Monopol Multicheck

Therese Jäggi, 18.05.2018

Viele Firmen verlangen von Bewerbern für eine Lehrstelle den Multicheck. Welchen Mehrwert gegenüber den Zeugnisnoten bietet der Test?

Mehr als 30 000 Jugendliche absolvieren jährlich den Multicheck. Dabei handelt es ich um einen Berufseignungstest, der angeblich darüber Auskunft gibt, ob jemand für einen bestimmten Beruf geeignet ist. Die Eignungsanalyse ist Teil des Bewerbungsdossiers und wird zusammen mit den üblichen Unterlagen an Arbeitgeber geschickt.

Ecrin Aydin (Name geändert) hat den Multicheck am Ende der zweiten Sekundarschule absolviert. Heute ist sie KV-Lernende im ersten Ausbildungsjahr. «Bei uns haben ihn alle gemacht, das war gar keine Frage», sagt sie. Dabei sei ihnen von Anfang an bewusst gewesen, welche Bedeutung der Multicheck bei der Lehrstellensuche habe und dass er wesentlich dazu beitragen könne, ob man eine Lehrstelle bekommt oder nicht. Entsprechend gross war die Belastung. Als Vorbereitung absolvierte sie die Demoversion auf der Multicheck-Website und Trainings mit spezifischer Software an ihrer Schule. «Die Lehrer haben uns dabei unterstützt, aber letztlich musste jeder selber wissen, wieviel Zeit er in die Vorbereitung investieren wollte.» Den Multicheck absolvierte sie in einem der zahlreichen Testcenter. Sie empfand es als sehr streng, eine dreieinhalbstündige Prüfung bewältigen zu müssen, und das in verschiedenen Fächern. Das war eine völlig neue Situation. Und bezahlen musste man auch noch: 100 Franken kostete der Stress.

 

Nicht überall zwingend

«Bezüglich Multicheck bin ich geteilter Meinung», sagt Can Alaca, Berufs- und Laufbahnberater im BIZ Oerlikon. Einerseits biete er Jugendlichen mit schlechten Zeugnisnoten die Chance, diese bei optimaler Vorbereitung mit einem guten Multicheck-Resultat zu relativieren. Anderseits gebe es Studien, die zeigten, dass er den Erfolg an den Berufsfachschulen nicht besser voraussage als die Zeugnisnoten aus der Sekundarschule. Laut Can Alaca gibt es sehr grosse Unterschiede, wie der Multicheck in den verschiedenen Branchen zum Einsatz kommt. Zwingend sei er in den Bereichen Informatik und Fachmann/-frau Gesundheit, auch für Kaufmann/-frau werde er sehr oft verlangt. Wer sich für eine dieser Berufsrichtungen interessiere, könne davon ausgehen, dass er den Test für seine Bewerbungen sicher brauchen werde. Im handwerklich-gewerblichen Bereich hingegen spiele der Multicheck viel weniger eine Rolle.

Laut Can Alaca kommt der Vorbereitung auf den Multicheck eine grosse Bedeutung zu. Die BIZ des Kantons Zürich stellen den Jugendlichen dafür die Software «Mymulti» zur Verfügung. Der Trainingsanbieter Mymulti steht in Konkurrenz zu Multicheck. Auf der Website von Multicheck wird davon abgeraten, anderweitig als mit der eigenen Demoversion zu üben. «Nichts gegen die Vorbereitung mit der Demoversion von Multicheck, aber wir wollen den Jugendlichen einfach noch etwas Zusätzliches anbieten», sagt Can Alaca auf die Frage, warum die Zürcher BIZ mit einem Multicheck-Konkurrenten zusammenarbeiteten. Was seiner Meinung nach für Mymulti spricht: Die Software umfasst viel mehr Aufgaben. Man lernt, die Aufgaben unter Zeitdruck zu lösen, und der grosse Vorteil gegenüber der Multicheck-Demoversion: im Trainingsbereich kann man üben. Ausserdem sei das Angebot auch ein Beitrag zur Chancengleichheit. Die Kosten für die Lizenzgebühr übernimmt das BIZ. Durch das Üben mit Mymulti erübrige es sich, andere kostenpflichtige Trainings in Anspruch nehmen. Denn davon gibt es eine ganze Menge von verschiedensten Anbietern: Von mehrstündigen über eintägige bis zu einwöchigen Kursen. Dazu Vorbereitungsunterlagen in Print und Online. Die Eltern bezahlen, denn die Kosten für diese Trainings liegen in jedem Fall über dem Budget eines Schülers.

