Selbstständig in die Unabhängigkeit

Rolf Murbach, 20.07.2018

Sie hat einen sicheren Job aufgegeben und sich selbstständig gemacht. Die Reisefachfrau Claudia Lorenz liebt ihre Unabhängigkeit.

Nach einigen Jahren in Reisebüros hatte Claudia Lorenz genug. Es passte ihr nicht mehr, einen Kunden nach dem anderen unter Zeitdruck abzufertigen, den ganzen Tag im Büro zu sitzen  und routiniert die wiederkehrenden Arbeiten zu tätigen. Das wollte sie nicht mehr. Es musste eine andere, persönlichere Kundenberatung möglich sein. Sie fasste all ihren Mut, kündigte die sichere Stelle und gründete ein eigenes Unternehmen: TravelLife. Die Entscheidung dazu fiel vor knapp einem Jahr. Heute sagt sie: «Es hat sich gelohnt, ich bin glücklich.» Der Zeitpunkt der beruflichen Veränderung war ideal. Claudia Lorenz hatte einige Jahre Berufserfahrung, und viele Jahre liegen vor ihr. Als sie Schülerin war, hatte nichts darauf hingedeutet, dass sie einmal in der Reisebranche landen würde. Die 32-jährige Deutsche ist in Thüringen aufgewachsen, absolvierte eine gestalterische Lehre, arbeitete in mehreren Ausbildungsbetrieben als angehende Mediengestalterin und schloss mit der Berufsmaturität ab. Ihr war zu jener Zeit klar: Sie hatte die falsche Branche gewählt. «Ich wollte etwas mit Reisen machen», erinnert sie sich. So absolvierte sie eine zweite Ausbildung, die kaufmännische Lehre zur Reise- und Verkehrskauffrau.

 

Harziger Einstieg

Nach Lehrabschluss zog sie in die Schweiz. Ins Rheintal, der Liebe wegen. Es war zu dieser Zeit schwierig, in der Reisebranche Fuss zu fassen. Die Finanzkrise wirkte sich auf fast alle Branchen aus. Claudia Lorenz bewarb sich bei mehreren Agenturen. Vergeblich. Also musste sie jobben. Sie verkaufte Schmuck, arbeitete als Kellnerin. Heute lebt und arbeitet die junge Frau in Horn, einer Gemeinde am Bodensee. Die Mietwohnung mit Terrasse liegt am Rande eines weiten Feldes. Man sieht bei schönem Wetter bis zum Säntis, zum See dauert es zu Fuss fünf Minuten. Ihr Büro ist klein. Ein Tisch, ein Telefon, ein Computer. Mehr braucht sie nicht. Denn das Geschäft der Reisefachfrau ist einfach. Sie setzt auf persönliche Beratung und digitale Tools. Claudia Lorenz sitzt am Tisch im Wohnzimmer und erinnert sich an ihre Anfangszeit in der Schweiz. Ab und zu summt ihr Handy. «Ich hatte dann doch eine Stelle gefunden, purer Zufall.» Und eine fast unglaubliche Geschichte. Claudia Lorenz stand damals in einer Bank Schlange, vor ihr ein Mann mittleren Alters. Sie hörte, wie er der Angestellten erzählte, dass zwei Reiseberaterinnen gekündigt hätten und er nun auf der Suche nach Ersatz sei. Claudia Lorenz sprach den Mann an und sagte, dass sie einen Job in einem Reisebüro suche. Sie durfte ihre Bewerbungsunterlagen schicken. Zwei Tage später konnte sie sich vorstellen und bekam den Job.

 

