Coworking Spaces erobern die Peripherie

Pieter Poldervaart, 10.12.2018

Geteilte Arbeitsplätze kennt man vor allem aus den Zentren. Doch auch in peripheren Regionen hat Coworking Potenzial.

Wer Engadin hört, denkt an Wanderwege und Langlaufloipen. Doch das Bündner Bergtal steht auch für den digitalen Aufbruch: 2016 startete der Verein «Mia Engiadina» mit der Etablierung eines schnellen Glasfasernetzes und eröffnete in Schuls unter dem Label Mountain­-Coworking ein öffentliches Gemeinschaftsbüro mit 20 Arbeitsplätzen. Seither mieten vor allem Hotelgäste und Besitzer von Ferienhäusern stunden­ oder tageweise einen Coworking-Platz, um ein Projekt auszuarbeiten oder sich im separaten Sitzungszimmer mit Geschäftskollegen zu treffen. Für Telefongespräche steht eigens eine schallgeschützte Kabine zur Verfügung. «Ziel ist, das Engadin am digitalen Wandel teilhaben zu lassen», so Flurin Grüzer, Partner von «Mia Engiadina». Unterstützung erhielt der Verein von über 60 Partnern und der öffentlichen Hand, die zusammen mehr als 1,1 Millionen Franken und 8000 Stunden Freiwilligenarbeit in das Projekt einbrachten.

 

Die alte Post wird belebt

Wie das Engadin leidet auch das St. Galler Toggenburg an Abwanderung. Und wie im Engadin sieht man in der Digitalisierung eine Möglichkeit, der wirtschaftlichen Flaute entgegenzuwirken. Die Initialzündung für ein Coworking-Zentrum kam dabei von der Gemeinde, die das ehemalige Postgebäude in Lichtensteig mit neuem Leben füllen wollte. «Wichtig ist, dass ein engagiertes Kernteam besteht, das lokal etwas bewegen will», erklärt Tobias Kobelt, Präsident der Genossenschaft Macherzentrum und ehrenamtlicher Leiter des gleichnamigen Coworking­-Angebots. Gestartet wurde das Projekt 2017 zu dritt, heute umfasst das Kernteam elf Personen. Nach einem Probelauf ging das Macherzentrum im August offiziell in Betrieb. Neben Jungunternehmerinnen mieten sich Angestellte für einen Tag pro Woche ein. Eben ist ein Treuhänder dazugekommen, der das Standbein im Macherzentrum neben seinem Büro im Nachbardorf nutzen will. Die Gemeinde will zwar Anpassungsarbeiten im Innenausbau übernehmen und wirbt für das Angebot, «doch die Genossenschaft muss für einen Teil des Umbaus selbst aufkommen und zudem eine marktübliche Miete bezahlen», betont Kobelt.

 

Vertrauenswürdiger als Homeoffice

Noch sind Mountain­-Coworking und Macherzentren Exoten, bloss sieben Coworking Spaces im periurbanen Raum und ebenso viele im ländlichen Raum haben Timo Ohnmacht und sein Forscherteam aufgespürt – gegenüber 110 Angeboten in städtischen Gemeinden. Ohnmacht, Dozent an der Hochschule Luzern – Wirtschaft, leitet das eben gestartete Projekt «Digital lives in coworking spaces: Do mobile lifestyles reduce rural-­urban disparities?» im Rahmen der aktuelle Projektwelle des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) zu «Digital Lives – Auswirkungen der digitalen Transformation». Sein Team wird dabei vom Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) unterstützt, das sich für Möglichkeiten interessiert, die Digitalisierung zur Dämpfung der Pendlerströme zu nutzen. Schon jetzt ist klar, dass sich die Klientel zentraler von jener peripherer Coworking Spaces deutlich unterscheidet: «Während in städtischen Angeboten zu jeder Tages­- und Nachtzeit gearbeitet wird, werden die ländlichen Flächen eher zu den üblichen Bürozeiten genutzt.» In der Peripherie sei es – neben touristischen Nutzern wie etwa im Engadin – vorwiegend die einheimische Bevölkerung, die sich einmiete. Dass Angestellte während ihrer Arbeitszeit ein Coworking Space nutzen können, setzt ein generelles Einverständnis des Arbeitgebers voraus. «Noch sind Gemeinschaftsbüros in erster Linie für Freischaffende und Start­ups interessant», weiss Ohnmacht. «Aber auch etablierte Unternehmen müssen darauf reagieren, dass vor allem junge Beschäftigte mehr Flexibilität punkto Arbeitsort wollen.» Profitieren von ländlichen Coworking Spaces kann nicht zuletzt die Gemeinde selbst. Wird in reinen «Schlafgemeinden» wieder mehr gearbeitet, selbst wenn das nur tageweise der Fall ist, generiert das Umsatz in Gastronomie und Gewerbe. Coworking werde dabei nicht gleich beurteilt wie Homeoffice, betont Ohnmacht: «Viele Firmen haben mehr Vertrauen ins Coworking, weil da ein professionelles Arbeitsumfeld besteht und die Mitarbeitenden produktiver sind.»

