"Unternehmen investieren in ihre Zukunft"

Therese Jäggi, 07.03.2019

In Bezug auf die Ergebnisse der aktuellen Abgänger/innen-Umfrage 2018 hält kfmv-Fachverantwortliche Nicole Cornu die steigende Weiterbeschäftigung von Lernenden für eine clevere Strategie, um an Fachkräfte zu kommen.

kfmv-Blog: Abgänger und Abgängerinnen finden wieder vermehrt eine reguläre Anstellung. Welche Gründe gibt es dafür?

Nicole Cornu: Hauptsächlich die gute Wirtschaftslage in der Schweiz und die erhöhte Beschäftigungsquote im Dienstleistungssektor. Betrachten wir die Erwerbsquote spezifisch je nach Ausbildungstyp, stellen wir unterschiedliche Tendenzen zwischen betrieblich und schulisch organisierter Grundbildung fest: Nach der betrieblich organisierten Grundbildung sind die Chancen auf einen erfolgreichen Berufseinstieg zwar höher, nehmen aber tendenziell ab. Die insgesamt zunehmende Erwerbsquote ist vor allem auf einen Anstieg nach der schulisch organisierten Grundbildung zurückzuführen. Aus diesen Gründen gilt es, die Erwerbstätigenquote von Abgänger/innen weiterhin zu beobachten.

 

Wie sieht die Arbeitsmarktsituation von Jugendlichen in der Schweiz im internationalen Vergleich aus?

Sie kann als gut bezeichnet werden. Das duale Bildungssystem leistet hier einen wichtigen Beitrag. Obwohl junge Arbeitnehmende grundsätzlich gut in den Arbeitsmarkt integriert sind, befinden sie sich jedoch häufiger als ältere Arbeitnehmende in instabilen Arbeitsverhältnissen, zum Beispiel in einem befristeten Arbeitsverhältnis.

 

Immer mehr Absolvierende können nach Abschluss im Lehrbetrieb bleiben. Ist dieser Trend zu begrüssen?

Ja, denn der Berufseinstieg ist für viele Lehrabgänger/innen eine Herausforderung. Viele Unternehmen übernehmen hier Verantwortung: Sie bieten ihren Lernenden eine Anstellung an und unterstützen diese so beim Berufseinstieg. Das finde ich löblich. Die steigende Weiterbeschäftigung ist meines Erachtens aber auch eine clevere Strategie der Unternehmen, um an die dringend benötigten Fachkräfte zu kommen. Unternehmen bilden ihren Nachwuchs vermehrt selber aus und investieren dadurch auch in ihre eigene Zukunft.

Ein Grossteil der Löhne von Lernenden liegt unter den Empfehlungen des Kaufmännischen Verbandes. Sollen betroffene Lernende das ansprechen?

Da es in der Schweiz keine allgemeingültigen Mindestlohnbestimmungen für Lernende gibt, ist es umso wichtiger, dass Schulabgänger/ innen die Lernendenlohn Empfehlungen kennen. So können Lernende oder ihre Eltern im Vorgespräch mit dem Lehrbetrieb nachfragen. Ist der Lehrvertrag einmal unterschrieben, lässt sich bezüglich Lohn in der Lehre nichts mehr nachverhandeln. Auch wenn ein Grossteil der kaufmännischen Lernendenlöhne noch unter den Verbandsempfehlungen liegt, so nimmt deren Anteil im Vergleich zu den Vorjahren doch stetig ab.

 

Gesundheit ist ein Schwerpunktthema dieser Umfrage. Was können Unternehmen für die Prävention von psychosozialen Risiken tun?

Probleme wie Stress, Gewalt, Mobbing und Belästigung am Arbeitsplatz sind ernst zu nehmen. Gesetzlich ist der Arbeitgeber verpflichtet, zum Schutze der Gesundheit der Arbeitnehmer alle Massnahmen zu treffen, die notwendig, den Verhältnissen des Betriebes angemessen und anwendbar sind. Das Staatssekretariat für Wirtschaft SECO stellt eine praktische Checkliste „Schutz vor psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz“ zur Verfügung, mit welcher der eigene Betrieb geprüft werden kann.

 

Die kaufmännische Grundbildung wird von den Befragten rückblickend als sehr positiv beurteilt. Welche Voraussetzungen braucht es, damit dies so bleibt?

Im Rahmen des Projekts „Kaufleute 2022“ wird die Grundbildung so reformiert, dass sie Kaufleute auf Anforderungen der Zukunft vorbereitet. Voraussetzung dafür ist, dass zentrale Handlungskompetenzen aufgebaut werden können: zum Beispiel vernetztes und kritisches Denken, Kommunikation und Zusammenarbeit sowie der Umgang mit Komplexität und Veränderungen.

Lehrabgänger/innen-Umfrage des Kaufmännischen Verbandes

Der Kaufmännische Verband befragt seit über zehn Jahren Abgänger/innen der kaufmännischen Grundbildung. Der Übertritt von der beruflichen Grundbildung in den Arbeitsmarkt stellt für junge Erwachsene eine grosse Herausforderung dar. Ob es gelingt, eine befriedigende Anschlusslösung zu finden, hat einen entscheidenden Einfluss auf die spätere Berufslaufbahn. Der Kaufmännische Verband legt deshalb den Fokus auf diese Nahtstelle. Konkret untersucht die Studie die Arbeitsbedingungen während der Lehre, den Berufseinstieg und die Zukunftspläne der Absolvent/innen. Hierfür werden die EBA- und EFZ-Abgänger/innen der beruflich organisierten Grundbildung (BOG) und der schulisch organisierten Grundbildung (SOG) jeweils im Juli und November befragt. An der diesjährigen Umfrage nahmen insgesamt rund 3300 Personen teil.

Zu den Studienergebnissen 2018