Berufliche Neuorientierung: Mut zahlt sich aus

Rolf Murbach, 14.02.2019

Bei einer Neuorientierung ist es wichtig, Wünsche, Gefühl und Verstand mit einzubeziehen. Zudem braucht eine Veränderung Zeit, sagt der Journalist und Coach Mathias Morgenthaler. Er hat mehr als 1000 Frauen und Männer zu ihrer Laufbahn befragt.

kfmv-Blog: Sie haben unzählige Frauen und Männer zu ihrer beruflichen Laufbahn interviewt. Was sind wichtige Erkenntnisse?

Mathias Morgenthaler: Es lohnt sich, mutig zu sein und sich auf Veränderungen einzulassen. Das bedeutet auch: Risiken in Kauf zu nehmen und sich seinen Ängsten zu stellen. Erfolgreiche Berufsleute haben nicht weniger Ängste und Zweifel als andere. Aber sie lassen sich von ihren Ängsten nicht lähmen. Sie tun Dinge, weil sie neugierig sind und weil die Lust auf Entdeckungen grösser ist als die Angst vor dem Scheitern. Sie sind dadurch zufriedener, weil sie in eigener Sache unterwegs sind, eine eigene Firma gründen oder ein eigenes Projekt verwirklichen. Sie üben nicht einfach irgendeinen Job aus.

 

Warum haben nicht mehr Menschen den Mut, ihrer Berufung zu folgen?

Das Sicherheitsbedürfnis der Menschen ist sehr unterschiedlich. Es gibt die geborenen Künstler und Unternehmer, die schon früh ihrer Passion folgen, ohne auf Sicherheit oder Beifall zu achten. Die Mehrheit geht aber erst einmal den anderen Weg, lernt etwas Solides, erfüllt Erwartungen, macht Karriere. Erst mit der Zeit wird die innere Stimme stärker, die Sinnfrage, das Bedürfnis, der Arbeit eine persönliche Handschrift zu geben. Von grossem Einfluss sind die Menschen, denen wir begegnen auf unserem Weg. Vorbilder und Mentoren können uns ermutigen, über uns hinauszuwachsen. Sie bilden einen Gegenpol zu unseren Zweifeln, Glaubenssätzen und Selbstbeschränkungen. Eine Begegnung mit einer besonderen Person zum richtigen Zeitpunkt kann der Laufbahn eine komplett neue Richtung geben.

 

Hatten Sie solche Schlüsselmomente? Sie haben sich ja vor vier Jahren selbstständig gemacht und arbeiten nun neben Ihrer journalistischen Tätigkeit als Coach, Veranstalter und Referent.

Ich brauchte viele Jahre, bis ich mich entschloss, eine eigene Firma zu gründen. Lange dachte ich, für eine Neuorientierung brauche es einen radikalen Schnitt. Dann merkte ich, dass man sich auch schrittweise verändern kann. Ich hatte ja über viele Jahre Woche für Woche Interviews mit Menschen geführt, die ihren eigenen Weg gegangen sind und ihren Traum verwirklicht haben. Mit jeder solchen Begegnung wuchs die Lust, etwas mehr Freiheit und Selbstständigkeit in mein Leben zu bringen. Denn diese Menschen, die ihrer Leidenschaft folgen, wirken sehr inspirierend. Sie fühlen sich zuständig, wollen gestalten – während die weniger Mutigen gerne über andere lästern und nach Gründen suchen, warum sie nichts verändern können.

Zu Beginn meiner Laufbahn war es übrigens entscheidend, dass ich nicht gleich studierte, sondern mich um eine Stelle beim Werbevermarkter Publicitas bewarb, ohne zu wissen, was die Firma genau macht. So habe ich, eher zufällig, in der Medienwelt Fuss gefasst. Das war wohl ein Schlüsselmoment, ohne dass ich mir dessen bewusst gewesen wäre.

 

Laufbahn ist immer auch Zufall?

Zufälle sind wichtig. Die Schauspielerin Hanna Schygulla hat einmal gesagt: «Das Leben antwortet mit Zufällen, wenn ein Wunsch aufsteigt, der stark genug ist.» Wenn man seinen Ambitionen folgt, dann ergeben sich schöne, oft folgenreiche Zufälle. Viele Interviewpartner haben mir berichtet, dass die innere Ausrichtung zu wunderbaren Begegnungen geführt hat.

Viele wünschen sich eine sinnvolle und erfüllende Tätigkeit, einen Beruf, der auch Berufung ist. Oftmals kennen sie aber ihre Wünsche und Träume nicht. Wie kommt man wieder in Kontakt mit der inneren Stimme?

