«Betriebliches Gesundheitsmanagement zahlt sich aus»

Rolf Murbach, 25.04.2019

Ein betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) wird in Zeiten steigender Anforderungen immer wichtiger. Prävention kommt Arbeitnehmern wie Arbeitgebern zugute, sagt Dieter Studer.

kfmv-Blog: Sie beraten Firmen in betrieblichem Gesundheitsmanagement. Was beschäftigt die Unternehmen?

Dieter Studer: Firmen wenden sich an uns, weil sie ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) einführen wollen oder, falls schon bestehend, für ihre Mitarbeitenden in Sachen Gesundheit mehr tun wollen. Wir analysieren gemeinsam, welche Präventionsmassnahmen sinnvoll sind. Für Kader, HR und Mitarbeitende bieten wir Impulsreferate, Workshops und medizinische Angebote an. Themen sind etwa: gesunde Unternehmenskultur, Stress, Burn-out, Zeitmanagement, Resilienz, Ernährung, Bewegung und Gesundheits-Check.

 

Was motiviert die Betriebe?

Unternehmen haben erkannt, dass Gesundheitsprävention in einer anspruchsvollen Arbeitswelt mit hohen Belastungen an Bedeutung gewinnt. Ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement kommt dem Unternehmen und den Mitarbeitenden zugute. Langzeitabsenzen können verhindert und die Absenzenquote niedrig gehalten werden. Das Präventionsmanagement eines Betriebs trägt dazu bei, dass sich Mitarbeitende wohlfühlen und motiviert sind. Zudem steigt die Leistungsfähigkeit.

 

Was vermitteln Sie in den Workshops?

Oft geht einem Workshop ein Referat voraus. Beim Thema Resilienz zum Beispiel informieren wir zuerst einmal über das Phänomen. Im Workshop setzen sich die Teilnehmenden dann mit sich und ihrem Verhalten auseinander. Wie können sie auf Ressourcen zugreifen und die eigene Widerstandsfähigkeit stärken? Was ist beim Umgang mit Stress wichtig? Hindern mich Überzeugungen daran, einen gesunden Alltag zu leben? Welches sind alternative Verhaltensweisen? Und was sind Resilienzfaktoren? Bei der Gesundheitsprävention ist die Reflexion, das Sich-Hinterfragen, zentral.

 

Welche Themen beschäftigen besonders?

Stress und Burn-out. Untersuchungen haben unlängst gezeigt, dass sich jeder vierte Arbeitnehmer in der Schweiz gestresst fühlt. Die Absenzen aufgrund von psychischen Erkrankungen haben zugenommen. Insbesondere junge Menschen zeigen vermehrt Symptome einer Erschöpfungsdepression.

 

Woran liegt das?

Auf den ersten Blick mag dies überraschen. Das Leben ist in den letzten Jahrzehnten einerseits immer angenehmer geworden. Die Menschen haben im Vergleich zu früher mehr Geld und mehr Freizeit. Andererseits ist die Belastung gestiegen, der Zeitdruck hat zugenommen und viele sind überfordert. Zudem überschneiden sich Privat- und Berufsleben zusehends, so dass Regenerationsphasen vielfach zu kurz kommen. Stress ist aber nicht nur auf äussere Faktoren zurückzuführen. Auch innere Haltungen wie Perfektionismus oder unrealistische eigene Leistungserwartungen können zu Überforderung führen.

 

Weshalb sind junge Menschen besonders betroffen?

Der Leistungsdruck in Schule und Beruf ist enorm. Schülerinnen und Schüler werden schon in jungen Jahren stark gefördert, besuchen Kurse und absolvieren ein enormes Freizeitprogramm. Zudem streben sie einen möglichst guten Berufsabschluss an, weil sie sich bewusst sind, dass sie sich gegenüber harter Konkurrenz behaupten müssen. Kaum haben sie das Diplom in der Tasche, stehen Weiterbildungen an. Hinzu kommen die ständige Erreichbarkeit und oftmals ein übermässiger Medienkonsum. Die latente Überforderung oder die überzogenen Ansprüche münden häufig in eine depressive Erkrankung.

 

Was kann man dagegen tun?

Wichtig ist ein entspannender Ausgleich zum Berufsalltag beziehungsweise zur Ausbildung: Familie, Freunde, Hobbys. Hilfreich sind auch Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen. Hinzu kommt die erwähnte Selbstreflexion. Man sollte sein Verhalten regelmässig überdenken: Wie gesund ist mein Alltag? Eine gute Selbstwahrnehmung trägt wesentlich dazu bei, dass man nicht Gefahr läuft, sich auszubeuten. Das heisst aber nicht, dass Stress grundsätzlich vermieden werden soll. Es gibt ja auch den positiven Stress, der einen motiviert und der zu einem guten Selbstwertgefühl beiträgt – wenn man zum Beispiel unter Druck eine Aufgabe gemeistert hat. Und schliesslich sollten Menschen, die sich regelmässig überfordern, lernen, auch einmal Nein zu sagen.

 

Das ist für viele schwierig, weil sie ambitioniert oder unter Druck sind.

