Mut zum beruflichen Neustart

Therese Jäggi, 04.02.2019

Die Neustarter-Stiftung richtet sich an Berufstätige ab 49 Jahren. Das vielfältige Angebot stösst auf grosses Interesse.

«Wenn ich Geschäftsführerin eines grossen Unternehmens wäre, würde ich den Begriff  Talent so definieren, dass sich jeder und jede angesprochen fühlt, auch ältere Mitarbeitende. Es wäre ein Signal dafür, dass Weiterentwicklung nicht irgendwann aufhört und alle gebraucht werden. Situativ würde ich auch beim Recruiting gezielt nach alten Hasen suchen, welche mit ihren Erfahrungen – in Kombination mit der Energie durch die neue Herausforderung – wesentlich zum Erfolg eines Projekts beitragen können.» Wer das sagt, ist Bernadette Höller, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Neustarter-Stiftung. Und sie fügt hinzu: «Es gibt viele positive Signale, die man setzen kann, wenn man ein stimmiges Ziel-Bild im Generationenmanagement erarbeitet hat.»

Allerdings ist das Bewusstsein, dass ein langes Berufsleben in einer sich sehr schnell verändernden Welt kaum noch linear sein kann, alles andere als üblich. «Umdenken ist gefragt – Neues ausprobieren, die eigenen Kompetenzen mit neuen Aufgaben oder in einem neuen Umfeld weiterentwickeln und in altersgemischten Teams voneinander lernen», sagt Bernadette Höller. Die Neustarter-Stiftung inspiriert und ermutigt Menschen ab 49 Jahren für einen beruflichen Neustart – sei das im bisherigen Unternehmen, an einem neuen Arbeitsplatz oder im Rahmen einer Selbstständigkeit. Das geschieht in Form von Workshops, Stammtischen und Events sowie über Geschichten von Neustarts und weiteren Informationen rund um die Arbeitswelt 4.0 auf der Website der Stiftung.

Neustarter unterstützt aber auch Arbeitgeber, um langjährige und ältere Mitarbeitende für die zukünftige Arbeitswelt zu begeistern. «In manchen Unternehmen investiert man immer noch lieber in die Frühpensionierung von Mitarbeitenden statt in deren Weiterbildung, obwohl dies, wenn man genau rechnet, wahrscheinlich eher teurer ist», sagt Bernadette Höller.

 

Unkonventioneller Arbeitsplatz

Wir treffen uns an einem Dienstagmorgen im Januar im Zürcher Impact Hub, einem Coworking Space im Zürcher Kreis 5. Es ist gerade viel los, die meisten Arbeitsplätze und Sitzungszimmer sind besetzt. Nach ein paar Absprachen finden wir einen ruhigen Platz zum Reden. Alles ganz unkompliziert. Hier befindet sich der Arbeitsplatz von Bernadette Höller und ihrer Kollegin Stephanie Péus. Zu ihrer Organisation gehören auch ein Stiftungsrat sowie diverse freie Beraterinnen und Trainerinnen, die Webentwicklung läuft über einen Freelancer. «Wir haben uns entschieden, unseren Arbeitsplatz hier einzurichten, weil wir Lust haben, mittendrin zu sein, neue Menschen kennenzulernen und zu kollaborieren.»

Sie profitiere auf vielfältige Art und Weise von den Kontakten, die sich hier wie von selbst durch das unkomplizierte neben- und miteinander Arbeiten ergäben. Ganz besonders interessiert ist sie an Start-up-Gründerinnen und -Gründern, denn hier ergibt sich eine Schnittstelle zu ihrem neuesten Projekt «Praktikum Arbeitswelt 4.0», einem Experiment für die Arbeitswelt der Zukunft. Worum geht es? Die Neustarter-Stiftung ermöglicht langjährigen Mitarbeitenden aus klassischen Unternehmen vierwöchige Praktika in einem Start-up. Dadurch erhalten diese die Möglichkeit, in einer ihnen weitgehend unbekannten, agilen Unternehmenskultur neue Erfahrungen zu sammeln, von denen sie und ihr Team nach der Rückkehr an ihren herkömmlichen Arbeitsplatz profitieren können.

 

Verbündete finden

Regelmässig finden Stammtisch-Treffen statt. Daran nehmen Menschen teil, die sich über ihre beruflichen Wünsche und Pläne mit anderen austauschen und vielleicht auch ihre Probleme zur Sprache bringen möchten. Bernadette Höller nimmt regelmässig an diesen Stammtisch-Treffen teil. Sie gibt zu bedenken, dass sich ältere Arbeitnehmende teilweise nicht so selbstverständlich vernetzen wie zum Beispiel die Leute im Impact Hub. Auch deshalb sei das Bedürfnis in dieser Altersgruppe gross, sich mit Menschen auszutauschen, welche sich in einer ähnlichen Lebensphase befinden.

