«Entscheidend ist die Selbstbestimmung»

Rolf Murbach, 21.06.2018

Mitarbeiter sind produktiv, wenn sie gesund sind. Gesundheitsmanagement ist aber nicht nur wirtschaftlich motiviert, sondern hat mit Werten zu tun, sagt Andreas Krause.

kfmv-Blog: Jeder vierte Arbeitnehmer ist überfordert oder empfindet die Belastung als zu hoch, wie eine Studie von Gesundheitsförderung Schweiz aufzeigt. Womit hat das zu tun?

Andreas Krause: Vielfach geht es hier um einen Konflikt zwischen den Anforderungen des Berufs und den Anforderungen des Privatlebens, die beide offenbar zugenommen haben. In der Studie werden Belastungen beziehungsweise Stressoren zu den Ressourcen in Beziehung gesetzt. Bei jeder vierten Person sind die Belastungen stärker ausgeprägt als die Ressourcen. Mit Ressourcen sind hier übrigens positive Arbeitsbedingungen gemeint, also Dinge im Arbeitsalltag, die für uns entlastend und unterstützend sind.

 

Was kann man tun?

Sicher lassen sich die Ressourcen stärken. Dazu gehören unter anderem soziale Unterstützung, Wertschätzung durch die Führungskräfte und Autonomie. Bei komplexen, innovativen Aufgaben ist zudem das agile Arbeiten von Bedeutung. Agil ist ja momentan in aller Munde. Im Zuge der Digitalisierung merken viele Unternehmen, dass in einer sich sehr schnell entwickelnden Welt langfristige Planungen und Entscheidungswege lähmend sein können. Früher wurden Projekte bereits zu Beginn detailliert geplant, heute sind die Teams in regelmässigem Austausch, damit sie auf neue Entwicklungen und Kundenwünsche reagieren können. Es geht nicht darum, schneller zu arbeiten, sondern darum, gemeinsam schneller auf Veränderungen zu reagieren.

 

Nimmt der Druck auf Arbeitskräfte dadurch nicht zu?

Vermeintlich ist das so. Früher hatte man aber kurz vor der Deadline einen enormen Druck. Dank des regelmässigen Austauschs und der Möglichkeit, auf Veränderungen kurzfristig zu reagieren, verteilen sich die Arbeitsbelastung und der Druck auf den Einzelnen besser. Erste Studien haben dieses Potenzial agiler Arbeitsformen belegt.

 

Das bedeutet hohe Anforderungen an die Kommunikation.

Mitarbeitende sprechen sich vermehrt ab, ihre Sozialkompetenz ist gefragt.

Was ist wichtig, damit diese Arbeitsweise erfolgreich ist?

Die Mitarbeitenden müssen Entscheidungsspielräume haben, und die Teams sollten weitreichend autonom sein. Führungskräfte müssen also Macht und Kontrolle abtreten.

 

Das bedeutet?

Spielräume, klare Ziele und Verantwortung für die Ergebnisse. Die Mitarbeitenden sind dann motiviert, was sich erwiesenermassen positiv auf das Befinden auswirkt. Bei guter Umsetzung agiler Arbeitsformen praktizieren Betriebe de facto Gesundheitsförderung, ohne dass sie den Begriff Gesundheit bemühen. Aber eine Reflektion bei den einflussreichsten Führungskräften muss immer dazu gehören, agile Arbeit ist also kein Selbstläufer. Führungskräfte sind dafür verantwortlich, dass der Betrieb nicht «überhitzt» – eine Gefahr, wenn die Motivation der Leute hoch ist. Eine begrenzte Arbeitszeit, das Einhalten von Pausen und Ferien, in denen man wirklich abschaltet, tragen zur Gesundheitsförderung bei.

 

Haben die Firmen das erkannt?

Es gibt grosse Unterschiede. Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz ist auf jeden Fall für viele Unternehmen ein Thema. Eine Umfrage bei KMU in Zusammenarbeit mit Visana hat gezeigt, dass Erreichbarkeit und Stressbewältigung die Firmen stark beschäftigen. Eine Mehrheit der Firmen beabsichtigt, verstärkt Kurse zur Stressbewältigung anzubieten. Und auch der BGM-Monitor von Gesundheitsförderung Schweiz belegt, dass Betriebe mehr für psychische Gesundheit unternehmen wollen.

