"Die Weiterbildung muss agiler werden"

Therese Jäggi, 28.03.2019

Weiterbildungen müssen vermehrt kurz sein und sich an den aktuellen Bedürfnissen des Marktes orientieren, sagt Thomas Kölliker. Die WKS Bern reagiert darauf mit der Weiterentwicklung ihres Bildungsangebots.

kfmv-Blog: Ganz generell: Wie beurteilen Sie den Stellenwert der höheren Berufsbildung?

Thomas Kölliker: Ich bin überzeugt, dass sie nach wie vor eine hohe Bedeutung hat. Erfolgreich absolvierte Prüfungen – die Berufsprüfung beziehungsweise die höhere Fachprüfung – führen zu einem eidgenössischen Abschluss. Absolvierende können nach wie vor darauf zählen, dass sie mit einem solchen Abschluss in den HR-Abteilungen von Unternehmen eine hohe Wertschätzung erfahren. – Heute jedenfalls ist es noch so, aber wir können nicht davon ausgehen, dass das immer so bleiben wird. Es braucht Veränderungen.

 

Welche zum Beispiel?

Das ganze System der höheren Berufsbildung ist in die Jahre gekommen und in der Konzeption etwas schwerfällig. Das passt nicht mehr ganz zu einem Arbeitsmarkt, der sich in einem tiefgreifenden Wandel befindet, und das in hohem Tempo. Wir müssen agiler werden, das heisst, Mittel und Wege finden, wie wir rascher auf die veränderten Bedürfnisse des Marktes reagieren können. Und weiterhin müssen wir darum kämpfen, dass die finanziellen Beiträge, die der höheren Berufsbildung zustehen, in einem angemessenen Verhältnis sind zu denjenigen, welche Universitäten und Fachhochschulen erhalten.

 

Seit dem letzten Jahr können Absolvierende von Fachausweis oder Diplom nach Prüfungsantritt Bundesbeiträge zurückfordern. Wie läuft es damit?

Sehr gut. Wir sind erfreut, wie der ganze Prozess in Gang gekommen ist. Da gab es im Vorfeld ja auch Vorbehalte wegen den Abläufen und dass dieser Systemwechsel zu einem grossen bürokratischen Aufwand führen würde. Aber die Bedingungen sind klar und es ist alles sehr gut organisiert durch das SBFI (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation).

 

Halten Sie diese sogenannte Subjektfinanzierung für eine wichtige Errungenschaft?

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, diese trägt zur Stärkung der höheren Berufsbildung bei. Neu ist es so, dass man 50 Prozent der Kosten für die Vorbereitungskurse zurückverlangen kann. Im Idealfall übernimmt der Arbeitgeber ebenfalls 50 Prozent, so dass für die Absolvierenden praktisch keine Kosten mehr anfallen. Diesbezüglich gab es ebenfalls Bedenken, wonach der Kostenanteil, der bisher von den Arbeitgebern geleistet wurde, durch die Bundesgelder ersetzt würde. Soweit ich das beurteilen kann, ist das aber nicht der Fall. Die Arbeitgeber beteiligen sich weiterhin substanziell.

 

Neben den eidgenössischen Prüfungen zählen auch die Höheren Fachschulen zur höheren Berufsbildung. Wie sieht es mit deren Positionierung aus?

Die Höheren Fachschulen bringen sehr gute Fach- und Führungskräfte hervor und sind ein wichtiger Teil der Bildungslandschaft. Im Unterschied zu allen anderen Abschlüssen der formalen Berufsbildung dürfen die Absolvierenden eines Diploms HF jedoch den Zusatz „eidgenössisch“ nicht im Titel tragen. Aufgrund einer ursprünglich von Anita Fetz im Ständerat eingereichten Motion wird der Bundesrat nun beauftragt, die rechtlichen Grundlagen diesbezüglich zu ändern. Ziel ist eine weitere Aufwertung der höheren Berufsbildung, insbesondere der Höheren Fachschulen. Diese sind – gerade im Ausland – leider zu wenig bekannt.

Eine beliebte Fachrichtung unter den HF ist die Höhere Fachschule für Wirtschaft. In welche Richtung entwickelt sie sich?

An unserer Schule startet die HFW im April mit einem weiterentwickelten Konzept, das wir auf die Bedürfnisse der Arbeitswelt 4.0 ausgerichtet haben. Die Studierenden absolvieren im Laufe der Ausbildung mehrere Praxisanwendungen, und das in Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen. Sie befassen sich also mit konkreten Fragestellungen und aktuellen Herausforderungen. Das kann beispielsweise die Erarbeitung eines Businessmodells sein, die Optimierung des Prozessmanagements aufgrund der Digitalisierung oder die Planung und Durchführung eines Crowdsourcing.

 

Wie sieht es aus mit der Durchlässigkeit von der Höheren Berufsbildung in den Fachhochschulbereich und umgekehrt?

Die Durchlässigkeit ist eine der grossen Stärken unseres Berufsbildungssystems. Grundsätzlich steht jemandem mit einem Fachausweis und allenfalls der Erfüllung weiterer Bedingungen ein Bachelor-Studium an einer Fachhochschule offen. Natürlich gilt das auch im umgekehrten Fall, etwa für Studierende, die ein Fachhochschul-Studium in Betriebswirtschaft abbrechen und eine Weiterbildung an einer Höheren Fachschule für Wirtschaft in Angriff nehmen möchten.