Manchmal ist der Druck selbstverschuldet. Man will zu viel, was sich dann auch in der Freizeit zeigt. Wir sprechen von «fear of missing», der Angst, etwas zu verpassen. Die sozialen Medien wirken sich hier fatal aus. Andauernd sieht man, was die anderen machen, vergleicht und findet: Es gibt noch etwas Besseres. Das geht so weit, dass man bestimmte Aktivitäten nicht mehr geniessen kann. Man freut sich zum Beispiel auf ein Konzert und sieht während des Anlasses, dass man gleichzeitig eine tolle Party verpasst.

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Die sozialen Medien erlauben nicht nur Vergleiche, sie sind für viele auch Ursache von Sucht.

8.5 Prozent der Jugendlichen legen ein Suchtverhalten an den Tag, was elektronische Medien anbelangt. Das zeigt sich unter anderem in Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Zudem reagieren sie mit Panik, wenn sie ihr Gerät nicht mehr haben. Die Sucht wird unterschätzt, weil die meisten von uns häufig am Handy sind und dies als normal angesehen wird.

 

Wie sollen Firmen damit umgehen?

Die Unternehmen haben verschiedene Ansätze. Bei Swica zum Beispiel dürfen die Lernenden während der Arbeit das Handy nicht benutzen. Es gehört in die Tasche oder in den Rucksack. In den Pausen können sie dann surfen, whatsappen oder gamen. Abgesehen von Regeln und Verboten – zeigt Swica den Jungen auf, weshalb die Benutzung des Handys während der Arbeit nicht erwünscht ist. Es ist offenbar nicht allen Jugendlichen bewusst, dass ein Unternehmen die Mitarbeitenden für ihren Job bezahlt und nicht für ihre Freizeitaktivitäten. Man muss es ihnen sagen. Dank diesen Vorgaben erfahren sie zudem, dass weniger Ablenkung zu mehr Produktivität und vor allem zu Zufriedenheit führt, wenn man sich auf eine Sache fokussiert. Die Lektion: Multitasking funktioniert nicht. Wichtig ist natürlich, dass sich auch erfahrene Mitarbeitende an die Regeln halten, denn sie sind Vorbilder.

 

Welche anderen Süchte sind in den Workshops und Beratungen ein Thema?

Alkohol ist ein Dauerbrenner in unserer Gesellschaft. Das hat auch damit zu tun, dass der Konsum legal ist und es nach wie vor zum guten Ton gehört, immer und überall zu trinken. Selbst an Sportveranstaltungen ist Alkoholkonsum normal. In gewissen Kreisen muss man sich gar rechtfertigen, wenn man keinen Alkohol trinkt. In meinen Kursen für Berufs- und Praxisbildner ist zudem der Konsum von Cannabis und Kokain ein Thema.

 

Was raten Sie den Berufs- und Praxisbildnern im Umgang mit Jugendlichen, die ein Suchtverhalten zeigen?

Sie sollten den Ursachen von Suchtverhalten auf den Grund gehen. Denn häufig haben Süchte mit Stress und Überlastung zu tun. Hier kann man als Berufs- und Praxisbildner beziehungsweise als Ausbildungsbetrieb bis zu einem gewissen Grad Einfluss nehmen, indem man Bedingungen schafft, in denen sich Jugendliche wohlfühlen. Eine offene Kommunikation und eine vertrauensvolle Beziehung gehören dazu. Grundsätzlich sind für mich drei Haltungen zentral, und zwar nicht nur bei Suchtfragen, sondern bei jeder Zusammenarbeit: Empathie, Wertschätzung und Echtheit. Wenn wir Jugendlichen – und natürlich auch Erwachsenen – mit einer solchen Haltung begegnen, ist vieles möglich. Dabei gilt: Fordern ja, überfordern nein.

 

Bedeutsam ist auch die Betriebskultur.

Man sollte Probleme ansprechen. Wir sehen das zum Beispiel im Absenzenmanagement. Wenn es einer Vorgesetzten gelingt, das Vertrauen des Mitarbeitenden zu gewinnen und – sofern der Absenz keine «einfache» Krankheit zugrunde liegt – zu erfahren, weshalb er nicht zur Arbeit kommt, ist das entlastend. Das Vertrauen verpflichtet aber auch. Der Arbeitgeber ist in der Pflicht, Mitarbeitende zu unterstützen und ihnen zum Beispiel für eine psychologische oder finanzielle Beratung eine Türe zu öffnen.

 

Wer trägt mehr Verantwortung für die Gesundheit: der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer?

Beide tragen Verantwortung. Der Arbeitgeber schafft für seine Mitarbeitenden idealerweise entsprechende Rahmenbedingungen und Gesundheitsangebote sowie eine gesundheitsfördernde Unternehmenskultur. Der Arbeitnehmer wiederum muss seine Befindlichkeit wahrnehmen, reflektieren und bewusst handeln, in Beruf und Freizeit. Schliesslich sollten Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine Fehlerkultur pflegen. Einer meiner Leitsätze lautet deshalb: Nur wer scheitert, wird gescheiter.

Dieter Studer

Dieter Studer (33) ist Fachspezialist Präventionsmanagement bei Swica. Der Psychologe hat, bevor er zur Gesundheitsorganisation stiess, bei der Stadtpolizei Zürich gearbeitet und später bei der Stadtpolizei Baden, unter anderem in den Bereichen Jugendkriminalität und Jugendprävention.