Neustart tönt verlockend, erstrebenswert. Doch nicht alle trauen sich einen solchen zu oder können sich einen solchen leisten. Welche Voraussetzungen sind notwendig dafür? «Es braucht eine gute Idee, und was noch fast wichtiger ist: Es braucht die Lust, zumindest für eine gewisse Zeit mit hundertprozentigem Einsatz seine Idee voranzutreiben.» Ein Teilzeit-Neustart – neben Garten, Reisen und Enkeln – führe selten zum Erfolg. Und natürlich spielt auch die finanzielle Situation eine Rolle. Wer abgesichert ist und während einiger Monate nicht aufs Geld schauen muss, hat bessere Voraussetzungen als jemand, der möglichst schnell von seinem neuen Geschäftsmodell leben muss. Der Neustarter-Idee entspricht es aber durchaus, dass man mit seinem Projekt Geld verdient.

Zur Neustarter-Stiftung

Die gemeinnützige Neustarter-Stiftung wurde 1999 als Tertianum-Stiftung gegründet. Sie verfolgt seit 2017 das Ziel, Menschen ab 49 Jahren für den beruflichen Neustart zu inspirieren. Und sie unterstützt Unternehmen bei Fragen rund um die Beschäftigung von älteren Mitarbeitenden.

Fokus auf Zukunft

Auf der Webseite der Stiftung erzählen verschiedene Menschen in aufschlussreichen Interviews, wie sie ihren Neustart erlebt haben. «Man muss einem alten Elefanten teilweise neue Tricks beibringen», bringt es Olmar Albers auf den Punkt. Und: Er hat im Impact Hub eine ernüchternde Erkenntnis gewonnen: «Ich war stolz auf meinen reichen Erfahrungsschatz und dachte, ich gebe den Jungen etwas mit auf den Weg. Darauf haben die Jungen aber nicht gewartet.» Ist es aber nicht genau das, was in jedem Bewerbungskurs für ältere Stellensuchende propagiert wird: Hebt eure Erfahrungen hervor.  Bernadette Höller meint dazu: «Sicher sind Erfahrungen wertvoll, aber zu sehr darauf herumreiten darf man nicht.» Gerade in Teams solle man stattdessen auf Zukunft fokussieren, auf das Unbekannte. Man solle Fragen stellen, offen sein für Neues und auch mal zugeben, dass man etwas nicht wisse.

Wie kommt es, dass sie sich als 38-Jährige für die Situation von älteren Arbeitnehmenden interessiert? «Nun, ich bin doch immerhin auch schon näher bei 49 als bei 20», sagt sie lachend. Aber die Beschäftigung mit dem Alter zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Berufslaufbahn. Im Zusammenhang mit einer Yoga-Ausbildung gleich nach dem Abitur begann sie sich für Formen des Alterns und des Sterbens zu interessieren und absolvierte ein Gerontologie-Studium. Während ihrer ersten Anstellung bei einem Sozialunternehmen fühlte sie sich als Rädchen in einem streng hierarchischen Gebilde und erlebte das als völlig lähmend.  Nach zwei Unternehmensgründungen – zuletzt betrieb sie ein Portal zur Online Bewertung von Pflegeanbietern – wechselte sie zur Neustarter-Stiftung.

 

Neugestaltung der Laufbahn

Bernadette Höller würde sich wünschen, dass nicht nur das Ende der Berufslaufbahn selbstbestimmter und flexibler gestaltet würde, sondern die Berufslaufbahn insgesamt. Sie hält nicht viel vom traditionellen Modell: «Nach der Ausbildung geht es kontinuierlich immer nur aufwärts, zwischen 30 und 45 arbeitet man sich halb tot, merkt dann ziemlich bald, dass man zu den Älteren gehört, versucht seinen Status zu halten, und spätestens mit 65 lässt man den Stift fallen. Das kann es doch nicht sein.»

Stattdessen wäre es ihrer Meinung nach sinnvoll, sich angesichts der sehr langen Zeit, die man heutzutage meistens fit und gesund ist, Gedanken über ein längeres produktives Leben zu machen. Das kann zum Beispiel eine Wellenform haben: Man gibt mal ein paar Jahre lang soviel man kann, macht dann vielleicht eine Weiterbildung, lanciert ein grosses Projekt, legt ein Sabbatical ein, gründet ein Start-up, geht in ein Angestelltenverhältnis, arbeitet ehrenamtlich. Dieses freie und agile Gestalten der eigenen Laufbahn hält sie für natürlich und realistisch.

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