Auch in der Weiterbildung braucht es neue Lösungen

Rolf Murbach, 23.08.2018

Weiterbildung muss auf die Veränderungen der Arbeitswelt antworten. Neue Bildungsformate sind unerlässlich, sagen Tanja Michel und Daniel Rigotti von der KV Business School Zürich.

kfmv-Blog: Welches sind Trends in der Weiterbildung?

Tanja Michel: Weiterbildungen sollten einen unmittelbaren Bezug zur Arbeitswelt haben. Die Leute sind punktuell unterwegs. Sie holen sich in einer Weiterbildung, was sie gerade brauchen: Learning on demand. Abgesehen von den eidgenössischen Lehrgängen sind eher kurze Weiterbildungen gefragt, die einen hohen Nutzen, sprich direkte Anwendbarkeit am Arbeitsplatz, haben. Das hat auch damit zu tun, dass es sich viele nicht leisten können, allzu lange dem Berufsalltag fernzubleiben. Zudem veraltet Wissen rascher als früher.

Daniel Rigotti: Die Leute sind je länger je weniger bereit, sehr viel Zeit in eine Weiterbildung zu investieren. Die Kunden sind zudem anspruchsvoller geworden; sie wollen genau wissen, was ihnen bestimmte Inhalte bringen. Und sie sind kritisch gegenüber Inhalten und Dozierenden,  die im Unterricht zunehmend eine Moderatorenrolle übernehmen.

 

Was bedeutet das für Sie als Weiterbildungsanbieter?

Michel: Wir müssen berufs- und praxisrelevante Weiterbildungen bereitstellen, dabei auch die Veränderungen im Arbeitsmarkt und der Wirtschaft berücksichtigen sowie die Qualität unserer Angebote nachweisen. Die Kunden wollen zum Beispiel wissen, wie die Erfolgsquoten unserer Studierenden bei eidgenössischen Prüfungen sind und was ein Abschluss wert ist.

 

Die Rolle der Dozierenden hat sich verändert.

Rigotti: Die Dozierenden moderieren das Geschehen im Klassenraum. Die Wissensvermittlung erfolgt ja häufig über das Netz. Im Unterricht werden dann vermehrt Fälle besprochen. Der Austausch steht im Zentrum.

Michel: Auch das Bildungsformat beeinflusst die Rolle der Lehrperson. In einem eintägigen Seminar kann man nicht einfach dozieren. Eine interaktive Unterrichtsgestaltung ist hier unerlässlich. In einem längeren Bildungsgang wiederum, zum Beispiel in der Weiterbildung zum Fachexperten in Sozialversicherungsrecht, ist die reine Wissensvermittlung eher angebracht. Die Studierenden schätzen die Kenntnisse der Fachexperten. Immer gilt: Es braucht eine Vielfalt an methodisch-didaktischen Unterrichtsstilen, passend zu den Bedürfnissen der Studierenden wie auch den Zielen und Inhalten.

 

Sie starten dieses Jahr mit den sogenannten Smart Camps. Was zeichnet das neue Format aus?

Rigotti: Smart Camps sind eine Antwort auf die Veränderungen in der Arbeitswelt. Wir können mit diesem Format aktuelle Themen schnell umsetzen und in einer anderen Form vermitteln. Im Gegensatz zu staatlich anerkannten Weiterbildungen, die auf einem eher statischen Curriculum fussen, sind wir bei den Smart Camps flexibel und können auf Neues schnell mit einem passenden Weiterbildungsangebot reagieren.

Michel: Smart Camps zeichnen sich auch durch einen unkonventionellen Unterricht aus. Beispielsweise begegnen sich im Action Learning die Teilnehmenden anders als im Klassenzimmer. Es geht um Austausch und Erfahrungslernen. Die Studierenden sind in den Smart Camps sehr aktiv. Das gemeinsame Tun, aber auch die Reflexion etwa durch Assessments hat einen hohen Stellenwert.

 

Was heisst das konkret?

Michel: Unser Leader Camp zum Beispiel richtet sich an erfahrene Führungspersonen, Interessenten, die keine Lust auf eine lange Weiterbildung haben. Sie wollen in kurzer Zeit ihre Führungsqualitäten stärken, die eigene Rolle hinterfragen. Sie werden an acht Tagen in einem Camp ein intensives Training durchlaufen, sich mit anderen Führungskräften sowie Experten aus Wirtschaft und Sport austauschen und vernetzen.

Rigotti: Neben fachlichen Themen geht es immer auch um die Persönlichkeit. Wir starten die Reihe mit verschiedenen Angeboten und unterschiedlichem Fokus wie Führung, Projektmanagement, Arbeitswelt 4.0.

In der Arbeitswelt 4.0 gewinnen selbstorganisierte Teams an Bedeutung, und in der Weiterbildung hat Eigenverantwortung und Coworking einen hohen Stellenwert. Nur wer sich darauf einlässt, ist erfolgreich. Bringen Weiterbildungsinteressierte diese Haltung mit?

Michel: In der Regel ja, sonst muss man das einfordern. Das Konzept «Lieferant Dozent und Konsument Student» funktioniert in den Smart Camps nicht mehr. Die Teilnehmenden müssen sich darauf einlassen und ihren Beitrag leisten. Das Setting und die Trainings ermöglichen das. Die Teilnehmer kommen in einem geschützten Rahmen an Grenzen, indem sie realitätsnahe Übungen absolvieren.

