Abgänger/innen-Umfrage 2018: Anschlusslösungen in Unternehmen gewinnen an Bedeutung

Emily Unser, 07.03.2019

Die vom Kaufmännischen Verband durchgeführte Befragung der Abgänger/innen der kaufmännischen Grundbildung 2018 zeigt, dass die Erwerbstätigkeit der jungen KV-Berufsleute allgemein angestiegen ist. Auch fördern Unternehmen immer bewusster ihren Nachwuchs und stellen Lernende nach Abschluss ihrer Lehre bei sich ein.

Der Kaufmännische Verband führt seit 2006 jährlich eine Befragung unter den Abgänger/innen der kaufmännischen Grundbildung durch. Es handelt sich dabei um die umfassendste Erhebung zur Arbeitsmarktsituation dieser Berufsgruppe. Sie liefert Erkenntnisse über das berufliche Orientierungsverhalten und die Zukunftspläne der Befragten. Ob der Berufseinstieg erfolgreich verläuft, kann entscheidenden Einfluss auf die spätere Berufslaufbahn haben. Aus diesem Grund lohnt es sich aus Sicht des Kaufmännischen Verbandes, diese Schnittstelle im langjährigen Vergleich genau im Auge zu behalten. Befragt wurden EBA- und EFZ-Abgänger/innen der betrieblich organisierten Grundbildung (BOG) und der schulisch organisierten Grundbildung (SOG), und zwar zu zwei Zeitpunkten: An der ersten Erhebungswelle im Juli 2018 nahmen rund 3300 Personen teil. In der Nachbefragung im November 2018 waren es noch etwa 1500. Context stellt die wichtigsten Resultate vor:

 

Erwerbstätigkeit der KV-Absolvent/innen nimmt zu

Die wichtigste Erkenntnis aus der diesjährigen Studie betrifft die Beschäftigungsrate der KV-Absolvent/innen direkt nach Abschluss der beruflichen Grundbildung: Zum ersten Mal seit 2014 konnte im November 2018 die Erwerbstätigenquote der Abgänger/innen wieder einen Anstieg verzeichnen (siehe Grafik 1). Zwei Drittel aller Befragten haben im Verlaufe der ersten vier Monate nach Abschluss der kaufmännischen Grundbildung eine reguläre Stelle gefunden.

Unternehmen verpflichten sich zunehmend ihrem Nachwuchs

Mitverantwortlich für den erfolgreichen Berufseinstieg sind neben der guten Arbeitsmarktsituation die zahlreichen Lehr- und Praktikumsbetriebe, welche ihren ehemaligen Lernenden eine Anschlusslösung anbieten (siehe Grafik 2). Indem sie ihnen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt geben, bilden sie gleichzeitig den Nachwuchs für ihre Branche aus. Insgesamt arbeiten sieben von zehn Personen im November noch beim ehemaligen Lehr-/Praktikumsbetrieb. Immer mehr Absolvent/innen bleibt damit der Prozess der Stellensuche vorerst erspart.

Ob dabei die Grösse eines Unternehmens eine Rolle spielt? Soraya (24) streitet das ab: „Ich denke nicht, dass man nach einer Lehre im Grossunternehmen bessere Chancen hat, übernommen zu werden, als nach einer Lehre in einem KMU. In kleineren Betrieben herrscht oft eine familiäre Arbeitsatmosphäre. Man wird viel eher wahrgenommen und kann schneller eine wichtigere Rolle im Unternehmen übernehmen.“

Für diejenigen Abgänger/innen, welche keine Weiterbeschäftigung im ehemaligen Lehr- und Praktikumsbetrieb angeboten bekommen, wird es jedoch zunehmend schwieriger, einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden. „Mein ehemaliger Lehrbetrieb konnte mich nicht übernehmen. Sie haben Personen mit mehr Erfahrung gesucht, aber die kann man direkt nach der Ausbildung aber noch nicht vorweisen“ führt Soraya (24) weiter fort. So sind Abgänger/innen auf Stellensuche stärker auf Unterstützung aus ihrem privaten Umfeld wie der Familie oder Freunden und Kolleg/innen sowie auf externe Beratungsstellen angewiesen. Der Kaufmännische Verband ist der Ansicht, dass Unternehmen sich auch in Zukunft verstärkt in der Pflicht fühlen sollen, Stellen für Berufseinsteiger direkt nach der Lehre anzubieten – unabhängig davon, ob die Absolvent/innen ihre Lehre im eigenen oder in einem fremden Betrieb abgeschlossen haben. „Es ist gesellschaftlich und ökonomisch wichtig, junge Berufsleute erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, so stellen die jährlich rund 560 000 Erwerbstätigen im Alter von 15- 24 Jahren doch 12% der Arbeitskräfte in der Schweiz dar“ erklärt Nicole Cornu, Fachverantwortliche Bildungspolitik und Jugendberatung beim Kaufmännischen Verband.