 

Bei Homeoffice stellt sich die Frage der Erreichbarkeit besonders.

Die Mehrheit der Arbeitnehmer, die im Homeoffice tätig ist, sagt, dass die Erreichbarkeit nicht explizit geregelt sei. Wie schnell muss ich auf eine E-Mail reagieren? Sollte ich die ganze Zeit telefonisch erreichbar sein? Die unterschiedlichen unausgesprochenen Erwartungen können verunsichern. Es wäre wichtig, diese Fragen im Team zu besprechen und zu regeln.

 

Wie sinnvoll und gesundheitsfördernd ist Homeoffice?

Untersuchungen etwa meines Kollegen Hartmut Schulze zeigen: Ein Tag pro Woche ist für Unternehmen und Mitarbeitende sehr vorteilhaft. Schulze betont, dass das Homeoffice dann ein Refugium ungestörten Arbeitens ist. Man kann sich über längere Zeit auf eine Sache konzentrieren und ist produktiv.

 

Was sind weitere Massnahmen der Gesundheitsförderung?

In vielen Firmen gehören eine gesundheitsfördernde Infrastruktur – Stehtische, grosse Bildschirme, Rückzugszonen – zum Standard. Wichtig ist, dass man ungestört arbeiten kann. Allerdings ist dies in den Grossraumbüros und Flexible Offices vieler Firmen nur bedingt möglich. Überdies sollten Unternehmen auf eine wirkungsvolle Pausenkultur achten. Mehrere verteilte Kurzpausen bringen nachweislich mehr als eine lange Unterbrechung. Sinnvoll sind auch alternative Arbeitsformen, zum Beispiel eine Besprechung während eines Spaziergangs.

Andreas Krause live im Kaufleuten Zürich

Am 27. August 2018 referiert Andreas Krause im Kaufleuten Zürich über die Flexibilisierung unserer Arbeitswelt. Für kfmv-Mitglieder ist der Eintritt frei.

Viele Arbeitnehmer haben konventionelles Verhalten am Arbeitsplatz komplett verinnerlicht. Sie getrauen sich nicht, davon abzuweichen. Sie denken: Spaziergang ist Freizeit.

Das ist tatsächlich eine Schwierigkeit, die mit der Unternehmenskultur zu tun hat. Dennoch werden wir uns immer mehr fragen: Wo kann ich gut arbeiten? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ich produktiv bin? Wenn mir das Beantworten von Mails in einem Café oder in einem Coworking Space zusagt, sollte ich das tun. Und falls das in meinem Betrieb nicht üblich ist, thematisiere ich am besten die Möglichkeiten des flexiblen Arbeitens. In einigen Branchen ist Flexibilität normal. Die Unternehmen haben erkannt, dass sie zur Motivation der Mitarbeitenden beiträgt. Und: Die gut qualifizierte jüngere Generation fordert ohnehin flexible Arbeitsbedingungen ein. Ihre Vertreter sagen: Wir sind bereit, Gas zu geben, wenn die Arbeit sinnvoll ist und wir Freiräume haben.

 

Flexibles Arbeiten und Autonomie sind der Gesundheit zuträglich. Gibt es auch ein Zuviel an Flexibilität.

Auf die richtige Dosis kommt es an. Zu viel Flexibilität kann tatsächlich zu Unsicherheit, Unzufriedenheit und unproduktivem Arbeiten führen. Wer nur unterwegs ist, kommt nie zur Ruhe. Wer vier oder fünf Tage im Homeoffice arbeitet, hat zu wenig Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen. Das wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Die Forschung zeigt aber auch: Ausschlaggebend für das Wohlbefinden ist die Selbstbestimmung. Wenn ich zum Beispiel am Abend aus eigenem Antrieb nochmals die E-Mails checke, ist das etwas anderes, als wenn es von mir erwartet wird. Zu viel Fremdbestimmung schadet auch hier der Gesundheit.

 

Selbstbestimmung hat auch mit Selbstmanagement zu tun.