Durchhalten

Es gefiel Claudia Lorenz an dieser Stelle, sie war zufrieden. Dann aber wurde ihr aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt. Das stürzte sie in eine Krise, auch weil ihre damalige Beziehung gleichzeitig in Brüche ging. Sie stand vor der Entscheidung, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Aber das wollte sie nicht, sie wollte nicht aufgeben. Bald fand sie wieder eine Anstellung, in Buchs. Nun war alles gut, sie ging gerne zur Arbeit, machte ihren Job mit Leidenschaft, bis sich nach drei Jahren Routine einstellte und sie sich eben fragte: Muss Reiseberatung so standardisiert und unpersönlich sein? Könnte man nicht besser auf die Wünsche von Kundinnen und Kunden eingehen? Neues ausprobieren, Leute ausserhalb des Büros treffen und zu anderen Zeiten? Zudem störte sich die junge Frau daran, dass man die digitalen Tools kaum nutzte. Claudia Lorenz stellte ihren Chefs einige Ideen vor, was man ändern und optimieren könnte. Doch eine Modernisierung würde dauern, bekam sie zu hören. Sie solle sich gedulden, in zwei, drei Jahren würde man das allenfalls anpacken. Sie aber wollte sich nicht auf später vertrösten lassen. Es reifte der Entscheid, sich selbstständig zu machen. «Es brauchte Mut, eine feste Stelle zu kündigen», sagt sie im Rückblick. Ihr Mut hat sich ausbezahlt. «Ich bin meine eigene Chefin, und das Geschäft läuft gut», sagt die Jungunternehmerin. Sie kann sich auf Destinationen spezialisieren, die sie bereist hat, ihre Arbeitszeit einteilen, für Kunden da sein, wenn diese es wünschen, aber auch mal freinehmen, wenn andere arbeiten. Zudem entfällt der lange Arbeitsweg ins Rheintal. Und es geht ihr gesundheitlich besser. «Ich habe weniger Stress und bin ausgeglichener.» Vor allem ist Claudia Lorenz als selbstständige Unternehmerin unabhängig. Wenn sie eine Idee hat, kann sie diese gleich umsetzen. Während grössere Betriebe Innovationen häufig in langwierigen Meetings zermürben, probiert Claudia Lorenz Neues einfach aus. Der Einstieg in die Selbstständigkeit hat die Reisefachfrau aber auch als anstrengend erlebt, vor allem die Gesamtverantwortung und das finanzielle Risiko haben sie belastet. Zudem wusste sie nicht wirklich, wie man ein Unternehmen gründet. Worauf sollte man achten? Wie verfasst man einen Businessplan? Weshalb scheitern Start-ups häufig? Claudia Lorenz besuchte deshalb, bevor sie sich selbstständig machte, ein Seminar für  Firmengründer. Unter den Teilnehmern war sie die einzige Frau. «Der Austausch mit den anderen Gründern war hilfreich.» Im Herbst des letzten Jahres startete sie dann mit TravelLife. Obwohl sie einige Kunden von früher mitnehmen konnte, musste sie am Anfang eine kurze Durststrecke aushalten.

 

Die Angst zu Scheitern

«Ja, ich hatte Angst, dass ich scheitern könnte», sagt sie. «Und ich musste mich an das neue Arbeitsumfeld gewöhnen.» Es gab nun kein Team mehr, mit dem sie sich schnell austauschen konnte. Die Reisespezialistin war auf einmal alleine in ihrem Büro. Um soziale Kontakte musste sie sich bemühen. «Ich brauchte Zeit, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Jetzt möchte ich es nicht mehr anders.» Claudia Lorenz setzt in ihren Beratungen auf das persönliche Gespräch und digitale Tools. Ihre Kunden trifft sie in Cafés oder bei ihnen zu Hause. Die Gespräche seien dadurch persönlicher, zudem komme sie leichter zu Informationen, die für die Reiseplanung relevant sind. Häufig ist sie mit den Kunden auch online in Kontakt, vor allem über Chat, Mail und zunehmend Videoberatung. Claudia Lorenz beantwortet Fragen auch ausserhalb der Bürozeiten, was Kunden besonders schätzten. Die Jungunternehmerin musste allerdings lernen, sich abzugrenzen und auf Anfragen nicht immer gleich zu antworten. «Ich arbeite während den Hauptbuchungszeiten im Winter und Frühjahr sehr viel. Dafür kann ich es im Sommer ruhiger nehmen.» Ein eigenes Geschäft führen heisst auch: bei vielem zurückstecken. Früher unternahm Claudia Lorenz zwei, drei grössere Reisen pro Jahr. Sie war vor allem in Afrika und in Asien unterwegs. Nun ist das nicht mehr möglich. «Ein paar Wochenendtrips in Europa liegen drin.» Das soll sich aber bald ändern, denn es ist der Reisefachfrau wichtig, dass sie die Destinationen, die sie verkauft, gut kennt. Sie will deshalb mittelfristig ihr Unternehmen vergrössern und mit anderen gleichgesinnten Reisespezialisten zusammenarbeiten. Das wird ihr erlauben, wieder vermehrt unterwegs zu sein. Claudia Lorenz reist immer mit Rucksack, logiert in Luxushotels und einfachen Bed&Breakfast-Unterkünften. Sie sagt: «So weiss ich, was ich verkaufe.» Die junge Frau hat sich in einer Branche selbstständig gemacht, die mit starken Einbrüchen kämpft, weil immer mehr Menschen ihre Reisen direkt übers Internet buchen. Offenbar hat sie eine Nische entdeckt, nämlich die persönliche und schnelle Beratung, kombiniert mit dem Einsatz von digitalen Hilfsmitteln. Man finde heute zwar alle Informationen im Netz und könne die meisten Angebote selber buchen. Doch sei das äusserst zeitaufwendig, so die Reiseberaterin. «Es ist schwierig, in kurzer Zeit das Passende zu finden.» Den Schritt in die Selbstständigkeit würde Claudia Lorenz wieder wagen, denn ihre Erfahrungen sind rundum positiv. Die Zahlen stimmen, und die Arbeit macht Spass. «Ich kann private und berufliche Interessen verbinden.»

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