«Weiterbildung auf Vorrat bringt nichts»

Therese Jäggi, 12.04.2019

Eine Weiterbildung macht Sinn, wenn man sein Ziel kennt. Und sie sollte immer gut mit der Berufstätigkeit verlinkt sein, sagt Caroline Schultheiss.

kfmv-Blog: Anfang Jahr forderte der Branchenverband Swissmem – im Sinne einer Umschulung – eine Berufslehre für über 50-Jährige. Halten Sie das für eine gute Idee?

Grundsätzlich ja, aber bezüglich der Umsetzung stellen sich einige Fragen: Wer soll das bezahlen? Ist es tatsächlich möglich, die klassische Berufslehre auf eine ganz andere Altersgruppe zu übertragen? Ich denke, ein solches Modell sollte flexibler und von kürzerer Dauer sein. Die Altersgruppe der über 50-Jährigen ist oft noch stark in Familienpflichten eingebunden. Und dann müssen natürlich auch die Arbeitgeber mitmachen.

 

Die Berufslehre für über 50-Jährige ist gedacht als Reaktion auf die Digitalisierung. Ist Digitalisierung auch bei Ihnen in der Beratung häufig ein Thema.

Ja, absolut. Das ist ein Riesenthema. Ich stelle bei meinen Klienten fest, dass der Begriff häufig negativ besetzt ist. Manche haben Angst, aufgrund der Digitalisierung ihren Job zu verlieren. Dann gibt es diejenigen Klienten, die aufgrund von Outsourcing die Kündigung bekommen haben, so beispielsweise eine Business Analystin, deren Aufgaben nach Polen ausgelagert wurden. Outsourcing ist eine direkte Folge der Digitalisierung.

 

Und was raten Sie dieser Klientin?

Es ist nicht sinnvoll, in einem anderen Unternehmen nach derselben Funktion zu suchen; zu gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erfahrung des Arbeitsplatzverlusts wiederholt. In solchen Fällen machen wir eine klassische Standortbestimmung, um herauszufinden, was die Ratsuchende gerne macht und wo sie ihr Know-how auch noch einsetzen könnte. Gibt es andere Branchen, die sie interessieren? Oder soll es etwas ganz Neues sein? Wenn ja, welche Voraussetzungen braucht es dafür?

Gibt es viele Banker unter Ihren Klienten?

Immer wieder, ja. Manche haben im mittleren Alter den Wunsch, etwas völlig anderes zu tun. Sie möchten eine Arbeit, in der sie mehr Sinn sehen, zum Beispiel im Sozialbereich. Das heisst dann, nochmals eine Ausbildung machen, häufig auf Tertiärstufe. Das ist verbunden mit viel Lernaufwand und Einkommensverlust. Aber bereits ein Wechsel in eine andere Branche ist alles andere als einfach. Unser Bildungssystem ist zwar durchlässig, der Arbeitsmarkt aber ist es viel weniger. Ich habe auch schon erlebt, dass Banker in die Verwaltung oder zu einer kleinen Bank auf dem Land gewechselt haben, um etwas weniger Druck aushalten zu müssen. Gerade Kundenberater werden an sehr konkreten Zielen gemessen, und wenn sie diese nicht erreichen, bekommen sie ein Problem. Bei den Versicherungen ist es nicht viel besser. Kürzlich hat mir ein Klient gesagt, dass er dem Druck nicht länger standhalten könne, obwohl ihn das Fachliche nach wie vor interessiere. Dieser Mann hat in den Schulungsbereich gewechselt. Er verfügt über grosses Know-how und möchte dieses gerne weitergeben.

 

Welche Art von Weiterbildung ist ab 50 noch realistisch beziehungsweise sinnvoll?

Einen Bachelor macht man mit 50 nicht mehr unbedingt. In dieser Phase der Laufbahn geht es meistens um fokussierte und kompakte Weiterbildungen: CAS oder MAS an den Fachhochschulen, oder ein NDS auf Stufe Höhere Fachschule. Und natürlich gibt es viele weitere informelle Weiterbildungen, Kurse und interne Schulungen. Diese haben aber leider nicht denselben Stellenwert im Lebenslauf. Die Arbeitgeber sind schon sehr fixiert auf formalisierte Abschlüsse. Das hat in den letzten Jahren eher noch zugenommen.

 

Zählt ein Bachelor mehr als ein Fachausweis?

In der Schweiz ist die höhere Berufsbildung gleichermassen anerkannt. Gerade im KMU-Umfeld haben Fachausweis und Diplom einen sehr hohen Stellenwert. Und KMU spielen für die Schweizer Wirtschaft immerhin eine entscheidende Rolle.

 

Haben Sie auch Klienten im mittleren Alter, die bildungsmässig ausser einer KV-Lehre nicht viel mitbringen?

Ja, recht häufig sogar. Dabei handelt es sich um Personen, die allein mit ihrer Grundausbildung über viele Jahre gut durchgekommen sind und einen grossen praktischen Erfahrungsschatz haben. Aber plötzlich werden sie durch äussere Umstände gezwungen, die Komfortzone zu verlassen. Oder sie realisieren, dass in ihrem Betrieb laufend nur noch Mitarbeiter eingestellt werden, die besser ausgebildet sind als sie. Dann müssen wir schauen, welche Optionen machbar und möglich sind.

