Überzeugt von der KV-Lehre

Therese Jäggi, 26.10.2018

Die KV-Lehre ist und bleibt eine gute Berufswahl, sagt Esther Schönberger. Daran ändere die Digitalisierung nichts. Vielmehr wird diese in die Weiterentwicklung des Berufsbildes integriert.

Ein Montagmorgen im Spätsommer. Im Dreilindenschulhaus in Luzern hat vor ein paar Tagen das neue Schuljahr begonnen. Vor dem Eingang verbringen ein paar Lernende ihre Pause. Zwei Lehrpersonen steigen die Treppe empor. Das Sekretariat ist offen, nebenan befindet sich das Büro der Rektorin – ein Raum mit Aussicht auf die Hofkirche St. Leodegar mit ihren zwei schlanken Türmen in unmittelbarer Nähe und auf den Pilatus auf der anderen Seite des Sees.

«Es ist immer ein besonderer Tag, wenn die neuen Lernenden zum ersten Mal hier im Haus sind», sagt Esther Schönberger. Die 56-jährige Rektorin begrüsst – zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Schulleitung ­– jede neue Klasse persönlich. Es ist ihr wichtig, dass die Lernenden gleich von Anfang an wissen, wer ihre Ansprechpersonen sind und dass sie sich jederzeit mit Fragen und Anliegen an diese wenden können. Neben den Erläuterungen zur Infrastruktur und Organisation der Schule geht es bei diesen Begrüssungsrunden immer auch darum, die Jugendlichen zu informieren, was sie in den bevorstehenden drei Jahren etwa erwartet und welche Chancen ihnen die Lehre bietet. Dieses erste Treffen nehme man jeweils auch zum Anlass, die Jugendlichen in ihrer Berufswahl zu bestärken, denn «die KV-Lehre ist und bleibt eine sehr gute Wahl», ist Esther Schönberger überzeugt.

Ein paar Wochen zuvor galt es, die Absolventen und Absolventinnen zu verabschieden. Die Diplomfeier fand in festlichem Rahmen im KKL Luzern statt. Mit dabei waren Lehrabgänger/innen aus den Bereichen Berufsattest, KV, Detailhandel sowie KV und Detailhandel mit Berufsmatura. Esther Schönberger führt jeweils durch die Veranstaltung und hält auch eine Rede. Diese dauere aber nie länger als 10 Minuten. Sie wolle niemanden langweilen, sagt sie lachend. Gefragt nach dem Unterschied zwischen den beiden Anlässen zu Beginn und zum Schluss der Lehre sagt sie: «Die Stimmung ist völlig anders – freudig und ausgelassen an der Diplomfeier, und anderseits vorsichtig und verhalten am ersten Tag.» Beim Begrüssungsanlass gehe es darum, das Eis zu brechen.

 

Stabile Zahlen

Die Anzahl der Lernenden an der KV Luzern Berufsfachschule ist seit vielen Jahren stabil und bewegt sich zwischen 2050 und 2100. Diese Kontinuität ist bemerkenswert, weil aufgrund der demografischen Entwicklung seit 2012 ein Rückgang zu erwarten gewesen wäre. Nur gerade letztes Jahr lagen die Zahlen leicht unter dem üblichen Niveau.

Esther Schönberger befasst sich nicht nur mit der Schulleitung und -entwicklung, sondern unterrichtet auch, und zwar vier Lektionen Englisch pro Woche. Dadurch hat sie einen direkten Draht zu den Lernenden. Ausserdem prüft sie sämtliche Bewerbungen für die «kv plus-Lehre». Sie ist denn auch die Initiantin dieses Ausbildungstyps. Bei der «kv plus-Lehre»  handelt es sich um eine vierjährige kaufmännische Lehre, während der die Lernenden nach dem zweiten Lehrjahr je ein halbjähriges Arbeitspraktikum in England und Frankreich absolvieren. Diesen Sommer konnten die ersten Absolventen und Absolventinnen ihr Diplom in Empfang nehmen. Alle haben sowohl das Qualifikationsverfahren wie auch die beiden Diplome im Sprachbereich bestanden. «Das ist natürlich ein schöner Erfolg», freut sie sich. Ebenfalls positiv waren die Reaktionen der beteiligten Firmen. «Sie stellten fest, dass ihre Lernenden nach dem Auslandsjahr in ihrer schulischen wie auch persönlichen Entwicklung einen grossen Schritt weitergekommen sind.»

Kürzlich führte Esther Schönberger einen Informationsanlass dazu durch. Das Interesse der Firmen ist gross, und zwar ganz unabhängig von Branche und Grösse. Und diese – wie auch die Lernenden selber – können bei der Umsetzung auf die Unterstützung und Beratung von Esther Schönberger zählen. Die «kv plus-Lehre» ist kein Privileg der Luzerner Jugendlichen, sondern steht Lernenden aller Berufsfachschulen offen. Welche sind dafür geeignet? «Am wichtigsten ist, dass die Interessentinnen und Interessenten motiviert und auch ein wenig anpassungsfähig sind, denn sie müssen sich während ihres Auslandaufenthalts weitgehend auf unbekanntem Terrain zurechtfinden.» Anfänglich sei sie davon ausgegangen, dass die entsprechenden Lernenden besonders gut in den Fremdsprachen sein müssten, doch das sei eher zweitrangig.

Wie ist Esther Schönberger überhaupt auf die Idee für dieses Projekt gekommen? «Ich wollte damit einen Schwerpunkt bei den Sprachen setzen, und ausserdem wertet dieses Auslandsjahr die Berufslehre auf.» Ein solcher Sprach- und Arbeitsaufenthalt sei nun nicht mehr länger ein Privileg von Gymnasiasten. Und vielleicht habe dabei auch eine Rolle gespielt, dass sie selber im Alter von sechzehneinhalb Jahren von einem einjährigen Auslandsaufenthalt in Neuseeland profitieren konnte.

