Gleichgewicht als Rezept gegen Stress

Therese Jäggi, 25.04.2019

Wer sich immer wieder fragt, ob seine Belastungen und Ressourcen ausgeglichen sind, kann viel zur Prävention von Stress beitragen, ist Brigitte Hiestand überzeugt.

Kürzlich suchte ein junger Mann* die Psychologische Beratung des Kaufmännischen Verbands auf, der sich noch ein Jahr zuvor niemals hätte vorstellen können, dass er derart in eine Krise geraten könnte – und das wegen eines Jobs. Burn-out – seiner Vorstellung nach betraf dieses Phänomen ältere Menschen, aber sicher nicht einen 24-Jährigen. Was ist passiert? Nach dem Uni-Abschluss und einem erfolgreich absolvierten Praktikum trat er seine erste feste Stelle in der Finanzabteilung eines grossen Unternehmens an. Beim Vorstellungsgespräch versprach man ihm, dass er sich in Ruhe und unter Anleitung einarbeiten könne. Schnell aber wurde klar, dass die Realität völlig anders war. Viel früher als abgemacht, musste er die Verantwortung für ein grosses Projekt übernehmen, für das ihm teilweise das Know-how fehlte. Von Anfang an erfuhr er von seinem Vorgesetzten weder Wertschätzung noch Unterstützung. Und er hatte es zu tun mit unklaren und widersprüchlichen Anweisungen. Er arbeitete sehr viel, oft auch abends und am Wochenende. Nach ein paar Monaten konnte er nicht mehr abschalten. Seine Gedanken kreisten ständig nur noch um die Arbeit und seine Leistungsfähigkeit, er litt unter Schlaflosigkeit, Versagensängsten und Konzentrationsstörungen. Nach zehn Monaten erhielt er die Kündigung.

«In der Beratung ging es zunächst einmal darum, das Erfahrene einzuordnen und dann aufgrund seiner Biografie und individueller Persönlichkeitseigenschaften zu reflektieren und zu analysieren», sagt die Psychologin Brigitte Hiestand. Mit etwas Distanz und viel Arbeit an sich sei ihr Klient zur Einsicht gelangt, dass die Verantwortung für diesen Fehlstart nicht allein bei ihm liegen konnte. Und – sollte er wieder einmal in einer ähnlichen Situation sein – werde er gewisse Warnsignale vermutlich früher wahrnehmen und rascher externe Unterstützung holen.

 

Stress als Herausforderung

Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von Stress reden? Laut dem Job- Stress-Index bezeichnet Stress ein Ungleichgewicht zwischen Belastungen, mit denen eine Person konfrontiert wird, und den verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten. Die neueste Erhebung von 2018 zeigt, dass der Anteil der Personen mit mehr Belastungen als Ressourcen gestiegen ist, von 25,4 % auf 27,1 %. Daneben gibt es aber auch die gute Nachricht, wonach der grösste Anteil der Schweizer Arbeitnehmenden ein ausgeglichenes Verhältnis von Ressourcen und Belastungen hat (46,4 %) oder sogar über mehr Ressourcen als Belastungen verfügt (26,5 %). Auch Brigitte Hiestand arbeitet oft mit dem Bild der Waage beziehungsweise den beiden Waagschalen, welche für Belastungen/ Anforderungen und Ressourcen stehen. Bei ihren Klienten und Klientinnen ist diese Waage häufig aus dem Gleichgewicht geraten und das meist bereits über eine längere Zeit. Nach einer Analyse der Situation geht es um die Frage, wie der Ressourcenteil wieder Auftrieb erhält. Im Prinzip kann das alles sein, was jemandem Freude bereitet. Familie, Freundschaften, Sport, Hobby, Natur. «Wenn jemand beruflich unter Druck gerät, macht er oft zugunsten von Mehrarbeit und Leistung immer zuerst bei denjenigen Aktivitäten Abstriche, die ihm eigentlich guttun würden», sagt Brigitte Hiestand. Dadurch kann die betroffene Person in eine Abwärtsspirale geraten, die nicht selten in einer ausgeprägten und andauernden Erschöpfung oder eben in einem Burn-out endet. In der Beratung versuche sie, gemeinsam mit dem Betroffenen nach Auswegen aus diesem negativen Trend zu suchen. Für viele ihrer Klienten liegt der Grund für als belastend empfundenen Stress am Arbeitsplatz jedoch nicht in der Überlastung durch Arbeit, sondern in zwischenmenschlichen Konflikten. Sie kommen mit dem Vorgesetzen nicht zugange oder verstehen sich nicht mit den Teamkollegen. Sie machen Fusionen oder Umstrukturierungen mit, Teams werden neu zusammengesetzt. Daraus resultieren oft unklare Prozesse und widersprüchliche Vorgaben. Häufig fühlen sie sich schikaniert, gemobbt oder schlicht nicht mehr erwünscht. Brigitte Hiestand erzählt von einer 60-jährigen Angestellten mit bis anhin gutem Leistungsnachweis, die nach einem Sabbatical an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte. Dort jedoch war nichts mehr wie zuvor. Alles, was sie machte, war nur noch falsch. Jedenfalls habe sie es so empfunden. Am Ende einer zermürbenden Phase erhielt sie die Kündigung.

