Bezüglich On- und Offlinezeiten braucht es eine klare Ansage

Therese Jäggi, 07.09.2018

Wer ist wann und auf welchem Kanal online? Diese Frage gilt es laut Sarah Genner in einem Unternehmen zu klären. Und ebenso selbstverständlich sollte es sein, dass man sich während der Ferien ganz vom Beruf abkoppelt.

kfmv-Blog: Wenn Sie in einem Restaurant zwei Personen sehen, die während des Essens beide auf ihr Handy schauen: Was geht Ihnen durch den Kopf?

Sarah Genner: Ich denke, man sollte aus einer solchen Beobachtung keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Vielleicht schauen diese Personen etwas nach, das sie nachher miteinander besprechen wollen. Wir befinden uns gerade mitten in einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, was akzeptabel ist und was nicht. Das hängt auch sehr stark vom jeweiligen Umfeld ab. Geht es um die Schule? Den Arbeitsplatz? Die Familie? Den Strassenverkehr? Der Umgang mit den neuen Technologien ist für uns alle noch immer ziemlich neu.

 

Sie forschen seit ein paar Jahren zum Thema offline/online. Was fasziniert Sie an dem Thema?

Eigentlich genau dieses Neue: Wir haben es seit ein paar Jahren mit einer Technologie zu tun, die sich fundamental auf unseren Lebens- und Berufsalltag auswirkt. Die Tatsache, dass wir immer und überall kommunizieren können und erreichbar sind, verändert vieles, insbesondere die Art und Weise, wie wir arbeiten und soziale Kontakte pflegen. Ausserdem geht es um gesundheitliche Aspekte, Fragen rund um Privatsphäre und Datenschutz. Das Thema ist ausserordentlich vielfältig. Es interessiert mich, dieses systematisch anzugehen.

 

Was genau heisst offline sein?

Dazu gibt es die unterschiedlichsten Definitionen. Ich habe schon Jugendliche getroffen, die behaupteten offline zu sein, nur weil sie gerade nicht auf WhatsApp waren. Andere würden sagen, man sei auch online, wenn das Smartphone in der Tasche den eigenen Standort verrät. Ich selber habe eine Skala von null bis sechs entwickelt. Die Skala beschreibt den aktuellen Onlinezustand einer Person. Nur Stufe null bedeutet «vollständig offline». Die Stufen eins bis sechs sind Abstufungen von online. Stufe sechs bedeutet «digital hypervernetzt», das heisst, mit mehreren Geräten am Netz zu sein.

 

Halten Sie sich selber auch an Offline-Zeiten?

Ich versuche es, bin dabei aber nicht so konsequent. Wichtig finde ich zum Beispiel, dass man das Smartphone nachts nicht neben dem Bett hat. Viele User begründen die Präsenz des Smartphones im Schlafzimmer damit, dass sie sich vom Smartphone wecken lassen. Dafür aber ist der konventionelle Wecker geeigneter. Sinnvoll ist auch ein handyfreier Esstisch. Ein weiterer Punkt: In den Ferien sollte man sich beruflich ganz abkoppeln und keine Arbeitsmails checken. Das heisst aber nicht, dass man offline ist. Gerade in den Ferien kann ein Smartphone sehr nützlich sein.

 

Im Zusammenhang mit der Smartphone-Nutzung ist häufig von Sucht die Rede. Gibt es Kriterien, wonach man jemanden als süchtig bezeichnen kann?

Die Fachwelt ist sich da nicht einig. In der Praxis werden neun Kriterien verwendet, die man auch von anderen Formen von Verhaltenssucht kennt: zum Beispiel Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, eingenommen sein, lügen. Wenn bei einer bestimmten Person fünf von neun Kriterien während der Dauer eines Jahres zutreffen, kann von Sucht die Rede sein.

Diesen Artikel und mehr finden Sie auch in unserem Context-Magazin

Werden Sie kfmv-Mitglied und erhalten Sie die monatlich erscheinende Zeitschrift gratis dazu.

Spielt dabei die Zeit, während der jemand online ist, eine Rolle?

Das wird meistens überbewertet. Die Zeit ist gar nicht so ein wichtiger Faktor. Vielmehr geht es um die Frage nach dem Leidensdruck. Die Betroffenen geben laut Onlinesuchtberatungsstellen an, fast nicht mehr vom Internet wegzukommen. Darüber beklagt sich dann auch ihr Umfeld. Oft sind sie unfähig geworden, am Arbeitsplatz oder in der Schule die von ihnen geforderte Leistung zu erbringen. Sie geben an, dass sie selber schon mehrere Versuche unternommen haben, etwas zu ändern, jedoch erfolglos. Das sind viel wichtigere Hinweise auf Suchtverhalten als die Onlinezeit.

 

In ihrer Forschungsarbeit «On/Off» geben 73% der Befragten an, dass sie während des Wartens aufs Handy schauen. Gäbe es nicht auch gute Gründe, das Nichtstun auszuhalten?