 

Traumberuf Lehrerin

Esther Schönberger ist in Schaffhausen aufgewachsen. Nach Abschluss ihres Auslandsaufenthaltes an der Pleasant Point High School in Neuseeland hätte sie dort gleich mit dem Studium beginnen können, doch sie kehrte zurück nach Schaffhausen, wo sie eine Klasse überspringen konnte und 1982 die Matura absolvierte. «Ich hatte eine ganz unkomplizierte Schulkarriere», resümiert sie. Danach studierte sie Anglistik und Germanistik an der Uni Zürich. Anschliessend trat sie ihre erste Stelle als Lehrerin an der Kantonsschule Sursee an. «Lehrerin war mein Traumberuf, schon in der Kantonsschule.»

Sechs Jahre danach nahm sie eine halbjährige Auszeit, um ihre Dissertation zu schreiben. Sie ging an die University of Irvine in der Nähe von Los Angeles und schrieb eine Arbeit über zwei Bücher aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der britischen Schriftstellerinnen Charlotte und Emily Brontë. «Es war die strengste und intensivste Zeit meines Lebens», sagt sie rückblickend. Einen direkten Anlass für diesen Effort gab es nicht. «Ich wollte das einfach machen, für mich persönlich.» Gerade kürzlich habe sie sich mit einer Hörfassung der beiden Bücher beschäftigt und dabei nochmals einen ganz neuen Zugang gefunden.

Elf Jahre lang war sie an der Kantonsschule Sursee tätig, vier davon als Lehrerin, danach als Prorektorin. Der damalige Rektor machte sie auf die neu geschaffene Stelle aufmerksam und ermutigte sie dazu.  «Ich selber wäre damals gar nicht auf die Idee gekommen, mich für eine solche Funktion zu bewerben.» Jedenfalls sagte sie zu und kam so – nicht zuletzt dank der Unterstützung dieses Rektors – im Alter von gut 30 Jahren zum ersten Mal in eine Führungsfunktion.

 

Politisches Engagement

2000 ging sie in die Politik und engagierte sich als Mitglied der CVP während zwölf Jahren im Luzerner Kantonsrat. Sie wohnt noch immer in Sursee. Heimweh nach der Ostschweiz hatte sie nie. Anfänglich versuchte sie noch, den Luzerner Dialekt anzunehmen, aber so ein Ausdruck wie «Möuch» beispielsweise sei für eine Ostschweizerin schon eine Herausforderung, und so kam sie zum Schluss, ihren ursprünglichen Dialekt beizubehalten.

2003 übernahm sie die Rektoratsstelle an der KV Luzern Berufsfachschule und seit 2013 ist sie Präsidentin der Schweizerischen Konferenz kaufmännischer Berufsfachschulen (SKKBS). Hier kommt ihr zugute, was sie in den zwölf Jahren Politik gelernt hat: vermitteln, nach tragfähigen Lösungen suchen, immer alle Beteiligten im Boot halten.

«Kaufleute 2022» – so lautet der Name des Projekts zur Zukunft der KV-Lehre. Im Kern geht es um die Frage, wie die kaufmännische Grundbildung von morgen aussieht und über welche Kompetenzen Kaufleute in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt inskünftig verfügen müssen. Diese Themen nehmen in der SKKBS momentan viel Raum ein. Esther Schönberger ist Teil der Kerngruppe. Dort wird diskutiert, wie sich das Berufsfeld verändern wird und welche Konsequenzen das für die Beteiligten haben könnte.

Die Reform hat aber schon längst begonnen und findet kontinuierlich statt. «Die Vorstellung, wonach im Jahr 2022 alles ändert, wäre völlig falsch.» Esther Schönberger erläutert das am Beispiel Social Media. «Selbstverständlich befassen wir uns im Rahmen des IKA-Unterrichts mit den verschiedenen Social-Media-Kanälen, denn das entsprechende Wissen brauchen die Lernenden schon heute am Arbeitsplatz.»

 

Veränderungen haben Tradition

All jenen Kritikern, die in letzter Zeit auf den Plan getreten sind mit der These, dass die Digitalisierung viele Stellen vernichten werde, möchte sie entgegnen, dass die Digitalisierung integraler Bestandteil bei der Weiterentwicklung des Berufsbildes ist. Und sie fügt an, dass es im kaufmännischen Beruf schon immer fundamentale Veränderungen gegeben hat, so beispielsweise von der Handschrift über die mechanische und die elektronische Schreibmaschine bis hin zum PC.

«Ich freue mich, dass ich die Reform an vorderster Front begleiten darf», sagt sie und wünscht sich, dass sich alle Beteiligten intensiv darauf einlassen. Sie geht davon aus, dass die Reform ausser für die Lernenden beziehungsweise die Ausbildungsprogramme auch weitreichende Veränderungen für die Lehrpersonen zur Folge haben wird. «Die Lehrpersonen werden vermehrt die Funktion von Coaches einnehmen und individueller auf die Lernenden und deren Bedürfnisse eingehen können.» Die neuen digitalen Möglichkeiten erlaubten es anderseits, dass sich die Lernenden viel selbstständiger als früher Wissen aneignen könnten.

Bei der Reform «Kaufleute 2022» gehe es darum, die bewährten Elemente aus der Vergangenheit mit den digitalen und kompetenzorientierten Neuerungen zu verbinden. «Wenn uns das gelingt, dann hat die KV-Lehre nicht nur eine erfolgreiche Vergangenheit, sondern auch eine ebensolche Zukunft.»