«Wir sind dem Autopiloten nicht ausgeliefert»

Rolf Murbach, 10.01.2019

Achtsamkeit ist eine Geistesschulung, eine radikale Überprüfung unserer Gedanken. Man stärkt das Bewusstsein und handelt überlegt, sagt Angelika von der Assen.

kfmv-Blog: Viele Menschen kommen mit dem Druck in der Arbeitswelt nicht zurecht und fühlen sich gestresst. Was können sie tun?

Angelika von der Assen: Man kann vieles tun: Sport treiben, Yoga, Entspannungsmethoden anwenden – oder eben Achtsamkeit praktizieren.

 

Was versteht man darunter?

Achtsamkeit ist die Übersetzung von Mindfulness. Das deutsche Wort gibt die Bedeutung nicht präzise wieder, man assoziiert mit dem Wort auch Zurückhaltung oder Vorsicht. Gemeint ist aber eine Haltung von bewusst und präsent sein. Wer achtsam ist, nimmt den Moment vorurteilslos wahr, fokussiert auf eine Sache und lässt sich nicht ablenken.

 

Eine wünschenswerte Grundhaltung. Man sollte immer achtsam sein.

Das wäre das Beste, aber es ist schwierig, weil unser Gehirn anders funktioniert. Ständig schwirren irgendwelche Gedanken durch den Kopf und wollen Beachtung. Wir sind zerstreut, und wir reagieren auf die Ablenkungen. Wenn eine Stimme sagt, mach dies, folgen wir meist dieser Stimme, ohne zu überprüfen, ob die Handlung sinnvoll ist.

 

Die Menschen haben keine Zeit, während zwei, drei Stunden zu meditieren. Wie sehen Achtsamkeitsübungen im hektischen Büroalltag aus?

Eine Technik, die wenig Zeit beansprucht, aber schon viel bringt, ist das bewusste Atmen. Während ich meinen Computer starte, atme ich bewusst ein und aus. Oder bevor wir ein Meeting beginnen, sind wir während einer Minute einfach still und bei uns. Die Mitarbeiter kommen ja oft von anderen Terminen, sind in Gedanken noch dort oder schon beim übernächsten Treffen. Indem wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten, während dieser Minute nichts tun und uns nur auf den Moment konzentrieren, kommen wir im Hier und Jetzt an: mit Körper, Geist und Herz. Vielleicht setze ich auch schon einen gedanklichen Fokus auf das Meeting: Was ist mir wichtig? Was möchte ich erreichen? Eine achtsame Haltung kann ich auch bei alltäglichen Handlungen einnehmen – zum Beispiel, wenn ich zum Drucker gehe oder das Geschirr abwasche.

 

Was heisst achtsam abwaschen?

Ich bin mit meiner ganzen Aufmerksamkeit beim Abwaschen, ähnlich wie beim Meditieren, wo ich mich auf den Atem konzentriere. Wenn ich merke, dass ich an etwas anderes denke, entscheide ich bewusst, mich wieder dem Abwaschen zuzuwenden, dies vollständig präsent zu tun. Ich nehme wahr, wie warm oder kalt das Wasser ist, wie das Spülmittel riecht, wie sich die Teller anfühlen. Ich nehme mit allen Sinnen wahr, was ich tue.

 

Ablenkungen kommen also nicht nur von aussen, sondern auch von innen?

Natürlich sind äussere Einflüsse wichtig. Etwas passiert, was unser Denken in eine bestimmte Richtung lenkt. Ein äusseres Ereignis, ein bestimmter Reiz löst eine innere Reaktion aus. Wenn wir uns dieses Ablaufs nicht bewusst sind, führt das dazu, dass wir instinktiv irgendetwas tun. Mit Achtsamkeit schaffen wir einen Raum, der uns ermöglicht, bewusst und überlegt zu handeln. Wir sind unseren Impulsen weniger ausgeliefert. Unser Gehirn funktioniert so, dass irgendwelche Gedanken aufpoppen. Dank Achtsamkeit können wir in Ruhe entscheiden, was wichtig ist. Für mich ist Achtsamkeit eine Geistesschulung, eine radikale Überprüfung meiner Gedanken. Wir stärken unser Bewusstsein, handeln überlegt und sind weniger dem Autopiloten ausgeliefert.

 

Wie gelingt Achtsamkeit im Alltag?

