«Die Berufsmaturität zahlt sich aus»

Therese Jäggi, 23.08.2018

Wenn Unternehmen die Berufsmaturität anbieten, können sie motivierte und leistungsstarke Jugendliche für ihre Lehrstellen gewinnen, sagt Michael Kraft.

kfmv-Blog: Welche Voraussetzungen braucht es, um eine BM1, also eine KV-Lehre mit Berufsmaturität, zu machen?

Michael Kraft: Man sollte auf der Sekundarstufe 1 im höchsten Niveau gute bis sehr gute Noten haben, in den meisten Kantonen muss man zudem eine Aufnahmeprüfung bestehen. Und natürlich ist die Motivation wichtig, in den nächsten drei Jahren in der Schule und im Lehrbetrieb Vollgas zu geben.

 

Inwiefern unterscheidet sich die BM1 von den anderen KV-Profilen?

In der betrieblichen Ausbildung gibt es keinen Unterschied. Schulisch ist die BM anspruchsvoller: Neben zwei Fremdsprachen und dem Schwerpunkt «Wirtschaft & Gesellschaft», wie im E-Profil, kommt zusätzlich eine vertiefte Allgemeinbildung in Mathematik, Geschichte und Politik sowie Naturwissenschaften dazu.

 

Die Anzahl von Lernenden, welche die Berufsmaturität absolvieren, hat in den letzten Jahren abgenommen. Was könnten die Gründe dafür sein?

Einerseits ist es eine anspruchsvolle Ausbildung, die sich nicht alle Jugendlichen zutrauen. Sie schieben die Berufsmaturität vielleicht lieber etwas nach hinten. Andererseits erleben wir auch oft eine gewisse Zurückhaltung der Lehrbetriebe, weil die Lernenden dann häufiger in der Schule und weniger oft im Betrieb sind.

 

Gäbe es für Arbeitgeber nicht auch gute Gründe, die BM vermehrt anzubieten?

Unbedingt. Zum einen lässt sich die Abwesenheit der Berufsmaturandinnen und -maturanden in der KV-Lehre stark relativieren: Der Unterschied liegt in nur einem zusätzlichen Schultag im dritten Lehrjahr. Zum anderen wünschen sich viele Unternehmen motivierte und leistungsstarke Jugendliche für ihre Lehrstellen. Die BM anzubieten hilft, diese zu gewinnen – und das zahlt sich für eine längerfristige Nachwuchsplanung aus.

Michael Kraft ist verantwortlich für Jugendpolitik und -beratung des Kaufmännischen Verbandes.

Welche Schwierigkeiten können während der BM-Lehre auftreten?

Der häufigste Fall ist wohl, dass die schulischen Leistungen nicht so sind, wie sie sein sollten. Wie es in der KV-Lehre auch sonst der Fall ist, wird man dann nur provisorisch promoviert. Tritt im folgenden Semester keine Besserung ein, wechselt man ins E-Profil. Das ist grundsätzlich nach jedem Semester möglich und kann auch freiwillig geschehen.

 

Sind Absolventen oder Absolventinnen der Berufsmaturität beim Berufseinstieg im Vorteil?

Die Resultate unserer jährlichen Lehrabgänger/innen-Umfrage weisen stark darauf hin. Obwohl sich die betriebliche Ausbildung in den Profilen nicht unterscheidet, haben es Berufsmaturandinnen und -maturanden am einfachsten, nach der Lehre einen Job zu finden. Oft werden sie auch direkt vom Lehrbetrieb übernommen. Das zeigt, dass viele Unternehmen einer breiten Allgemeinbildung einen hohen Wert zukommen lassen und hier in die Nachwuchsförderung investieren.

 

Es gibt ja auch die BM 2. Was spricht für diesen Lehrgang?

Das ist eine sehr beliebte Weiterbildung, oft auch direkt nach der Lehre. Sie ermöglicht einem, nach dem EFZ die Berufsmaturität anzuhängen. Wer sich etwas mehr Zeit lassen möchte oder im Verlauf der Lehre merkt, dass er oder sie gerne an einer Fachhochschule studieren möchte, dem stehen damit alle Wege offen. Für starke Sekschülerinnen und -schüler würde ich hingegen die BM1 empfehlen.

Die BM1 verbindet die berufliche Grundbildung mit einer erweiterten Allgemeinbildung. Context hat mit zwei Absolventen über ihrer Erfahrungen gesprochen.

Giulio Prifti, 18: Will an eine Fachhochschule

Giulio Prifti

«Ich habe im Juni die LAP gemacht. Eigentlich bin ich immer davon ausgegangen, dass ich bestehen würde, doch als ich dann mein Fähigkeitszeugnis tatsächlich in den Händen hielt, war meine Freude riesengross. Angefangen hat alles mit der Lehrstellensuche im Februar 2015, also relativ spät, und auch nicht ganz freiwillig. Kurz zuvor musste ich wegen ungenügender Noten das Gymnasium abbrechen. Ich wurde dann auf eine Lehrstelle in der Immobilienabteilung der Stadt Zürich aufmerksam. Darauf habe ich mich beworben, wobei noch offen war, ob diese im E- oder M-Profil absolviert würde. Ich tendierte zum E-Profil, da ich gerade etwas schulmüde war. Als Bedingung für die Lehrstelle musste ich den Multicheck absolvieren. Dabei kam ich auf ein recht gutes Resultat. Dieses bestärkte mich in der Entscheidung für das M-Profil, also die KV-Lehre mit Berufsmatura.