Das gäbe es auf jeden Fall, nur üben zum Beispiel die sozialen Medien eine ausgeprägte Sogwirkung auf uns aus. Wir wollen ständig auf dem Laufenden sein – über den Inhalt soeben eingegangener Geschäftsmails, über die neusten Schlagzeilen in den News, über Neuigkeiten im Freundeskreis. Man will nichts verpassen. Diesem Sog ab und zu auch mal nicht nachzugeben: das müssen wir wieder aktiv üben.

 

Ist Digital Detox eine Antwort auf Online-Sucht?

Ich finde es ein interessantes Phänomen, wenn Firmen im Silicon Valley ihre Mitarbeiter für viel Geld in ein Digital Detox Camp schicken, wo sie dann während ein paar Tagen ohne ihre Geräte auskommen müssen und stattdessen Yoga und Meditation praktizieren. Es stösst eine Debatte an. Nicht von ungefähr kommt die Gegenbewegung zur Digitalisierung aus dem Silicon Valley.

 

Digital Detox gibt es aber auch bei uns.

Es gibt ein paar Grossfirmen, welche ihren Mitarbeitenden schon sogenannte Digital Detox Retreats angeboten haben. Es gab auch schon mal einen Schweizer Offline Day. Das ist zur punktuellen Sensibilisierung interessant. Dennoch müssen wir ja vor allem im Alltag Prioritäten setzen, uns vor permanenten kommunikativen Ansprüchen abgrenzen und herausfinden, welches Online-Verhalten uns persönlich guttut. Das ist langfristig gesehen sinnvoller als ein paar Tage Radikalkur.

 

In Ihrer Studie «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» geben 46% an, auch ausserhalb der Arbeitszeit erreichbar zu sein. Die Trennung von Privat- und Berufsleben gelingt immer weniger, obwohl anderseits zwei Drittel der Befragten sagten, eine Trennung von Arbeit und Freizeit sei ihnen wichtig.

Interessant ist, dass mehr als die Hälfte angibt, während der Arbeitszeit privat online zu sein. Ich vermute, darin liegt auch ein Grund, dass viele Berufstätige in der Freizeit noch geschäftliche E-Mails beantworten: Sie kompensieren damit die während der Arbeit getätigten privaten Angelegenheiten. Sie wollen aber auch Arbeitskollegen und Kundinnen nicht im Stich lassen.

 

Wäre es wichtig, dass es in Firmen klarere Regeln zur Erreichbarkeit gibt?

Ja, das ist absolut zentral. Bei dieser Fülle von Kommunikationskanälen braucht es Absprachen: Wer ist wann und auf welchem Kanal erreichbar? Wird von den Mitarbeitenden erwartet, dass sie Mails beantworten, wenn sie krank oder in den Ferien sind? Diesbezüglich braucht es seitens der Arbeitgeber eine klare Ansage. Und die fällt je nach Funktion unterschiedlich aus. Für eine Pressesprecherin gelten andere Regeln als für einen Buchhalter. Und in dieser Komplexität liegt vermutlich auch der Grund, dass es in der Praxis häufig nicht geregelt wird. Es gibt Vorgesetzte, die manchmal nachts oder am Wochenende Mails verschicken, dasselbe jedoch von ihren Mitarbeitenden nicht verlangen. Nur wissen sie nicht, dass sie das auch explizit kommunizieren müssten.

 

Oft ist auch unklar, was in den Ferien erwartet wird.

Eine Folge der ständigen Erreichbarkeit ist, dass nicht mehr so viel Wert auf eine klare Stellvertretung während der Ferien gelegt wird. Im Zweifelsfall – so nimmt man an – erreicht man die Leute schon irgendwie. Bei den Betroffenen kann das dazu führen, dass sie sich ständig wie auf Pikettdienst fühlen. Dass sich das auf die Länge negativ auf die Gesundheit auswirkt, darin ist sich die Forschung einig.

 

Ihre Studie ergab auch, dass ein grosser Teil der Befragten die Vorteile von mobil-flexiblem Arbeiten schätzt.

Für viele sind die neuen Arbeitsformen mit deutlich höherer Jobzufriedenheit verbunden. Aber wie auch bezüglich der Erreichbarkeit ist in vielen Firmen nicht klar geregelt, was als Arbeitszeit zählt, so zum Beispiel das Bearbeiten von E-Mails auf dem Arbeitsweg im Zug. Und die Betroffenen handhaben es dann auch ganz unterschiedlich.

 

Welche Konsequenzen haben die mobil-flexiblen Arbeitsformen für die Führung?