Die meisten durchlaufen in ihrem Leben eine starke Anpassungskarriere, in der Schule und im Beruf. Sie erfüllen die Erwartungen anderer. Im Coaching sagen mir viele Klienten, sie hätten Lust, etwas Anderes, etwas Eigenes zu machen. Dann zählen sie sofort Gründe auf, weshalb das nicht möglich ist. Sie ordnen alles der aktuellen Realität unter, geben ihren Wünschen wenig Raum, zählen nicht auf die produktiven Zufälle. Und doch quält sie die Frage: Was hat das mit mir zu tun? Warum bin ich zwar erfolgreich, erlebe das aber nicht als erfüllend? Viele sind in fremder Sache erfolgreich, sehnen sich aber nach ihrem eigenen Leben, nach persönlichem Erfolg. Das geht nur, wenn man die eigenen Wünsche und Träume mindestens so ernst nimmt wie die Anforderungen von aussen.

 

Weshalb warten viele so lange, bis sie eine Veränderung anpacken?

Der stärkste Antreiber ist der Leidensdruck, und der baut sich oft über lange Zeit auf, bis es irgendwann nicht mehr geht. Aber es gibt auch eine positive Kraft, die Veränderung bewirkt: eine Passion, ein spannendes Projekt – eine Inspiration. Mit den Geschichten, die mir Menschen in den Interviews schildern, will ich andere ermutigen, den eigenen beruflichen Traum zu verwirklichen, der eigenen Sehnsucht zu folgen – statt  das auf die lange Bank zu schieben.

Möchten Sie sich Ihren Berufswunsch erfüllen?

Unsere Karriere- und Laufbahnberater unterstützen Sie bei der Neuorientierung.

Bis zur Pensionierung.

Es ist bitter, wenn du dich mit 60 oder 65 fragst, wofür du dich ein Leben lang abgestrampelt hast. Ich empfehle meinen Klienten: Streckt die Fühler aus und achtet darauf, welche Menschen euch faszinieren. Und probiert Dinge aus. Denkt nicht nur über Veränderung nach, sondern handelt. Man muss übrigens nicht gleich ein Unternehmen gründen. Oft kommen Klienten zu mir ins Coaching, die sich nicht zwischen Option A und Option B entscheiden können. Es gibt aber immer Alternativen zu «Weiter wie bisher» oder «alles auf den Kopf stellen».  Es kann schon viel bewirken, das Arbeitspensum zu reduzieren und in der frei gewordenen Zeit eigene Projekte zu starten – ich habe das selber erlebt.

 

Was hat dies bei Ihnen bewirkt?

Es hat Kräfte freigesetzt und zu neuen Ideen und überraschenden Aufträgen geführt. Wenn du Raum schaffst für Neues, passiert etwas mit dir. Man entdeckt Neuland und gewinnt gleichzeitig einen anderen Blick auf das Bekannte. So schätze ich meinen Angestelltenjob mehr, seit ich auch selbstständig bin.

 

Sie arbeiten auch als Coach und begleiten Menschen bei Veränderungsprozessen. Worauf achten Sie?

Ich versuche, die Lesart des eigenen Lebens zu erweitern. Häufig lassen wir uns von tief verankerten Glaubenssätzen und Erklärungsmustern leiten, ohne dass wir uns dessen bewusst wären. Ich unterstütze die Menschen darin, limitierende Gewissheiten zu hinterfragen, den Blick für die Möglichkeiten zu schärfen. Nasa-Forschungschef Thomas Zurbuchen hat mir kürzlich im Interview gesagt: «Die meisten Wände, von denen wir uns begrenzen lassen, sind Trugbilder; da können wir durchgehen und es tut nicht einmal weh.» Leider verharren viele Menschen in ihrer gewohnten Umgebung, als würden sie in einem Gefängnis sitzen. Ich ermutige sie, hinauszutreten, sich umzuschauen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die einen eigenen Weg gegangen sind. So gewinnen sie allmählich ein Gefühl dafür, was alles möglich ist.

 

Was, wenn die Zweifel und Bedenken überwiegen?