In der Berufsschule ist es dann eigentlich recht gut gelaufen. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass die Berufslehre abwechslungsreicher ist als das Gymnasium. Ich finde heute, die BM ist eine gute Lösung für Leute, die zwar gerne lernen, aber nicht besonders gerne zur Schule gehen. Man kann sich am Arbeitsplatz auch immer mal wieder auf etwas ganz Anderes konzentrieren. Für mich war das dritte Lehrjahr am härtesten. Wir hatten oft Repetitionsprüfungen, und auch die Arbeit im Betrieb war einiges anspruchsvoller als noch im ersten Lehrjahr.

Um die BM durchzuziehen, braucht es Ausdauer und Willen. Man sollte sich von gelegentlichen schlechten Noten nicht negativ beeinflussen lassen, sondern einfach immer weitermachen. Nicht allen in unserer Klasse ist das gelungen. Von 24 Lernenden am Anfang waren es am Schluss noch 15. Auch bei mir gab es bessere und schlechtere Zeiten, aber ernsthaft ans Aufgeben habe ich nie gedacht.

An meiner Lehrstelle kann ich jetzt noch ein halbes Jahr bleiben, allenfalls auch noch länger. Ich werde sicher später an einer Fachhochschule studieren. Facility Management würde mich interessieren. Fachlich würde das gut zu meiner Lehre passen. Betriebsökonomie wäre auch eine Option, oder auch Pädagogik. Ich hatte in den letzten Monaten nur wenig Zeit, mich mit der Wahl des Studiums zu befassen. Jetzt kann ich mich voll darauf konzentrieren und finde es super, dass mir so viele unterschiedliche Möglichkeiten offen stehen.»

 

Jasmin Kamber, 20: Findet ihre Arbeit vielseitig und interessant

Jasmin Kamber«Ich habe schon zu Beginn meiner Lehrstellensuche gewusst, dass ich ins M-Profil einsteigen möchte. Ich hatte gute Noten in der Schule und wollte es auf jeden Fall probieren. Wenn aus der Ausschreibung nicht hervorging, um welches Profil es sich handelte, habe ich angerufen und mich erkundigt. Dabei habe ich festgestellt, dass es schon Unternehmen gibt, vor allem kleinere, welche die Lehre mit Berufsmatura gar nicht anbieten.

Im Sommer 2013 – nachdem ich die BMS-Aufnahmeprüfung erfolgreich absolviert hatte – begann ich die Lehre beim Kaufmännischen Verband. Den Lehrvertrag hatte ich bereits im November zuvor unterzeichnet.

Die ersten Monate des zweiten Lehrjahres in der Berufsschule empfand ich als besonders streng. Ich habe damals ein paar Prüfungen mit so schlechten Noten zurückbekommen wie noch nie zuvor. Es war ganz klar: ich musste mehr Zeit ins Lernen investieren. Man hat schon weniger Freizeit, wenn man das M-Profil absolviert. Es ist mehr und anderer Stoff, den man in weniger Zeit lernen muss. Schliesslich habe ich die Lehre mit einem Durchschnitt von 5.2 abgeschlossen.

Ich finde, die BM1 hat gegenüber der BM2 klare Vorteile. Wenn man die BM2 berufsbegleitend macht, muss man zuerst mal einen Arbeitgeber finden, der das ermöglicht. Klar, es gibt auch die schulische Lösung, aber dann verdient man nichts.

Nach Lehrabschluss war ich noch weitere acht Monate in der Buchhaltung meines Lehrbetriebs tätig. Während dieser Zeit informierte ich mich über mögliche Studienrichtungen. Architektur interessierte mich. Die Bedingung dafür war ein einjähriges Praktikum in einem Architekturbüro. Mit viel Glück fand ich einen Praktikumsplatz, doch nach einem halben Jahr kam ich zum Schluss, dass Architektur doch nicht das Richtige ist für mich. Eine gute Erfahrung war es aber trotzdem, jedoch mit 750 Franken pro Monat schlecht bezahlt.

Noch während des Praktikums habe ich mich für eine Stelle im Bereich Buchhaltung oder in der Immobilienbewirtschaftung beworben. Ich habe insgesamt 22 Bewerbungen verschickt, konnte jedoch nur zweimal zu einem Vorstellungsgespräch gehen. Ich vermute, dass mir jeweils Kandidaten vorgez9ogen wurden, die im entsprechenden Gebiet schon über Erfahrung verfügten. Schliesslich klappte es in einem Immobilientreuhandbüro. Vielleicht hat mir dabei der Abschluss im M-Profil auch etwas geholfen. Meine Arbeit finde ich sehr vielseitig und interessant. Das Studium an einer Fachhochschule bleibt auf jeden Fall eine Option, aber es pressiert ja nicht.»

Weitere Infos

Auf der Website www.berufsmaturitaet.ch oder der Website des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI www.sbfi.admin.ch finden sich weitere Informationen rund um die BM 1.