Burn-out - wenn die Laufbahn still steht

Therese Jäggi, 08.06.2018

Viele Jahre ist alles gut gelaufen im Job. Dann veränderten sich das Team und die Arbeit. Fabian Berger* geriet in eine Krise. Nach einer mehr- monatigen Auszeit gelang ihm der Wiedereinstieg.

Im April 2016 erwachte Fabian Berger (Name geändert) eines Nachts und stellte fest, dass er Herzstechen hatte und unter Atemnot litt. Am nächsten Tag ging er zum Arzt. Dieser machte ein EKG und kam zum Schluss, dass mit dem Herzen alles in Ordnung sei. Dann fragte er seinen Patienten, ob er gestresst sei oder unter Druck stehe. Fabian Berger arbeitete damals in der Finanzabteilung eines grossen Pharmakonzerns als Businessplanning Analyst. Ein paar Monate zuvor hatte sein Team einen neuen Vorgesetzten bekommen. Unter dessen Führung begann sich sein Tätigkeitsbereich zunehmend zu verändern. Es gab – ausserhalb seines eigentlichen Aufgabengebiets –immer wieder neue Projekte, auch in Zusammenarbeit mit einem Team in den USA, in denen er sich engagieren musste. Bei diesen Projekten ging es meistens um die Frage nach mehr Effizienz. Wie verbessern wir unser Reporting? Wie kommunizieren wir effizienter? Wie optimieren wir unsere Abläufe? «Value Additivs» lautete das Schlagwort. Das entsprechende Engagement nahm gegenüber dem Tagesgeschäft immer mehr an Bedeutung zu, hatte mehr Prestige und zahlte sich in Form von Boni aus. Kurz nachdem der neue Chef seine Arbeit aufgenommen hatte, gab es ein «New Manager Assimilation Program». Ziel war die möglichst rasche und problemlose Integration des neuen Vorgesetzten. Dabei sei aber offensichtlich gewesen, dass es Meinungsverschiedenheiten gab. «Kollegen haben Kritikpunkte geäussert, die sie später nie mehr wiederholten.» Kritik zu üben, sei nicht opportun gewesen. Er, Fabian Berger, habe sich als einziger nicht an diese Regel gehalten. Doch sein Verhalten wurde ihm als «negative impact» ausgelegt.

 

Im Dilemma

Innert kurzer Zeit zählte Fabian Berger 120 Überstunden auf seinem Konto. Und er geriet in ein Dilemma. Nach wie vor fühlte er sich hauptsächlich seinem herkömmlichen  Tätigkeitsbereich verpflichtet, also den Abteilungen für deren Budget er verantwortlich war. Diesen Bereich wollte er priorisieren. Er legte das auch offen, stellte aber fest, dass seine Meinung dazu nicht gut ankam. In der Folge bemühte er sich, möglichst allen Ansprüchen gerecht zu werden. Aushalten, lautete seine Strategie, ganz im Gegensatz zu drei von seinen Kollegen, die kurz hintereinander gekündigt hatten. Der ungeliebte Chef würde bestimmt bald wieder gehen, sagte er sich. Fabian Berger war vor 15 Jahren ins Unternehmen eingetreten. Er war immer stolz, hier zu arbeiten und identifizierte sich stark mit der Firma. Ursprünglich machte der heute 38-Jährige eine KV-Lehre in der Immobilienbranche und absolvierte später die HFW. Zuvor, vor dem sogenannten Kulturwandel im Büro, sei seine Work-Life- Balance im Lot gewesen. In seinem Privatleben war er mit einigen Herausforderungen konfrontiert, die er – auch dank der stabilen Jobsituation – gut meistern konnte: Er war Vater von Zwillingen geworden, sein eigener Vater erlitt einen Hirnschlag, und seine Frau und ihre aus der Ukraine stammenden Eltern lebten in ständiger Sorge um ihre Angehörigen im  Kriegsgebiet. Im September fuhr die Familie nach Spanien in die Ferien. «In den ersten beiden Nächten habe ich zwölf Stunden durchgeschlafen, so erschöpft war ich», erinnert er sich. Danach hatte er weder Lust noch Interesse, irgendetwas zu unternehmen. Ein Gefühl, das er zuvor nicht gekannt hatte. Die letzten drei Nächte – mit dem bevorstehenden Arbeitsbeginn vor Augen – konnte er überhaupt nicht mehr schlafen. Zurück in der Schweiz habe seine Frau dann sehr bestimmt gesagt, er solle zum Arzt gehen. Von sich aus hätte er das nicht gemacht. Er wäre einfach wieder arbeiten gegangen.