Und dazu braucht es die Selbstreflexion, eine Kompetenz, die an Bedeutung gewinnt. Was ist mir wichtig – im Beruf und im Privatleben? Wie setze ich Ziele und erinnere mich daran, was mir wirklich wichtig ist? Wie kann ich unterschiedliche Ansprüche und Lebensbereiche vereinbaren? Achte ich auf meine Körpersignale, wenn es zu viel wird? Das alles gehört zum Selbstmanagement.

 

Warum ist das so wichtig?

Wenn ich mein ganzes Leben nur auf den Job ausrichte, dann ist es wahrscheinlich, dass ich zu viel arbeite. Wer mehr als 48 Stunden pro Woche im Beruf engagiert ist, setzt sich einem um 27 Prozent höheren Risiko aus, einen Schlaganfall zu erleiden. Auch wenn mir die Arbeit Spass macht, ist das leider so. Kommt hinzu: Hängt mein Selbstwertgefühl nur von der Arbeit ab, dann bricht bei einem Stellenverlust alles weg. Ein Leben ausserhalb des Jobs ist daher wichtig und trägt zur langfristigen Gesundheit bei. Auch die Betriebe sollten ein Interesse daran haben, dass ihre Mitarbeitenden in der Freizeit einen guten Ausgleich zur Arbeit haben.

 

Ist das die Aufgabe von Unternehmen?

Bei Betrieben mit geregelten Arbeitszeiten nicht unbedingt. Unternehmen mit hochqualifizierten und autonomen Arbeitskräften hingegen haben hier eine besondere Fürsorgepflicht, denn motivierte Mitarbeiter gehen auch über ihre Leistungsgrenzen. Erfolg bei der Arbeit kann high machen. Sie nehmen ihre Selbstgefährdung oftmals erst kurz vor einem Burnout wahr. Hier wäre es wichtig, eine Kultur des Nachdenkens und des Austauschs zu entwickeln. Das heisst: Ich merke, wenn ich zu viel am Hals habe oder überfordert bin, und kann das auch meinem Vorgesetzten oder meinem Team gegenüber kommunizieren, ohne Sanktionen zu befürchten. Allerdings: Die Fürsorgepflicht sollte nicht in eine Bevormundung der Mitarbeitenden münden. Auflagen wie «am Wochenende darfst du nicht arbeiten» funktionieren auf die Dauer nicht, weil sie der Selbstbestimmung zuwiderlaufen.

 

Gesunde Mitarbeiter sind produktiv.

Betriebliche Gesundheitsförderung ist auch aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll. Zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht unablässig am Limit sind, Beruf und Privatleben unter einen Hut bringen und ihre Arbeit als sinnvoll erleben, erbringen die besseren Leistungen als Menschen unter Stress. Es geht aber nicht nur um Produktivität und Wirtschaftlichkeit, sondern um Werte. Ich bin einmal einem HR-Verantwortlichen begegnet, der sagte: «Richtig motiviert sind die Leute nur, wenn sie Angst haben.» Er war bestimmt eine Ausnahme, denn die Unternehmenskulturen entwickeln sich in Richtung Vertrauen.

 

Misstrauen vergiftet das Klima.

Moderne Unternehmen orientieren sich an Zielen und Ergebnissen. Wann und wo die Mitarbeitenden ihren Job ausführen, ist zweitrangig. Eine Haltung wie «Im Homeoffice schiebt er eine ruhige Kugel» ist anachronistisch oder ein Hinweis, dass das Unternehmen noch sehr traditionell unterwegs ist.

 

Wie verbreitet ist die betriebliche Gesundheitsförderung?

Der BGM-Monitor von Gesundheitsförderung Schweiz hat belegt, dass immerhin 71 Prozent der Schweizer Betriebe bereits Massnahmen umsetzen. Die Unternehmen wollen auf diesem Weg vor allem die Zufriedenheit der Mitarbeitenden erhöhen und die Häufigkeit von Absenzen senken. Und: Die meisten Unternehmen wollen ihr betriebliches Gesundheitsmanagement in den kommenden Jahren weiter ausbauen. Vor 15 Jahren sah das ganz anders aus. Heute spricht man im Zusammenhang mit Arbeit über Agilität, Sinn, Resilienz, Achtsamkeit und Prävention. Und in den Betrieben sind Fachleute für das Gesundheitsmanagement zuständig.