Ein enttäuschendes Resultat beim Multicheck ist noch keine Katastrophe», sagt Can Alaca. Vielleicht gebe es eine gute Erklärung dafür und darauf könne man im Motivationsschreiben verweisen. «Und wenn man sich gar nicht mit dem Ergebnis abfinden mag, kann man den Test wiederholen.»

 

Schulnoten als Grundlage

Die Migros Genossenschaft Zürich verlangt den Multicheck nicht mehr, und auch keine weiteren ausserschulischen Tests. Das gilt für alle Ausbildungsberufe. «Wir sind mittlerweile überzeugt, dass die Schulnoten als Grundlage für die Lehrlingsrekrutierung bestens ausreichen», sagt Silvan Muffler, Leiter Berufsbildung Migros Zürich. Die Zeugnisnoten zeigen eine Entwicklung auf, und das ist seiner Meinung nach ein Vorteil gegenüber dem Multicheck. «Wenn ich sehe dass sich jemand in einem Fach kontinuierlich verbessert hat, dann ist das für mich aussagekräftig, ganz unabhängig davon, wo jemand die Schule besucht hat. «Zeugnisse sind gar nicht so schwierig zu interpretieren wie Multicheck-Befürworter gerne behaupten», sagt er. Beim Multicheck handle es sich um eine Momentaufnahme, und als solche werde sie den Absolventen nicht immer gerecht. Der schulische Teil dürfe auch nicht überbewertet werden, findet Silvan Muffler. Wenn jemand eine oder mehrere Schnupperlehren absolviert hat und aufgrund dieser Erfahrungen im Motivationsschreiben plausibel begründe, warum er sich für eine bestimmte Lehre bewerbe, dann könne das sehr überzeugend wirken.

Beim Kaufmännischen Verband ist der Multicheck keine Bedingung, trotzdem liegt er den meisten Bewerbungen bei. Der interessanteste Teil ist für Michael Kraft, der für die Lehrlingsrekrutierung mitverantwortlich ist, der kurze Text am Schluss zu einem vorgegebenen Thema. «Allein deswegen aber würde es den Multicheck nicht brauchen», sagt er. Ansonsten ist er wie Silvan Muffler von der Migros der Meinung, dass er auf den Multicheck verzichten könne. Die Zeugnisnoten und weitere Kriterien seien genügend aussagekräftig. Problematisch findet er, dass dem Multicheck gerade in der Vorselektion eine hohe Bedeutung zukomme. Dies vor allem in grossen Firmen mit hohen Bewerberzahlen. Die Eignungsanalyse präsentiert in komprimierter Form als Erstes ein Gesamtresultat mit eindeutigen Zuordnungen: «nicht ausreichend», «ausreichend» und «übertroffen», und das beispielsweise im kaufmännischen Bereich für die Profile E, B und M. Michael Kraft vermutet, dass diese vermeintlich eindeutige Qualifikation in vielen Firmen wesentlich mitentscheidend ist, ob jemand im Bewerbungsverfahren weiterkommt. Im Laufe des Verfahrens relativiert sich seiner Meinung nach die Bedeutung des Multichecks und andere Kriterien wie Bewerbungsgespräch oder Schnupperlehre stehen mehr im Vordergrund.

«Für die Schülerinnen und Schüler ist der Multicheck belastend, insbesondere wenn sie sich nicht auf eine Berufsrichtung festlegen wollen und deshalb mehrere Multichecks absolvieren müssen», gibt Michael Kraft zu bedenken. Und er findet es mehr als fragwürdig, dass die Beurteilung von Schülern am Ende ihrer Schulzeit in den Händen einer privaten Firma liegt.

 

Kein Patentrezept

«Firmen setzen auf den Multicheck», heisst es auf der gleichnamigen Webseite. Dabei stehen die Logos von rund 280 Unternehmen. Der kfmv-Blog hat bei einigen von ihnen nachgefragt, inwiefern das zutrifft.