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Denkblockaden bei den Firmen

Wenn es gelinge, in der Peripherie wieder solche Arbeitsplätze zu schaffen, sei das keine Revolution, sondern eigentlich nur eine Rückkehr zur DNA der Schweizer Wirtschaft, ist Remo Rusca überzeugt. Der Berater der Genossenschaft VillageOffice verweist darauf, dass eine solche Struktur, bei der Arbeiten und Wohnen nah beieinanderliegen, bis vor ein paar Jahrzehnten bestens funktioniert hat. «Heute kommen die Pendlerströme auf der Strasse und Schiene an ihre Grenzen. Mehr als 70 Prozent der Beschäftigten haben den Arbeitsplatz ausserhalb ihrer Wohngemeinde.» Mit Homeoffice versuche man zwar, der Pendlerei entgegenzuwirken. «Doch betreut man gleichzeitig Kinder oder ist in den Haushalt eingebunden, entstehen bloss neue Konflikte.» Ausserdem haben Firmen registriert, dass regelmässige Homeworker zurück am Arbeitsplatz besonders viel sozialen Austausch in Anspruch nehmen – was wiederum das Team im Firmensitz belastet. In einem Coworking Space hingegen existiert dieser soziale Austausch. Rusca: «Und ganz nebenbei führt die Anwesenheit am Wohnort dazu, dass man sich stärker mit der Gemeinde identifiziert und sich vielleicht auch eher für gemeinschaftliche Anliegen engagiert.» VillageOffice bietet interessierten Gemeinden ein Coaching an und zeigt Möglichkeiten auf, nahe des Gemeinschaftsbüros weitere halb­ öffentliche Einrichtungen zu etablieren – etwa eine Kindertagesstätte. Und wenn es sie schon gibt, bekommt die Kita mit einem VillageOffice eine sinnvolle Ergänzung. Nötig ist auch, die Unternehmen für diese Option zu sensibilisieren. Mit Tetra Pak, Lista Office, dem Bundesamt für Informatik oder Repower hat VillageOffice ein wissenschaftlich begleitetes Jahresprogramm realisiert. Daraus ist unter
anderem ein Tool entstanden, das zeigt, für wie viele Beschäftigte ein Tag in einem Coworking Space überhaupt machbar ist. Auf der Basis der anonymisierten Postleitzahlen der Beschäftigten identifiziert das Programm passende öffentliche Gemeinschaftsbüros und stellt diese auf einer Karte dar. In einem zweiten Schritt werden die Anonymisierung durch die Firma aufgelöst und die Aufgaben der Personen eingefügt, was eine Diskussionsgrundlage ergibt. Rusca: «Das grösste Hindernis für Coworking-Plätze sind selten die fehlenden räumlichen Angebote, sondern Denkbarrieren und die Angst von Verantwortlichen, die Kontrolle über die Mitarbeitenden zu verlieren. Eine Versachlichung hilft, Denkblockaden zu lösen und Entwicklungen zu ermöglichen.»

 

Auch Grenzgänger profitieren

Dabei gibt es handfeste Gründe, den Beschäftigten zu erlauben, einen Teil ihrer Arbeitszeit im Gemeinschaftsbüro zu verrichten. Benoît Charrière vom Genfer Beratungsunternehmen Sofies SA schliesst Ende Jahr ein Interreg­Projekt ab, das in den letzten vier Jahren den Markt für Coworking Spaces in der Romandie abklärte und mögliche Effekte berechnete. Die Region Genf leidet seit Jahren unter motorisiertem Individualverkehr, den unter anderem die zahlreichen Grenzgänger verursachen. «Der verkehrsbedingte CO2­Ausstoss würde um sechs Prozent sinken, wenn jene Branchen, denen es möglich ist, ihren Mitarbeitenden an einem Tag pro Woche Coworking erlaubten.» Während diese Umweltentlastung einige Firmen überzeugen mag, dürfte es bei anderen eher die tieferen Kosten für die Büromiete sein, weil man feste Arbeitsplätze reduzieren kann. Coworking sei nicht ein Allheilmittel, aber eine Möglichkeit, die ständige Verkehrsüberlastung zu entschärfen, so Charrière. Dass auch in der Romandie ein Umdenken stattfindet, zeigt allein schon der Umstand, dass die Anzahl der Coworking Spaces innert vier Jahren von 10 auf 30 hochgeschnellt ist – zwei davon befinden sich in der Peripherie, fünf im grenz­ nahen Frankreich.

 

Kombinieren mit bestehendem

Auch das Mountain­-Coworking wächst und soll möglichst das ganze Engadin einbinden: 2017 wurde das Coworking Ardez mit zwei Arbeitsplätzen im ehemaligen Gemeindehaus eröffnet. Deutlich grösser ist mit potenziell 40 Plätzen der Standort Ftan, wo man mit dem Hochalpinen Institut kooperiert. Seit Anfang September können die Benutzerinnen bei Bedarf gleich auch in der hauseigenen Mensa essen und Übernachtungsmöglichkeiten nutzen. Darüber hinaus gibt es eine mobile Coworking-­Box mit zwei Arbeitsplätzen, die aktuell am Bahnhof Schuls steht und temporär in Gemeinden oder an Veranstaltungen aufgestellt wird.