 

Mit einer Weiterbildung zum Spezialisten

Im Kontext des sich verändernden KV-Bildungswegs setzt sich auch 2018 der Trend zur Weiterbildung fort: 29.5% der Abgänger/innen beginnen direkt nach Abschluss mit einer Weiterbildung (siehe Grafik 3) und rund 90% spielen mit dem Gedanken, einer Weiterbildung in ihrer beruflichen Zukunft nachzugehen. Ein Grossteil erhofft sich dadurch bessere Karrierechancen oder die Erweiterung der eigenen Kompetenzen im Hinblick auf die Wunschstelle. „Mit dem zusätzlich erworbenen Know-how nach der Lehre profilieren sich die KV-Generalisten zu Top-Spezialisten. Die Grundbildung, welche ein breites Allgemeinwissen und kaufmännisches Handwerk vermittelt, stellt in Kombination mit Weiterbildungen den Königsweg der Zukunft dar,“ erklärt Nicole Cornu, Fachverantwortliche Bildungspolitik und Jugendberatung beim Kaufmännischen Verband.

Die BOG-Abgänger/innen mit einem E-Profil und HMS/WMS-Abgänger/innen bilden die weiterbildungsfreudigste Gruppe: Sie streben eine Berufsmaturität, fachhochschul- oder die gymnasiale Maturität als Passerelle zur Universität an.

Höhere Löhne für Berufseinsteiger/innen

Im Vergleich zu den Vorjahren stiegen auch die Berufseinstiegslöhne an. Der Median des Bruttojahreseinkommens liegt im November mit CHF 55 146.- pro Jahr deutlich höher als in den Vorjahren (Im Vergleich: CHF 54 600.- pro Jahr im November 2017 und 2016). Trotzdem liegen 14.4% der Löhne unter der Mindestlohnempfehlung des Kaufmännischen Verbandes (CHF 52 000.- pro Jahr). Lediglich einer von sieben Berufseinsteiger/innen verhandelt über den Lohn für seine neue Stelle.

 

Prävention von psychosozialen Risiken

Bei der diesjährigen Studie wurde erstmals auch das Risikopotenzial für psychosoziale Erkrankungen am Arbeitsplatz abgefragt. Insgesamt zeichnen die Ergebnisse ein sehr positives Bild: Die Absolvent/innen geben an, kaum mit Mobbing, sexueller Belästigung oder Gewalt konfrontiert worden zu sein. Dagegen sind Risiken, die sich aus einer negativen Arbeits- und Organisationsgestaltung ergeben, eher verbreitet. Als häufigste Belastungen werden eine hohe Arbeitsmenge, ein hoher Arbeitsdruck und häufige Störungen während der Arbeit genannt (siehe Grafik 4). Für den Kaufmännischen Verband ist es daher umso wichtiger, dass Unternehmen, neben ihrer nachwuchsfördernden Funktion, junge Berufsleute durch kompetente und engagierte Berufs- und Praxisbildner/innen bei der alltäglichen Arbeitsorganisation entsprechend begleiten und coachen. „Unternehmen sollen für ihre Angestellten Sorge tragen und eine unterstützende Funktion einnehmen, die über die Lehre und den Berufseinstieg hinaus geht“ schliesst Cornu ab.

Die Prävention psychosozialer Risiken stellt für viele Unternehmen eine echte Herausforderung dar. So wissen 44.3% der Befragten nicht, an wen sie sich in psychisch oder sozial schwierigen Situationen im Zusammenhang mit ihrer Arbeit wenden können. Dies zeigt, dass trotz wachsender Bedeutung von gesundheitsfördernden Massnahmen und einem höheren Bewusstsein für arbeitsplatzbezogene Risiken Präventionsmassnahmen nach wie vor in vielen Unternehmen fehlen oder diesbezüglich unzureichend kommuniziert wird.

Lehrabgänger/innen-Umfrage des Kaufmännischen Verbandes

Der Kaufmännische Verband befragt seit über zehn Jahren Abgänger/innen der kaufmännischen Grundbildung. Der Übertritt von der beruflichen Grundbildung in den Arbeitsmarkt stellt für junge Erwachsene eine grosse Herausforderung dar. Ob es gelingt, eine befriedigende Anschlusslösung zu finden, hat einen entscheidenden Einfluss auf die spätere Berufslaufbahn. Der Kaufmännische Verband legt deshalb den Fokus auf diese Nahtstelle. Konkret untersucht die Studie die Arbeitsbedingungen während der Lehre, den Berufseinstieg und die Zukunftspläne der Absolvent/innen. Hierfür werden die EBA- und EFZ-Abgänger/innen der beruflich organisierten Grundbildung (BOG) und der schulisch organisierten Grundbildung (SOG) jeweils im Juli und November befragt. An der diesjährigen Umfrage nahmen insgesamt rund 3300 Personen teil.

Zu den Studienergebnissen 2018