Rigotti: Die Erfahrung zeigt: Ein Drittel der Frauen und Männer lassen sich auf neue Settings ein. Ein Drittel ist skeptisch, aber ist bereit, diese Haltung zu entwickeln. Und ein Drittel verweigert sich den Veränderungen. Das betrifft aber nicht nur die Weiterbildungsteilnehmenden, sondern auch die Dozierenden. Sie sollten sich ebenfalls auf ihre neue Rolle einlassen. Sie müssen zum Beispiel Expertenwissen der Seminarteilnehmenden in den Unterricht einbauen – was immer häufiger vorkommt. Der Coworking-Gedanke zeigt sich auch im Unterricht. Verschiedene Experten – Dozenten und Teilnehmer – arbeiten zusammen und entwickeln Neues.

 

Die Arbeitswelt verändert sich schnell. Weiss man überhaupt, worauf man Menschen vorbereiten muss?

Rigotti: Das ist eine Herausforderung. Bei den Lehrgängen, die nach wie vor unser Hauptgeschäft ausmachen, ist ja vieles durch die Wegleitungen oder Rahmenlehrpläne vorgegeben. Bisweilen hinken sie der Entwicklung hinterher. Die Dozierenden müssen das erkennen und gewissermassen einen Spagat machen: einerseits die prüfungsrelevanten Stoffe vermitteln, andererseits Aktuelles in den Unterricht einbauen.

Michel: Wir engagieren Dozierende, ausnahmslos Praktiker, die in ihrem Gebiet top, à jour und in der Lage sind, Inhalte interaktiv zu vermitteln. So stellen wir sicher, dass Aktualität im Unterricht Eingang findet. In den Smart Camps verpflichten wir auch Referenten aus fachfremden Bereichen. Sportler zum Beispiel begleiten eine Seminarsequenz, in der es um Motivation, Mentalität oder Umgang mit Niederlagen geht.

 

Kurze Weiterbildungen sind gefragt. Zudem müssen sie auf die sich verändernde Arbeitswelt vorbereiten. Verlieren Diplome an Bedeutung?

Rigotti: Nein, Diplome sind wichtig. Zwar sagen viele HR-Fachleute, sie würden vor allem auf die Kompetenzen achten, die jemand mitbringt. In der Anstellungspraxis sind dann aber doch die Abschlüsse wichtig, um bei einer Bewerbung berücksichtigt zu werden. Klassische Weiterbildungswege sehen so aus: Nach einer Grundbildung oder einem Studium absolvieren Berufsleute eine längere Weiterbildung mit anerkanntem Abschluss, der auf dem Arbeitsmarkt zählt. Später kommen kürzere und zielgerichtete Weiterbildungen hinzu, bei denen es um den Erwerb von Kompetenzen geht. Der formale Abschluss ist hier weniger wichtig.

Michel: Es gibt immer wieder Cracks, die aufgrund ihrer meist autodidaktisch erworbenen Kompetenzen und ohne formalen Abschluss erfolgreich sind. Aber sie sind Ausnahmen. Anerkannte  Diplome – in der akademischen und in der höheren Berufsbildung – haben nach wie vor eine grosse Bedeutung. Das zeigt auch die Nachfrage.

 

Inwiefern spielt das Alter bei Weiterbildungsvorhaben eine Rolle?

Michel: Viele ältere Arbeitnehmer sind mit der Situation konfrontiert, dass es zu «ihrer Zeit» gewisse Ausbildungen und Abschlüsse noch gar nicht gab. Oder sie haben es verpasst, einen Berufsabschluss zu erlangen, bringen aber sehr viel Erfahrung mit. Diese Personen können seit einiger Zeit einen Abschluss nachholen.

Rigotti: Menschen zwischen 45 und 60 sind üblicherweise weniger bereit, eine allzu lange Weiterbildung zu absolvieren – auch weil ihre berufliche oder finanzielle Situation dies nicht erlaubt. Oder sie fragen sich: Lohnt es sich wirklich, noch einmal eine mehrsemestrige Weiterbildung zu machen? Und was bringt mir das? Diese Personen belegen eher kurze spezifische Seminare, die ihnen im Berufsalltag unmittelbar etwas bringen.

 

In welche Richtung entwickelt sich die Weiterbildung?

Rigotti: Der individualisierte Unterricht wird fortschreiten und auch die Rollenänderung der Dozierenden in Richtung Moderation. Die soziale Interaktion, die beim Lernen bedeutsam ist, wird bleiben. Menschen werden in diesem Geschäft auch in Zukunft wichtig sein.

Michel: Je digitaler die Arbeitswelt ist, desto stärker ist auch der Wunsch vieler Menschen nach Begegnung. Man kann sich zwar viel Wissen über das Internet aneignen – aber Lernen findet vor allem auch im realen Austausch zwischen Menschen statt. Sie sind soziale Wesen, das wird sich nicht ändern.

Rigotti: Natürlich können wir nicht wissen, ob nicht plötzlich ein Anbieter mit komplett neuen Angeboten auf dem Bildungsmarkt erscheint. In anderen Branchen haben wir das erlebt, zum Beispiel in der Stellenvermittlung, dem Taxigeschäft oder in der Hotellerie.

Michel: Neue Bildungsanbieter sind schon jetzt auf dem Markt. Verlage, die Fachliteratur herausgeben, bieten zu den Fachthemen Seminare an. Telekommunikationsanbieter führen Smartphone-Kurse durch. Und die grossen Digitalunternehmen unterrichten Kunden in Social-Media-Marketing. Die klassischen Bildungsanbieter erhalten Konkurrenz.

Zu den Personen

Die KV Business School Zürich bietet Seminare, Lehrgänge und Smart Camps an. Für Firmen führt sie massgeschneiderte Weiterbildungen durch.