Ich muss mir zuerst einmal bewusst sein, dass das Gehirn wie eben geschildert funktioniert. Es braucht die Möglichkeit, Pausen einzulegen, um sich all den Reizen nicht auszuliefern. Hierzu gibt es verschiedene Ansätze: von uralten Achtsamkeitspraktiken, die aus dem Buddhismus stammen, über moderne «businesstaugliche» Methoden, die meist kürzer sind. In den letzten zehn Jahren sind viele Techniken entwickelt worden, die mit der heutigen Arbeitswelt kompatibel sind.

Angelika von der Assen an der GDI-Impulstagung

Angelika von der Assen referiert am 23. Januar 2019 an der kfmv-Impulstagung im GDI Rüschlikon, zum Thema "Big Busyness... Warum weniger Tun mehr bringt."

Bei einer Sache sein, kein Multitasking.

Multitasking lenkt ab. Ich bin idealerweise im Hier und Jetzt. Es mag ein wenig esoterisch klingen, aber es ist wichtig. Wie oft denken wir an die Vergangenheit oder an die Zukunft, wenn wir etwas tun. Die Vergangenheit ist aber vorbei und die Zukunft noch nicht da. Wir verpassen mit einer solchen Haltung die Gegenwart, tun etwas und sind gleichzeitig nicht da.

 

Kann ich überhaupt beeinflussen, dass ich nicht abschweife?

Ich kann das trainieren. Wir sprechen von Metaaufmerksamkeit. Wenn ich bemerke, dass ich abschweife, entscheide ich mich bewusst, mich wieder der aktuellen Tätigkeit zuzuwenden und mich nur darauf zu konzentrieren. Ähnlich wie beim Körpertraining, bei dem Muskeln gestärkt werden, verbessere ich beim Geistestraining meine Konzentrationsfähigkeit. Das Fokussieren auf eine Tätigkeit fällt mir dank dem Training immer leichter, und ich bin weniger empfänglich für Ablenkungen. Das prägt mein Handeln.

 

Kann man das nachweisen?

Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre haben gezeigt, dass durch Meditation Denken und Handeln, bestimmte Gehirnareale gestärkt werden. Man konnte dies mittels Hirnscanning nachweisen. Wenn ich achtsam bin, hole ich mir gewissermassen den Raum zwischen Reiz und Reaktion zurück. Ich reagiere nicht unmittelbar, muss beispielsweise auf eine Provokation nicht gleich zurückschiessen, sondern nehme bewusst wahr, was das bei mir auslöst. Ich mache eine Pause, atme erstmal durch und antworte dann gelassener. Diese Sekunde zwischen Reiz und Reaktion ist wichtig und trägt zu einem konstruktiven Umgang mit meinen Mitmenschen bei.

 

Wie empfänglich sind Menschen für Achtsamkeit?

Das Thema ist präsent in unserer Gesellschaft. Viele praktizieren Achtsamkeit und sprechen darüber. Wer neugierig ist, will es möglicherweise auch einmal ausprobieren. Ich führe in unserem Unternehmen viele Achtsamkeitstrainings durch, auch mit Ingenieuren, die in ihrer Grundhaltung kritisch bis skeptisch sind. Für sie sind die erwähnten Forschungsergebnisse hilfreich, um sich darauf einzulassen. Sie sehen, dass Achtsamkeit nichts mit Esoterik zu tun hat und dass man die Wirkung wissenschaftlich nachweisen kann. Bei den Trainings erfahren sie dann am eigenen Geist und Körper, was Achtsamkeit bewirkt. Die Offenheit gegenüber Achtsamkeitstrainings hat in den letzten Jahren stark zugenommen.

Wie bereit sind Firmen, solche Trainings anzubieten?

Auch hier stelle ich eine grosse Veränderung fest. Ich bin mit meinen Achtsamkeitstrainings seit vier Jahren auf dem Markt. Unterdessen gehört es fast ein wenig zum guten Ton, diese Angebote zu pflegen. Achtsamkeit ist chic. Vor allem junge Firmen, unter anderem aus der IT-Szene, sind sehr interessiert daran. Das Programm, das ich anbiete, ist ja von Google entwickelt worden und entsprechend etabliert.

 

Was gewinnt man, wenn man Achtsamkeit in den Alltag integriert?

Eine Teilnehmerin hat mir gesagt: Ich habe mein Leben wieder, ich bin nicht mehr nur fremdgesteuert. Früher absolvierte ich mein Leben, gleichsam gesteuert durch einen Autopiloten. Nun entscheide und lebe ich bewusster. Viele Menschen machen die Erfahrung, dass sie dank Achtsamkeit leistungsfähiger sind, weil sie gelernt haben zu fokussieren. Und Führungskräfte halten fest: Ich bin ein freundlicherer Mensch geworden, gestalte meine Beziehungen bewusster.

