Zürich-Albisrieden verbracht. Bereits kurz nach 13 Uhr traf das erste Ergebnis aus dem liberalen Kreis 6 ein. Hauri erhält mehr Stimmen als der FDP-Kandidat und rund doppelt so viele wie die Kandidatin aus der SVP, was ihm den achten Platz einträgt.

 

Das lange Warten

Danach vergehen quälend lange Stunden. Immer mal wieder werden Resultate aus einzelnen Kreisen bekannt, wobei sich immer deutlicher zeigt, dass Hauri seine Position auf Platz acht festigen kann. Als nur noch die traditionell eher links wählenden Kreise 4 und 5 offen waren, habe ein Wahlhelfer gesagt, man dürfe nun ruhig mal einen Prosecco öffnen. Doch Hauri blieb bei seinem Eistee. Den ganzen Tag über hatte er nichts anderes getrunken. «Ich war sehr nervös, aber anscheinend hat das niemand gemerkt, wie ich nachher in den Zeitungen lesen konnte», sagt er heute, fünf Tage nach der Wahl lachend. Mit den ersten Resultaten wurde ihm plötzlich klar, dass es gelingen könnte. Und so war es denn auch: 36 058 Wählerinnen und Wähler stimmten für ihn. Diese Zahl fasziniert Hauri. «Irgendwie surreal», sagt er. Er hatte immer mal wieder Befürchtungen, dass den Wählern im entscheidenden Moment – nämlich wenn sie den Wahlzettel ausfüllen – sein Name gerade nicht mehr in den Sinn komme. Denn er ging als Einzelkämpfer in die Wahl. Keine Koalition, kein Bündnis, kein Ticket – und damit auch kein Flyer, worauf sein Name zusammen mit anderen figurierte und der Einfachheit halber gerade auch noch auf den Wahlzettel geschrieben werden konnte. «Mich hat ja niemand gekannt.» Auf knapp 10 000 Stimmen aus der grünliberalen Wählerbasis konnte er aber mit Sicherheit zählen. Für den Rest musste er selber besorgt sein. Mit ein Grund für den Erfolg ist seiner Meinung nach, dass seine Partei sehr früh mit der Vorbereitung begonnen hatte. Im Mai des vergangenen Jahres wurde er im Rahmen einer parteiinternen Ausmarchung nominiert. Im Juni wurde es dann offiziell, als ihn auch die Mitgliederversammlung als Kandidat bestätigte. Es folgten erste Flyer und Zeitungsartikel, und er fuhr mit einem eTukTuk durch die Stadt. «In dieser Phase ging es darum, mein Gesicht in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.»

 

Produktives Wahlkampfteam

Die GLP war die erste Partei, die ihren Kandidaten nominiert hatte, und zwar nicht nur für den Stadtrat, sondern auch für das Präsidium. Andreas Hauri als Stadtpräsident: dafür lagen die Chancen bei null. Er hat sich trotzdem dafür beworben, weil er dadurch seine Bekanntheitsgrad steigern konnte, aber auch weil seine Partei es langweilig fand, dass mit Corine Mauch und Filippo Leutenegger wiederum die gleichen zwei Personen wie bei der letzten Wahl fürs Präsidium kandidierten. In seinem Wahlkampf wurde er unterstützt von einem Team, welches im Kern aus vier Personen bestand, doch konnte er auch darüber hinaus auf zahlreiche Helferinnen und Helfer zählen. Das Teilzeit-Parteisekretariat stand ihm nur in bescheidenem Umfang zur Verfügung. Das Kernteam entwickelte die Wahlkampfstrategie sowie Ideen und Massnahmen zu deren Umsetzung. Am Anfang war die Frage, mit welchen Anliegen man in Zürich auf sich aufmerksam machen kann, in einer Stadt mit einer derart hohen Lebensqualität. Schliesslich hat man sich auf drei Kernthemen geeinigt: Digitalisierung, Innovation und smarte Mobilität. Mit letzterer ist ein Gesamtkonzept gemeint, das beinhaltet, wie die Mobilität der Stadt inskünftig unter dem digitalen und ökologischen Aspekt funktionieren soll. «So isch Züri» lautete der Slogan. Ganz anders das Vorgehen der SVP. Sie setzte in Inseraten auf die Schlagzeile «Saustall Stadtrat ausmisten». Dazu ein Besen, der rötlichen Unrat von einem Zürcher Wappen wegwischt. Was hat sich Hauri, der eidgenössisch diplomierte Marketingleiter, gedacht, als er dieses Inserat gesehen hat? «Völlig unverständlich, wie man auf so etwas kommt», meint er.

