Ein Hoch auf die Mittagspause

Andrea Söldi, 21.06.2018

Immer mehr Leute arbeiten am Mittag durch und essen nur etwas Kleines vor dem Computer. Das ist weder gesund noch effizient.

Noch vor nicht allzu langer Zeit kehrten die meisten Familien über Mittag nach Hause zurück und assen zusammen. Unterdessen hat die Mittagspause weitgehend an Bedeutung verloren.  Die Arbeitswege sind länger geworden, meistens sind beide Elternteile erwerbstätig. Um am Abend möglichst früh aus dem Stollen zu kommen, krümeln heutzutage viele nur noch ein Sandwich über die Tastatur und lassen die Augen dabei kaum vom Bildschirm. Doch wie sinnvoll ist diese Angewohnheit? Für die Gesundheit und die Sicherheit am Arbeitsplatz seien  richtige Pausen wichtig, betont Sven Goebel von der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, die von Kantonen und Versicherern getragen wird. «Pausen sind Regenerationsquellen. Sie stellen sicher, dass wir danach wieder aufnahmefähig sind und unsere Leistung erbringen können.» Gemäss Arbeitsgesetz muss der Arbeitgeber seinen Angestellten pro ganzen Arbeitstag, der zwischen sieben und neun Stunden dauert, mindestens eine halbe Stunde Pause gewähren. Für Arbeitnehmende sind Pausen nicht nur ratsam, sondern sogar Pflicht. Auch wenn sich vielerorts andere Moden eingebürgert haben, können Arbeitgeber auf Pausen bestehen, obwohl diese nicht zur Arbeitszeit gezählt werden. Bei einer Mindestdauer von einer halben Stunde kann die Zeit jedoch mit Einwilligung des Arbeitgebers in zwei oder drei Tranchen aufgeteilt werden. «Es ist erwiesen, dass mehrere kurze Pausen eine bessere Erholung ermöglichen als eine einzige lange», weiss Goebel, der für das betriebliche Gesundheitsmanagement zuständig ist. Bei der gesetzlichen Vorgabe handle es sich aber um das absolute Minimum, betont er. Wer sich etwas mehr Zeit gönne, sei wohl meist nachher wieder besser bei Kräften.

 

Joggen über Mittag

In vielen Betrieben sind zusätzlich zur Mittagspause auch Frühstücks- und Nachmittagspausen zur Gewohnheit geworden. Bei Rauchern sind sowieso mehrere kurze Auszeiten üblich.  Streng nach Gesetz würden all diese Unterbrechungen als Freizeit gelten. Doch die meisten Arbeitgeber drücken ein Auge zu und nehmen es nicht so genau mit der Kontrolle der Präsenzzeit. Denn sie wissen, dass die meisten umso effizienter arbeiten, je besser sie ihre Bedürfnisse nach Kalorien, Flüssigkeit, Koffein, Nikotin, einem Gang zur Toilette, einem Tratsch mit Kollegen oder einfach einer kurzen Abwechslung befriedigen können.  Ausschlaggebend für den Erholungswert ist aber nicht nur die Länge, sondern mindestens so sehr die Art der Pause. Neben der Nahrungsaufnahme sei es sinnvoll, die Auszeit möglichst gegensätzlich von der Arbeit zu gestalten, sagt Goebel. Wer also den ganzen Tag vor dem Computer sitzt, sollte sich in den Pausen mit Vorteil etwas bewegen. Ein Spaziergang, ein paar Dehnungsübungen oder gar eine Runde Joggen, Schwimmen, ein Fitnesstraining oder eine Yoga-Lektion bilden  einen idealen Ausgleich für Büromenschen. Dadurch beugt man den inflationär gewordenen Leiden wie Rückenschmerzen und Nackenverspannungen vor. Und auch den Augen sollte man zwischendurch regelmässig etwas Abwechslung gönnen, rät der Sportwissenschaftler. Zum Beispiel, indem man immer mal wieder zum Fenster hinaus ins Weite schaut, wenn möglich einen Baum betrachtet und in den Pausen an die frische Luft geht. Denn das stundenlange Fixieren des Bildschirms kann zu trockenen, juckenden Augen führen und langfristig sogar Kurzsichtigkeit begünstigen.