 

Hat das nicht auch mit Sinnhaftigkeit zu tun?

Auf jeden Fall. Vordergründig ist Achtsamkeit eine Form von Stressmanagement. Es geht aber um mehr: Wie ich mir, mit anderen Menschen umgehe und wie ich mein Leben gestalte. Buddhistisch betrachtet, wie ich vom Leiden wegkomme. Ziel ist, dass ich ein inneres Wohlbefinden wahrnehme und Lebensfreude verspüre.

 

Was raten Sie Menschen, die Achtsamkeit in ihrem Alltag verankern möchten?

Wichtig ist die regelmässige Praxis, das können bewusste Atemzüge sein. Man kann Rituale in seinen Alltag einbauen. Ich setze mich zum Beispiel jeden Morgen nach dem Zähneputzen hin und überlege mir: Was ist heute wichtig? Welche Qualität soll mein Tag haben? Wozu sage ich ja, wozu nein? So fokussiere ich auf etwas und lasse mich nicht von äusseren Reizen steuern. Für achtsames Verhalten eignet sich fast alles. Ich esse achtsam oder ich höre achtsam zu.

 

Und doch steht Achtsamkeit in grosser Konkurrenz zu all den Anforderungen und Pflichten des Alltags. Wie gelingt Ihnen Achtsamkeit?

Wie gesagt dank Ritualen. Ich fahre mit dem Zug zur Arbeit. Die ersten zehn Minuten sitze ich einfach da, schaue aus dem Fenster und nehme neugierig alles wahr, was da ist. Ich tue nichts anderes. Da ich Achtsamkeit unterrichte, praktiziere ich es auch. Das ist ein Privileg. Mit der Zeit verselbständigt und festigt sich Achtsamkeit. Zum Beispiel: Auf einer Treppe am Bahnhof stolpert jemand und fällt zu Boden. Früher, im Stressmodus, hätte ich gedacht: Mein Gott, kann der nicht aufpassen. Heute ist meine Reaktion anders. Ich reagiere automatisch mit Mitgefühl und frage mich, wie ich der Person helfen kann. Achtsamkeit führt auch zu einem anderen Mindset, wie ich über Menschen denke. Man wird ruhiger und freundlicher.

 

Ein Feind von Achtsamkeit ist das Smartphone, das uns dauernd ablenkt. Wie sollen wir damit umgehen?

Mit dem Smartphone bin ich überall, nur nicht hier. Die Geräte haben dazu beigetragen, dass wir häufig im Multitasking-Modus unterwegs sind und ein Suchtverhalten an den Tag legen. Wenn eine Nachricht mit einem Bling eintrifft, wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet, was angenehm ist. Es gibt nur eines: Ich entscheide mich, wann ich mich dem Smartphone zuwende und wann ich es nicht beachte. Das hat mit Disziplin zu tun. Wenn ich das Smartphone immer im Bereitschaftsmodus habe und auf jede Ablenkung reagiere, dann bestimmt das Gerät meinen Alltag.

 

Wie sind Sie auf das Thema Achtsamkeit gestossen?

Ich war schon immer ein Mensch, der sich dafür interessiert hat, was unter der Oberfläche passiert – schon als Kind. Später habe ich Psychologie studiert. Seit vielen Jahren bin ich im Management Development tätig, arbeitete lange vor allem mit westlichen Methoden. Bis ich merkte, dass diese Methoden an Grenzen stossen. Hinzu kamen Erfahrungen von Sinnlosigkeit. Vor zehn Jahren begann ich mit Zen-Meditation, was ich als sehr bereichernd erlebe. Mir wurde klar, Meditation eignet sich auch fürs Leadership Development. Ich liess mich am «Search Inside Yourself Leadership Institute» in San Francisco zur Trainerin ausbilden. Seitdem ist Achtsamkeit mein Schwerpunkt und meine Berufung.

Zur Person

Angelika von der Assen ist Leiterin Führungskräfteentwicklung und Talentprogramme bei einem grossen Schweizer Energieversorger , Keynote Speaker und selbstständiger Mindfulness-Coach. Die Psychologin praktiziert seit 2005 Zen-Meditation und Achtsamkeit. Am «Search-Inside-Yourself-Leadership-Institut» in San Francisco liess sie sich zur Achtsamkeitstrainerin ausbilden.