"Das Prestige der KV-Lehre dürfte sich erhöhen"

Therese Jäggi, 20.06.2018

René Portenier, Rektor der KV Zürich Business School, macht sich keine Sorgen um die Zukunft der KV-Lehre. Im Gegenteil: Die kaufmännische Grundbildung werde künftig gar an Wert hinzugewinnen.

Wie hat sich die Zahl der Lernenden über die Jahre entwickelt?

Seit 2008 haben wir eine sehr stabile Zahl von 4250 Lernenden, plus minus 20. Dieses Jahr nun kommt es zum ersten Mal zu einem kleinen Einbruch von 60 Anmeldungen.

 

Wie erklären Sie sich das?

Vor etwa drei Jahren sind in den Medien erste Artikel erschienen, wonach aufgrund der Digitalisierung zahlreiche Stellen wegfallen werden. Möglicherweise ist das nun eine Folge davon.

 

Es gab in den Medien weitere kritische Berichte zur Zukunft der KV-Lehre. Stimmt das: Hat die KV-Lehre an Attraktivität eingebüsst?

Ich sehe das nicht so. In Zukunft werden einfache, repetitive Arbeiten sicher verschwinden. Gefragt sind inskünftig Fähigkeiten, die es braucht für komplexere Tätigkeiten, welche nicht robotisiert  werden können. Dadurch dürfte sich das Prestige der Lehre eher erhöhen.

 

Die Lehrabgänger/innenumfrage des Kaufmännischen Verbands  zeigt, dass immer mehr Abgänger/innen direkt im Anschluss an die Lehre mit einer Weiterbildung beginnen. Eine gute Entwicklung?

Warum nicht? Hauptsache, es geht weiter. Dabei spielt es nicht so eine grosse Rolle, ob man gleich im Anschluss an die Lehre die Berufsmatura absolviert oder zunächst einmal im Beruf ankommen will und erste Erfahrungen sammelt als Berufsfrau beziehungsweise Berufsmann.

Kommt die höhere Berufsbildung nicht immer mehr in Bedrängnis durch die Fachhochschulen?

Teilweise schon. Ihre Stärke ist jedoch, dass sie sehr praxisnah ist.  Da hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Früher wurden  jahrelang die gleichen Kurse angeboten, heute reagiert man in der höheren Berufsbildung sehr kurzfristig auf die Anforderungen aus der Wirtschaft.

 

Das sagen die Fachhochschulen auch.

Die Fachhochschulen sind doch etwas anders positioniert. Zum  Glück, denn Platz hat es auf jeden Fall für beide Bildungswege. Sie  ergänzen sich sehr gut. Ich bin ein überzeugter Verfechter unseres dualen Systems. Ich kenne die Situation in Spanien und Frankreich gut. Dort sind praktisch alle jungen Leute Akademiker, aber die wenigsten von ihnen haben einen Job. Die Abgänger einer Berufslehre hingegen sind – wenn sie sich ständig weiterbilden – arbeitsmarktfähig.

 

Laut einer Studie des Kaufmännischen Verbands sind in den nächsten fünf bis zehn Jahren mehrere 10 000 Stellen gefährdet. Manche  Eltern fragen sich, ob das KV noch eine gute Perspektive bietet. Haben Sie Verständnis dafür?

Ja sicher, nur: Was ist die Alternative? Bei jedem anderen Beruf  stellen sich dieselben Fragen auch. Von der Digitalisierung sind alle Berufe betroffen. Es gibt kein Entrinnen. Man muss sich dem stellen.

Das vollständige Interview mit René Portenier finden Sie im Context #5/2018.