 

Rechtzeitig reagieren

Ähnliche Tendenzen wie der Job-Stress-Index zeigt auch eine Analyse der Krankenversicherung Swica, welche die Krankheitsfälle zweier Schweizer Grossunternehmen analysiert hat. Sie hält fest, dass die psychischen Erkrankungen überproportional zunahmen. Innerhalb von fünf Jahren erhöhten sie sich um 35 %, während es bei den Krankheitsfällen insgesamt 20 % waren. «Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, die wir auch bei anderen Kunden feststellen», sagt Silvia Schnidrig, Leiterin Unternehmenskommunikation. Bei Swica sind 27 500 Unternehmen versichert, die zusammen 620 000 Mitarbeiter beschäftigen. Krankheitsausfälle werden unmittelbar im System erfasst. Chronische Stressbelastung kann zu unterschiedlichen körperlichen und psychischen Symptomen führen wie zum Beispiel emotionale Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Magen-/ Darmprobleme, Herz-/Kreislaufstörungen, Gereiztheit, depressive Stimmung oder negative Gedanken, die sich ständig im Kreis drehen. Das wissen eigentlich die meisten Menschen. Und trotzdem fällt es vielen schwer, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um etwas zu ändern. Oft warten sie viel zu lange, bis sie sich einem Aussenstehenden anvertrauen. Sie arrangieren sich in unmöglichen Verhältnissen und denken, sie müssten diese ertragen oder hoffen, dass es sicher irgendwann wieder besser werde. Während einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit oder beim Wiedereinstieg würde es laut Brigitte Hiestand viel bringen, wenn sich behandelnde Psychotherapeuten und Psychiaterinnen vermehrt mit dem Arbeitgeber ihrer Klienten austauschen würden, immer vorausgesetzt, der Klient oder die Klientin sei damit einverstanden. Dieser Kontakt fehle oft. Die Therapiestunde findet isoliert statt. Der Einbezug des Arbeitgebers wirke sich jedoch meist positiv auf die berufliche Situation und den Therapieverlauf aus.

 

Unterschiedliche Massnahmen

Was kann man für die Prävention tun? Brigitte Hiestand empfiehlt, die Waage mit den Belastungen und Ressourcen nicht aus den Augen zu verlieren und rasch zu reagieren, falls diese aus dem Gleichgewicht geraten sollte. Doch ein Teil der Verantwortung liege auch bei den Firmen beziehungsweise den Vorgesetzten. Achten sie darauf, ob ihre Mitarbeiter unter Zeitdruck stehen? Würde es ihnen auffallen, wenn jemand Anzeichen von Stress zeigt? Wie gehen sie selber mit Herausforderungen um? Auch bei Swica hält man viel von betrieblichem Gesundheitsmanagement. Am Anfang der Implementierung steht laut Silvia Schnidrig eine Messung, die einen detaillierten Überblick über das Stresslevel in einem Unternehmen gibt. Auf dieser Basis können dann Massnahmen definiert und umgesetzt werden. Swica bietet ihren Unternehmenskunden Unterstützung während dieses Prozesses durch ihre BGM-Fachspezialisten an. «Wenn ein Mitarbeiter wegen psychischen Problemen ausfällt, ist eine rasche Intervention zentral», betont Silvia Schnidrig. Je rascher der Betroffene Unterstützung erfahre, desto höher seien die Chancen, dass er wieder in den Berufsalltag integriert werden könne.

 

*Angaben zur Person leicht verändert

Brigitte Hiestand

Portrait Brigitte Hiestand

Brigitte Hiestand ist Psychologin beim Kaufmännischen Verband. Sie steht Mitgliedern für eine psychologische Kurzzeit- und Krisenberatung zur Verfügung. Mehr dazu erfahren Sie auf unserer Website.