 

Themenwechsel am Mittagstisch

Generell empfiehlt Goebel, in der Mittagspause ganz gezielt auf Arbeitsthemen zu verzichten. Je nach Teamgeist und Stimmung in der Firma seien gemeinsame Mittagessen mit Kollegen dem Zusammenhalt zuträglich, betont er. Doch in der Regel sei es ratsam, dabei etwas Distanz zu gewinnen zu den Themen, die einen den ganzen Tag über beschäftigen. Ausgiebige, schwere Mahlzeiten würden zudem die Konzentration negativ beeinflussen. «Wer zu reichhaltig isst, riskiert einen Durchhänger am Nachmittag», stellt Goebel klar. Menschen mit sitzender Tätigkeit brauchen deutlich weniger Kalorien als körperlich aktive. Viele Menüs, die von Mittagsverpflegern angeboten werden, sind für den Alltag eigentlich zu üppig. Schnipo, Bratwurst mit Rösti oder ein grosser Teller Spaghetti an Rahmsauce sollten eher die Ausnahme sein. Generell gilt: Die Hälfte der Nahrungsmittelmenge sollte aus Früchten, Gemüse und Salat bestehen.

 

Dösen für mehr Energie

Manche Erwerbstätige schätzen es auch, wenn sie sich am Mittag ein wenig aufs Ohr legen können. Dies haben auch einige Firmen erkannt. So hat zum Beispiel die Firma Microsoft Schweiz  mit Hauptsitz in Wallisellen Ruhezonen eingerichtet. Damit wolle man den Mitarbeitern die Möglichkeit bieten, sich auch tagsüber gelegentlich zurückzuziehen und zu entspannen, sagt Personalchefin Caroline Rogge. Besonders für global tätige Unternehmen, in welchen Mitarbeiter und Teams über verschiedene Zeitzonen hinweg kommunizieren und zusammenarbeiten, sei es wichtig, dass man zwischendurch auch einmal kurz abschalten könne. Ruheräume in Unternehmen sind aber noch eher eine Seltenheit. Und wo sie vorhanden sind, werden sie oft nur zurückhaltend genutzt. Sich im Betrieb zu entspannen, gelingt nicht allen. Zudem will man ja nicht als Faulpelz gelten, sollte man von Kollegen beim süssen Träumen angetroffen werden. Vielbeschäftigt wirken macht in der Firma einen besseren Eindruck, denkt man sich. Dabei ist der Wert des Mittagsschläfchens – oder trendiger: Powernap – unterdessen wissenschaftlich erwiesen. In der heutigen Gesellschaft würden viele Menschen nachts etwas zu wenig schlafen, stellt der Basler Schlafspezialist und Psychotherapeut Daniel Hicklin fest. «Wer bei der Arbeit gegen Schläfrigkeit ankämpfen muss, ist äusserst unproduktiv.» Wenn man sich dagegen einem Nickerchen hingebe, hole man die verschlafene Zeit meist wieder nach, indem man nachher wacher und konzentrierter sei, stellt der Schlafspezialist klar. Ein Mittagsschlaf sollte lediglich zehn bis zwanzig Minuten dauern. Schläft man länger, versinkt man meist in den Tiefschlaf. Danach könne es Stunden dauern, bis man wieder richtig fit ist, erklärt Daniel Hicklin. Zudem könne die Qualität des Nachtschlafs darunter leiden.

Das sagt das Arbeitsgesetz

  • Minimale Pausendauer: Wer mehr als 5.5 Stunden arbeitet, hat Anspruch auf eine Viertelstunde Pause. Bei mehr als 7 Stunden ist eine halbe Stunde und bei mehr als 9 Stunden eine Stunde das Minimum. Pausen von einer Stunde können aufgeteilt werden, kürzere nur mit Einwilligung des Arbeitgebers.
  • Betreuungspflichten: Wer Kinder unter 15 Jahren versorgen muss, hat Anrecht auf mindestens 1,5 Stunden Mittagszeit. Dasselbe gilt für Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen.
  • Arbeits- oder Freizeit: Pausen – auch kurze Rauchpausen – gelten streng nach Gesetz als Freizeit. Müssen Mitarbeiter während der Pausen hingegen erreichbar sein, zum Beispiel das Telefon hüten, so handelt es sich um Arbeitszeit.
  • Pausenort: Eine Pause muss man ausserhalb des Arbeitsorts verbringen können. Das heisst nicht, dass man das Betriebsgelände zwingend verlassen können muss. Streng nach Gesetz kann der Arbeitgeber einen extra Pausenraum einrichten. Dies macht bei speziellen Arbeitssituationen wie etwa im Sicherheitsbereich des Flughafens Sinn.