«Leistungstests wie der Multicheck sind wertvoll, dürfen aber nicht isoliert betrachtet werden», sagt Daniela Aloisi, Mediensprecherin der SVA Zürich. Bei der SVA ist der Multicheck für eine kaufmännische Lehrstelle nicht zwingend. «Wenn das Schulzeugnis und die restlichen Unterlagen überzeugen, dann laden wir auch Jugendliche ohne Multicheck zum Gespräch ein.» Bei SVA stellt man fest, dass der Multicheck neun von zehn Bewerbungen unaufgefordert beiliegt. Im Bewerbungsverfahren wolle man sehen, ob Zeugnisniveau und Multicheck-Ergebnis kongruent seien. Bei Interessenten für das E-Profil erwartet die SVA beim Multicheck 50 oder mehr Punkte. «Der Multicheck ist jedoch kein Patentrezept für die Lehrstellenvergabe», betont Daniela Aloisi. Es gehe um den Gesamteindruck. Im Motivationsschreiben wolle man sehen, dass die Jugendlichen wissen, wer die SVA ist und was hier gearbeitet werde. «Wenn wir zum Schluss kommen, dass die Bewerberin, der Bewerber zur SVA Zürich passt, führen wir einen eigenen kurzen Leistungstest durch.» Das gelte für Lehrstellen wie für jede andere Anstellung: SVA holt Referenzauskünfte bei Lehrerinnen und Lehrern ein. Fazit: «Die SVA Zürich rekrutiert Lernende mit Herz, einem guten Bauchgefühl und jahrelanger Erfahrung», sagt Daniela Aloisi.

Auch bei Coop ist man nicht auf den Multicheck fixiert. Akzeptiert werden ebenfalls der Stellwerktest oder andere kantonale Lösungen. «Aus unserer Sicht runden solche berufsspezifischen Tests den Gesamteindruck eines Bewerbers oder einer Bewerberin ab», sagt Mediensprecherin Andrea Bergmann. Es könne vorkommen, dass eine grosse Diskrepanz zwischen den Schulnoten und der Auswertung im Multicheck bestehe. In solchen Fällen holt Coop entsprechende Referenzen bei den Lehrpersonen ein. «Es zählt das Gesamtpaket», sagt Andrea Bergmann auf die Frage, welchen Stellenwert ein Eignungstest habe. «Ausser dem Eignungstest sind auch die Schulnoten relevant, das Motivationsschreiben und alle anderen Unterlagen «Ein grosses Augenmerk legen wir auf das Sozialverhalten in der Schule und die (unentschuldigten) Absenzen.» Zentral bei Coop sind wie bei der Migros die Eindrücke aus der Schnupperlehre.

 

Alternative Stellwerk

«Für mich ist der Multicheck der aussagekräftigste Test, welcher die Bewerber absolvieren», sagt Lilian Wohlgensinger, Ausbildungsverantwortliche kaufmännische Berufe und Logistik bei Siemens. Wie Coop akzeptiert aber auch Siemens als Alternative den Stellwerktest, doch werde der Multicheck bevorzugt, weil er berufsspezifische Fragen enthält und keine Hilfe durch Lehrer möglich sei. Im Auswahlverfahren führt Siemens noch eigene Berufs- und Persönlichkeitschecks durch. Negativ am Multicheck findet sie, dass er teuer ist, und bezüglich Arbeitsqualität wenig aussage.

Wer sich bei der Berner Kantonalbank AG (BEKB) für eine kaufmännische Lehrstelle interessiert, muss zwingend einen Multicheck absolvieren. Den Vorteil sieht man darin, dass man «die schulischen und berufsspezifischen Fähigkeiten der Jugendlichen auf gleicher Basis für alle vergleichen kann», sagt Nadine Kradolfer von der BEKB.  Als Nachteil erwähnt sie, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt, was für nervöse Teilnehmende oder solche mit Prüfungsangst ein Handicup sein kann. Als weitere wichtige Bewertungsgrundlagen – neben Motivationsschreiben, Lebenslauf und den Zeugnissen der 7. und 8. Klasse – ist für die Entscheidung das Vorstellungsgespräch.

Eignungstests

  • Multicheck Ermittelt die Eignung für eine entsprechende Ausbildung. Je nach Berufswunsch wird eine der acht verschiedenen Eignungsanalysen absolviert. Diese sind vom Inhalt und Niveau her unterschiedlich (Kosten: rund 100 Franken).
  • Basis-Check Berufsneutrale Eignungsabklärung, die das persönliche Fähigkeitsprofil angehender Lernender aufzeigt. Der Basic-Check prüft in einem unabhängigen, schweizweit einheitlichen Eignungstest die Kenntnisse und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler nach Abschluss der 8. Klasse (Kosten: 100 Franken).
  • Stellwerk Standardisierter Test, der am Ende des achten Schuljahres absolviert wird und über die schulischen Leistungen Auskunft gibt (kostenlos).