Es hilft, den Veränderungsprozess als Experiment zu betrachten. Es geht ja nicht um Leben oder Tod, sondern darum, Dinge auszuprobieren und herauszufinden, wo ich Feuer fange. Zudem darf man sich Zeit lassen. Menschen, die sich neu orientieren, durchlaufen meist vier Phasen, die wir uns als vier Räume vorstellen können: In einem ersten Schritt verlassen sie das Zimmer der Gewohnheit – oft unfreiwillig –  und kommen in das Zimmer der Verleugnung. Dort suchen sie nach Schuldigen und nach Wegen, zurück ins Zimmer der Gewohnheit zu gelangen. Überwinden sie die Verleugnung, gelangen sie in den dritten Raum, in dem Chaos herrscht. Sie sind orientierungslos und haben das Gefühl, auf dem falschen Weg zu sein. Das ist qualvoll, aber diese Verunsicherung gehört dazu. Erst danach öffnet sich die Türe zu Zimmer vier, das für Erneuerung steht. Hier fühlen sich die Menschen wieder in ihrem Element.

 

Sich Zeit lassen ist also wichtig.

Ein grosser Treiber bei Veränderungen sind Emotionen, die nur dann zum Vorschein kommen, wenn ich mir Zeit lasse. Es verhält sich ähnlich wie bei der Trauer um einen geliebten Menschen. Wenn ich dieses Gefühl unterdrücke und mich in die Arbeit stürze, werde ich wahrscheinlich später von den verdrängten Emotionen gesteuert. Ebenso gilt: Wenn ich in Kontakt kommen will mit dem, was mir wichtig ist und was mich anzieht, dann reicht es nicht, mich vor dem Einschlafen zu fragen: Was soll ich tun? Ich muss aus meinen Routinen ausbrechen und dem Veränderungsprojekt Raum geben, es gleich ernst nehmen wie all die Pflichten.

 

In einem Vortrag haben Sie gesagt, die Vernunft werde überschätzt. Ist es denn nicht wichtig, vernünftig abzuschätzen, ob ich mir eine Veränderung leisten kann, ob mein Angebot auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist?

Es braucht beides: Gefühl und Vernunft. Viele Interviewpartner haben mir erzählt, dass sie in entscheidenden Momenten sehr unvernünftige Entscheide getroffen haben – und dadurch weitergekommen sind. Eine 27-jährige Geschichtsstudentin hat sich zum Beispiel gegen eine Doktorarbeit und akademische Karriere entschieden, um in Rio de Janeiro eine Zirkusausschule zu absolvieren. Ein Entscheid, der sich für sie als richtig erwiesen hat. Es ist wertvoll, solche Impulse zu erkennen und ernst zu nehmen. Danach kommt die Vernunft mit den kritischen Fragen ins Spiel. Da ist es wichtig, genau zu prüfen, wie stichhaltig die Einwände sind. Man kann beispielsweise eine Bedenkenliste führen, um den Ängsten einen Platz zu geben und sie mit Distanz betrachten zu können. Bei allem Abwägen ist klar: Am Schluss muss ich handeln. Allzu langes Nachdenken und Zweifeln kann dazu führen, dass man vor lauter Erschöpfung nicht mehr in Bewegung kommt.

 

Dennoch vertagen Menschen Veränderungsentscheide laufend. Sie denken: Noch sind die Bedingungen für eine Neuorientierung nicht ideal.

Sicherheit gibt es erst nach dem Tod, und dann ist es zu spät für Veränderung. Ein verbreiteter Vorsatz lautet: «Ich lebe mein richtiges Leben, wenn ich pensioniert bin.» Das funktioniert meistens nicht, denn 45 Jahre Berufsleben gehen nicht spurlos an einem vorbei. Man kann nicht von einem Tag auf den anderen den Schalter kippen und ein neues Leben führen. Aber man kann jederzeit damit beginnen, im Kleinen Dinge zu verändern und seiner Berufung näher zu kommen.

Mathias Morgenthaler

Mathias Morgenthaler, 41, ist Journalist, Buchautor, Referent und Coach. Seine Spezialgebiete sind Berufliche Neuorientierung und Arbeitswelt der Zukunft. Der Germanist und Kommunikationswissenschaftler arbeitet seit 20 Jahren für den «Bund» und ist Inhaber der Wortwirkung GmbH. Er hat für verschiedene Zeitungen und den Blog Beruf+Berufung über 1000 Interviews zu Berufs- und Laufbahnfragen geführt.
Morgenthaler ist zudem Autor des Bestsellers «Aussteigen – Umsteigen» (Zytglogge 2013) und Veranstalter des Berufungs-Forums, einer Veranstaltungsreihe zum Thema «Selbstständigkeit –vom Glück, die Berufung zu leben».

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Erstmals veröffentlicht am 16. Februar 2017