Selbstführung gewinnt in der neuen Arbeitswelt an Bedeutung, genauso wie Führung auf Distanz. Für Führungskräfte heisst das, dass sie vermehrt anhand von klar definierten Zielen führen und es dann den einzelnen Mitarbeitern überlassen, wieviel und wo sie arbeiten, um diese Ziele zu erreichen. Das alles ist nicht konfliktfrei. Homeoffice geht oft auch ein Stück weit zulasten der im Büro anwesenden Mitarbeiter, zum Beispiel wenn diesen der Einfachheit halber unvorhergesehene Arbeiten übertragen werden. In diesem Spannungsfeld gerecht zu führen, ist eine Herausforderung. Auch ist es unter den neuen Voraussetzungen anspruchsvoller geworden, ein Team zusammenzuhalten.

 

Welche Auswirkungen hat das Smartphone auf die Gesundheit?

Das fatalste gesundheitliche Risiko liegt im Strassenverkehr, und zwar für Fussgänger wie auch für Fahrzeuglenker, welche anstatt auf die Strasse auf das Smartphone schauen. Die Unfallzahlen haben deutlich zugenommen. Ein Smartphone am Steuer erhöht die Unfallgefahr um das Vierfache. Eine weitere, sehr weit verbreitete Folge sind Schlafstörungen. Einerseits hat das damit zu tun, dass manche Leute meinen, aus beruflichen Gründen noch online sein zu müssen, und der andere Aspekt ist das bläuliche Licht des Smartphone-Bildschirms, welches das Melatonin unterdrückt. Man kann von folgender Faustregel ausgehen: Zwei Stunden Smartphone-Nutzung am Abend lässt uns um eine Stunde später einschlafen. In der Diskussion um Burn-out spielen die mobilen Technologien auch eine Rolle. Der Zusammenhang ist aber umstritten. Fachleute gehen davon aus, dass diese eher nicht als Ursache eines Burn-outs zu werten sind, sich aber verstärkend auswirken können.

 

Ein kürzlich von Context porträtierter Kleinbetrieb schaltet zweimal pro Woche einen Halbtag ohne eingehende Telefone und Mails ein, damit die Mitarbeitenden wenigstens während dieser Zeit ungestört arbeiten können. Was halten Sie davon?

Ich finde das einen interessanten Ansatz. Die Massnahme ist sehr pragmatisch. Dieser Arbeitgeber signalisiert, dass er das Problem der ständigen Arbeitsunterbrechungen ernst nimmt und auf die Agenda setzt. Man kann sich vorstellen, dass sich das weiterentwickelt und von manchen Mitarbeitenden noch intensiver genutzt wird. Wenn Firmen solche Massnahmen einführen, geht es aber immer auch um die Frage, ob und inwiefern sie ihre Mitarbeitenden bevormunden. Ein anderes Beispiel ist Volkswagen. Dort wurde vor ein paar Jahren vom Betriebsrat beschlossen, dass tausend Mitarbeiter nach Feierabend keine geschäftlichen Mails mehr auf ihrem Blackberry erhalten. Dabei war auch umstritten, ob es sich dabei um eine gesundheitsfördernde Massnahme handelte oder eben vielmehr um eine Bevormundung.

 

Sind «Digital Natives» gegenüber «Digital Immigrants» bezüglich Medienkompetenz im Vorteil?

Es kommt ganz darauf an, welchen Aspekt man betrachtet. Wenn wir von der Herangehensweise sprechen, also der Art und Weise, wie Menschen etwas Neues ausprobieren, dann sind jüngere Menschen insofern im Vorteil, als sie experimentierfreudiger sind und weniger Berührungsängste haben. Geht es hingegen um die Reaktion auf eine Nachricht, dann sind ältere Menschen im Vorteil, weil sie dank ihrer Erfahrung besser einschätzen können, wie eine adäquate Reaktion aussieht und wann diese erfolgen soll. Sie sind gegenüber vermeintlicher Dringlichkeit gelassener und geraten dadurch weniger in Stress.

 

Wir schauen permanent auf unser Smartphone. So wird es nun aber nicht ewig bleiben. Was kommt als Nächstes?

Der Blick in die Kristallkugel fällt mir als Wissenschaftlerin besonders schwer. Es gibt unzählige Prognosen im Bereich der Augmented Reality, womit die computergestützte Erweiterung menschlicher Wahrnehmung gemeint ist. So hat zum Beispiel Google die Google Glass – eine Art Bildschirmbrille – entwickelt, die aber bisher erfolglos war. Das Internet der Dinge wird sich hingegen rasch weiterentwickeln. Ansonsten gehe ich davon aus, dass wir noch eine ganze Weile mit Smartphones, Tablets und Labtops unterwegs sein werden.

Zur Person

Sarah Genner, 36, ist Wissenschaftlerin im Bereich Medienpsychologie und Digitalisierung. Sie lehrt und forscht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Ihre Dissertation «On/Off: Risks and Rewards of the Anytime-Anywhere Internet» ist 2017 im vdf-Hochschulverlag an der ETH Zürich erschienen.