 

Was sind gerade so die grössten Herausforderungen in der Weiterbildung?

Die ganz grosse Frage ist: Was braucht die Arbeitswelt von morgen? Welche neuen Themen werden uns beschäftigen? Haben wir noch die richtigen Bildungsgänge und Inhalte? Um diese Fragen zu beantworten stehen wir in einem ständigen Dialog mit den Arbeitgebern. Es ist unsere Aufgabe, für die Unternehmen Bildung anzubieten, in der die geforderten Kompetenzen entwickelt werden können. Es ist auch wichtig, dass die Trägerschaften der eidgenössischen Prüfungen einen intensiven Austausch mit der Wirtschaft pflegen, um am Puls der Zeit zu bleiben. Als Anbieter der entsprechenden Vorbereitungskurse haben wir keine grossen Einflussmöglichkeiten auf die Rahmenbedingungen wie zum Beispiel die Wegleitungen. Momentan wird in vielen Wegleitungen zu den Fachausweisen neu ein Schwerpunkt bei der Handlungsorientierung gelegt, was wir sehr begrüssen, denn das entspricht dem Zeitgeist. Und entsprechend können wir bei der Vorbereitung auch in diese Richtung nachziehen. Weil wir nun – unter dem Stichwort Smart Economy – vermehrt auch kürzere, modulare Lehrgänge anbieten möchten, haben wir im letzten Halbjahr eine Reihe von Gesprächen mit Unternehmen geführt und diese ebenfalls befragt, in welche Richtung es gehen soll.

 

Und welche Antworten haben Sie bekommen?

Sie benötigen Leute, die in der heutigen komplexen Arbeitswelt Lösungen finden. Dazu sind vor allem die folgenden vier Schlüsselqualifikationen wichtig: Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Kreativität. Hinzufügen möchte ich noch Entrepreneur- respektive Leadership, und zwar nicht nur im Hinblick auf Mitarbeitende, sondern ebenso im Sinne von Selbstverantwortung und Selbstführung.

 

Solche neu konzipierten Weiterbildungen wären dann kürzer?

Kürzere Weiterbildungen – also zwischen ein paar Tagen und einem Jahr – entsprechen ganz offensichtlich einem Bedürfnis der Kunden. Heute wollen viele nicht mehr an mehreren Abenden oder am Samstag in eine Weiterbildung gehen, lieber reduzieren sie ihr Arbeitspensum. Sie begründen das mit der Life-Work-Balance. Weiterbildung soll also nicht voll auf Kosten von Familie, Freunden oder Hobbys gehen. Das ist der aktuelle gesellschaftliche Trend.

 

Ein neues Angebot an Ihrem Bildungsunternehmen ist – in Zusammenarbeit mit Google Schweiz – der „Digital Marketing Practitioner„. Worum geht es?

Bisher hatten wir im klassischen Marketing ein Angebot auf Sachbearbeiterstufe und den Fachausweis. Unsere Absicht war, etwas Zusätzliches anbieten zu können. Die neue Weiterbildung soll aktuelle Trends aus dem digitalen Marketing aufnehmen und ihre Absolventen befähigen, das Gelernte umgehend in der Praxis anzuwenden. Von der Form her ist sie modular und flexibel. Dieser Bildungsgang richtet sich an Mitarbeitende von KMU oder an Selbstständige, die zum Beispiel eine eigene Website gestalten wollen, an Social Media Plattformen interessiert sind, Marketing mit YouTube betreiben oder Werbung mit Google Ads schalten wollen. Dazu stehen elf einzeln buchbare Module zur Verfügung, die innerhalb eines Monats absolviert und abgeschlossen werden.

 

Dabei liegt der Schwerpunkt auf Praxisorientierung?

Ja, das ist der Hauptunterschied zu anderen Weiterbildungen in diesem Bereich. Das Ziel ist, dass die Absolventen ganz konkrete Fragestellungen aus ihrem Arbeitsumfeld mitbringen. Und daran wird dann gearbeitet. Dadurch soll auch der Return on Investment für die Unternehmen erhöht werden.

 

Worin konkret besteht die Zusammenarbeit mit Google?

In einigen Modulen wird mit Google-Produkten gearbeitet, und es unterrichten Trainer, die von Google zertifiziert worden sind. Ausserdem überlassen sie uns einige von ihnen konzipierte Programmbestandteile und gewisse Kurstage finden bei Google in Zürich statt. Klar, mit diesem Angebot bekennen wir uns sehr stark zu diesem Unternehmen. Das kann Vor- und Nachteile haben. Aber immerhin arbeiten etwa 80 Prozent der Schweizer KMU mit Google-Produkten. Im Frühling startet das erste Modul und dann kommt jeden Monat ein weiteres hinzu. Durch die Modularität ist eine stetige Veränderung und Optimierung möglich.

Thomas Kölliker

Thomas Kölliker (39) ist Leiter Weiterbildung und Vizedirektor der WKS KV Bildung in Bern. Zuvor war er als Mitglied der Geschäftsleitung für sämtliche Produkte und Dienstleistungen am CYP tätig. Ursprünglich absolvierte er eine KV-Lehre in einer Bank und bildete sich später via Höhere Fachschule und Fachhochschule im Bereich Bildungsmanagement weiter.