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Früher hatte Weiterbildung auch nicht so einen hohen Stellenwert wie heute.

Man hat Weiterbildung früher nicht so propagiert. Es war auch überhaupt nicht üblich, wegen einer Weiterbildung die Arbeitszeit zu reduzieren. Und das Angebot an Weiterbildungen war viel kleiner. Zudem hatte ein Lehrabschluss ein viel höheres Ansehen. Heute gibt ein grosser Teil der Lernenden an, so bald als möglich die Berufsmatura machen zu wollen.

 

Gibt es auch Leute, die bereuen, eine KV-Lehre gemacht zu haben?

Natürlich, genauso wie es auch Leute gibt, welche bereuen, eine Matura gemacht zu haben. Menschen hadern oft mit ihrer Erst-Ausbildung. Es ist Teil der Auseinandersetzung mit sich selber, seinen bisherigen Weg zu reflektieren und damit möglichst Frieden zu schliessen.

 

Geht die Initiative für Weiterbildung meistens von den Arbeitnehmenden aus?

Häufig, ja. Hinzu kommt, dass sie ihre Weiterbildung auch noch selber bezahlen müssen. In vielen Firmen wird in der Personalentwicklung gespart. Und manche Arbeitgeber machen es sich recht einfach: Anstatt einem Mitarbeiter, der ein Defizit aufweist, eine Entwicklung zu ermöglichen, kündigen sie ihm und stellen stattdessen jemanden ein, der über die gewünschten Qualifikationen verfügt. Viele, gerade ältere Mitarbeitende, getrauen sich oft nicht, eine Weiterbildung einzufordern. Es gibt vermutlich in jedem Betrieb Leute, die man mehr als andere fördern oder unterstützen müsste. Von vielen Klienten höre ich, dass sie unser Weiterbildungssystem als kompliziert und unübersichtlich empfinden. Da kann ich nur sagen: Informationsmöglichkeiten gibt es genug, zum Beispiel die hervorragende Webseite berufsberatung.ch oder verschiedene Beratungsangebote, wie sie auch der Kaufmännische Verband anbietet. Die Arbeitnehmenden sind für ihre Laufbahn auch selber verantwortlich.

 

Gibt es typische Situationen, in denen Klienten eine Laufbahnberatung aufsuchen?

Das sind zum einen Leute zwischen 20 und 30, die ihre Karriere planen und wissen wollen, wie sie dabei am besten vorgehen. Häufig geht es auch um sehr konkrete Anliegen: Tipps für das Motivationsschreiben, Feedback zum Lebenslauf, Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch. Da richte ich mich ganz nach den Bedürfnissen der Klienten. Die zweite grosse Gruppe sind Leute ab 40. Dort geht es häufig um eine Standortbestimmung: Möchte ich die nächsten 25 Jahre nochmals das Gleiche tun? Welche anderen Möglichkeiten habe ich? Weitere Themen sind die Sinnhaftigkeit, Wiedereinstieg oder Arbeitslosigkeit.

 

Wie soll man sich weiterbilden während der Arbeitslosigkeit, wenn man nicht so genau weiss, wie es weitergeht?

Eine Weiterbildung macht Sinn, wenn man sein Ziel kennt. Sie sollte immer gut mit dem – gegenwärtigen oder zukünftigen – Job verlinkt sein. Weiterbildung auf Vorrat bringt nichts. Wenn man offen ist für viele unterschiedliche Tätigkeiten, kann man diese Weiterbildungsbereitschaft bereits beim Vorstellungsgespräch signalisieren.

 

Ist es nicht ein Handicup, wenn man im Vorstellungsgespräch sagt, man wolle dann als Erstes mal eine Weiterbildung machen?

Das muss man abwägen. Grundsätzlich ist Lernbereitschaft in einem Bewerbungsverfahren sicher kein Nachteil.

 

Suchen auch Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger Ihre Beratung auf?

Das kommt auch vor. Der Übertritt von der Lehre in den Beruf verläuft nicht immer problemlos. Die Lehre wird von manchen Arbeitgebern nicht als Praxiserfahrung gewertet. Vielen Ausbildnern ist das bewusst und sie beschäftigen ihre Lernenden wenigstens noch während eines halben Jahres nach Lehrabschluss weiter.

 

Wenn Sie einen Wunsch an Arbeitgeber richten könnten: Was wäre das?

Ich wünschte mir mehr Offenheit bezüglich Alter und Ausbildung. Dass bei der Rekrutierung mehr auf den Menschen, auf seine Kompetenzen und Erfahrungen geschaut wird und weniger auf formale Abschlüsse. So ein Abschluss ist zwar praktisch als Kriterium für die Vorselektion, eine Garantie, dass es sich beim Inhaber eines solchen Papiers auch um den geeigneten Mitarbeiter handelt, ist es aber nicht.

Caroline Schultheiss

Caroline Schultheiss, 44, ist Laufbahn- und Karriereberaterin beim Kaufmännischen Verband Zürich. Zuvor war sie in verschiedenen HR-Funktionen in der Privatwirtschaft und als Berufs- und Laufbahnberaterin beim kantonalen BIZ tätig. Ursprünglich studierte sie an der Universität Zürich Anglistik und Betriebswirtschaft und machte eine Weiterbildung als Berufs-, Studien-, Laufbahnberaterin an der ZHAW.

Erstmals veréffentlicht: Januar 2018