 

Klare Diagnose

Das Fazit des Arztes aufgrund ihres Gesprächs war klar: «Er sagte, dass er mich aus dem Arbeitsprozess nehmen wolle.» Darüber habe er grosse Erleichterung verspürt. Jemand anderer hatte ihm die Entscheidung abgenommen. Zusammen mit dem Arzt ist er übereingekommen, dass er es ohne Medikamente versuchen wolle. Schockiert hat ihn die Frage, ob er an Suizid denke. Zunächst war er für einen Monat krankgeschrieben – eine Zeitspanne, die später noch mehrmals verlängert wurde. Er begann mit einer Psychotherapie. Sich mit einer neutralen Person ausserhalb des «Konzernbubbles» auszutauschen, habe ihm sehr viel gebracht. Er habe gelernt, Prioritäten zu setzen und angefangen zu verstehen, was ihm Energie gebe und wie sie ihm entzogen werde. «Das waren Erkennntnisse, die für mich extrem wichtig waren.» Als entscheidende Wende bezeichnet er die Phase, als er aufhörte dem Vorgesetzten die Schuld zu geben. «Ich hatte recht lange eine unglaubliche Wut auf diesen Chef.» Doch dann sei er zum Schluss gekommen, dass er für sein Leben selber verantwortlich ist und dass es an ihm liegt, etwas zu ändern. «Ich will nie mehr abends am Esstisch sitzen und über meinen Chef fluchen.» Anfang 2017 ging es ihm allmählich wieder besser. Es fanden Gespräche mit der Personalabteilung statt über die weiteren Perspektiven. In der Firma gibt es eine Policy, wonach die Mitarbeiter nach einer längeren Abwesenheit Anspruch auf einen Reintegrationsprozess haben. Fabian Berger wollte das gerne in Anspruch nehmen, aber eines war für ihn ganz klar: nicht in der Abteilung, wo er zuvor gearbeitet hatte. Die Antwort darauf lautete zunächst, dass ihm als Folge dieses Anspruchs gekündigt werde. Durch seine langjährige Tätigkeit im Unternehmen verfügte er über ein gutes Netzwerk. Er nahm Kontakt auf mit einer Vorgesetzten in einer weit von seinem früheren Arbeitsplatz entfernten Abteilung. Er wusste, dass Reintegrationen dort schon einmal problemlos erfolgte.

 

Optimaler Wiedereinstieg

Im Mai 2017 konnte er mit einem 50-Prozent-Pensum wieder einsteigen. Seine neuen Kollegen wussten, aus welcher Situation er kommt. Er bekam Aufgaben, die er gut bewältigen konnte. «Längerfristig wäre ich damit unterfordert gewesen, aber für den Einstieg war das optimal.» Langsam kehrte das Selbstvertrauen zurück. In der früheren Abteilung hatte er nur noch negative Qualifikationen erhalten. Er konnte sein Pensum allmählich steigern, bis er im Oktober wieder 100 Prozent arbeitete. Da es sich um eine befristete Stelle handelte, wurde der Vertrag in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst. Seine Reintegration bezeichnet er als geglückt und ist dem Unternehmen dankbar für diese Chance. Seit vier Monaten ist er auf Stellensuche. Während dieser Zeit hatte er sieben Jobinterviews. «Es läuft etwas», sagt er und ist guter Dinge. In den Gesprächen legte er immer offen, dass er vor einem Jahr ein Burn-out erlitt. Er glaubt nicht, dass ihm das zu seinem Nachteil ausgelegt wird. Er will nirgends arbeiten, wo er etwas verheimlichen muss. Schliesslich hätten ihn die Erfahrungen des letzten Jahres auch weitergebracht. Er ist zuversichtlich, dass er in absehbarer Zeit etwas finden wird. Seine Frau ist 100% berufstätig. Momentan ist hauptsächlich er für die beiden Kinder zuständig. «Und ich habe positive Energie, Dinge anzureissen», sagt er. Er möchte an seinem Wohnort eine Kindertagesstätte einrichten. Ausserdem ist er in der SP und engagiert sich im Einwohnerrat. Rückblickend sagt er, dass er spätestens damals im April, als er wegen Herzproblemen zum Arzt musste, hätte reagieren sollen, oder besser noch ein paar Monate zuvor, als einige seiner Kollegen den Arbeitsplatz intern gewechselt hatten. «Ich hätte viel früher schalten müssen.» Und genau das würde er auch allen empfehlen, die bei sich Symptome wie Schlaflosigkeit, Lustlosigkeit oder Antriebslosigkeit feststellen. Wenn man in einer solchen Situation Prioritäten setze, dann finde man schnell heraus, wann und wie man handeln müsse, ist er überzeugt. Diese Erkenntnis möchte er gerne weitergeben. «Vielleicht kann jemand davon profitieren.»

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