 

Gilet als Markenzeichen

Die Konzeption der Kampagne ging aber weit über die Formulierung von inhaltlichen Anliegen hinaus. «Wir haben uns im Detail überlegt, aufgrund von welchen Aspekten die Bevölkerung jemanden wählt.» Dabei stellte sich die Frage, wie Hauri sich als Person präsentieren sollte. Das ging bis hin zum Kleidungsstil: Bei allen seinen öffentlichen Auftritten trug er ein Gilet und unterschied sich damit auch äusserlich von den anderen Kandidaten. Der 7. Februar 2018 stellte eine entscheidende Zäsur dar. An diesem Tag erklärte die SP-Stadträtin Claudia Nielsen ihren Rücktritt. Danach war nichts mehr wie zuvor. «An diesem Tag klingelte bei mir ununterbrochen das Telefon.» Der überraschende Rücktritt eröffnete völlig neue Perspektiven. Da es sich um einen SP-Sitz handelte, wurde rasch klar, dass Hauri von seinem Profil her am ehesten davon profitieren könnte. «Unter diesen neuen Vorzeichen haben wir in der Schlussphase nochmals einen Zacken zugelegt, aber im Wesentlichen haben wir unsere Strategie bis zum Schluss konsequent durchgezogen.» Während des ganzen Wahlkampfs war er zu hundert Prozent berufstätig. Wie schaffte er die Vereinbarkeit dieses politischen Engagements mit seiner Tätigkeit als Geschäftsführer der KV Bildungsgruppe? «Es war streng, und ich musste manchmal schon etwas jonglieren, um allen Ansprüchen gerecht zu werden», sagt er. Eine wichtige Voraussetzung ist auch der Goodwill des Arbeitgebers. Ab und zu ging er früher aus dem Büro, wenn er an eine Abendveranstaltung musste, ansonsten arbeitete er häufig am Wochenende.

 

KV-Lehre bei der Swissair

2009 trat er der GLP bei, zwei Jahre nach der Parteigründung. Zuvor konnte er sich mit keiner politischen Partei identifizieren. «Als ich zum ersten Mal das Programm der GLP studierte, war mir sofort klar: Das ist meine Partei.» In den Jahren 2011/2012 war er im Gemeinderat der Stadt Zürich, danach im Kantonsrat. Andreas Hauri ist 1966 als jüngstes von drei Geschwistern in Kloten geboren und aufgewachsen. Sein Vater arbeitete bei der Swissair, und genau dorthin wollte auch er. Es gab bei der Swissair alle möglichen Lehrstellen. Er entschied sich für das KV, es hätte aber auch etwas anderes sein können. «Hauptsache bei der Swissair. Dieses Unternehmen war damals einfach das Grösste.» Die Zeit des Wahlkampfs erlebte Hauri als ausserordentlich bereichernd.  Zunächst einmal die Zusammenarbeit im Wahlkampfteam. «Es ist eine spezielle Form der Zusammenarbeit. Man ist aufeinander angewiesen, hat dasselbe Ziel. Das führt zu einer grossen Verbindlichkeit.» Gerne erinnert sich Hauri auch an die zahlreichen Begegnungen mit Wählerinnen und Wählern zurück. Oft stand er schon morgens um sieben irgendwo auf irgendeinem Platz und verteilte Gipfeli. «Das war sehr direkt. Oft erhielt ich positive Kommentare, manchmal aber auch Geringschätzung oder gar Ablehnung.» Aber damit hatte er kein Problem. Mit Kritik kann er gut umgehen. Sein Fazit zum Wahlkampf: «Es hat mir grossen Spass gemacht.» Viel Zeit bis zu seinem Amtsantritt bleibt nicht. Im Mai ist die Departementsverteilung. «Die Vorfreude ist gross, und ebenso der Respekt vor dem neuen Amt.»