«Die Grundlage für Stabilität ist der Dialog»

Therese Jäggi, 30.04.2019

Knapp zwanzig Jahre nach dem Generalstreik wurde der erste GAV ausgehandelt und damit die Sozialpartnerschaft begründet. Diese wird auch in Zukunft eine wichtige Funktion haben, ist Caroline Schubiger überzeugt.

kfmv-Blog: Gibt es eine Verbesserung im Rahmen einer GAV-Verhandlung, über die Sie sich in letzter Zeit besonders gefreut haben?

Caroline Schubiger: Ja, das Projekt Berufspasserelle 4.0 im GAV für die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, den wir im letzten Sommer für die nächsten fünf Jahre ausgehandelt haben. Die Idee ist: Mitarbeitenden in der MEM-Industrie, deren Beruf es mittel- oder langfristig in der heutigen Form nicht mehr geben wird, eine Möglichkeit zur Umschulung zu bieten. Es handelt sich dabei um eine strukturell bedingte Zweitausbildung für bereits qualifizierte Erwachsene. Im Detail muss da noch einiges  geregelt werden, aber die Idee ist gut und zukunftsweisend. Sie bietet den Mitarbeitenden etwas Handfestes und hält sie arbeitsmarktfähig.

 

Ganz generell: Worin unterscheidet sich ein Arbeitsverhältnis im Rahmen eines GAV von einem Einzelarbeitsverhältnis?

Beim GAV werden die Arbeitsbedingungen kollektiv für eine Gruppe ausgehandelt, während der Einzelarbeitsvertrag die Bedingungen individuell zwischen der  Arbeitgeberin und dem Arbeitnehmenden regelt. Bedingungen, die man für ein Kollektiv aushandelt, können schon mehr Gewicht haben und auch zu besseren Resultaten führen, denn ein solches Kollektiv kann sehr viele Mitarbeitende umfassen. Dem einzelnen Arbeitnehmer bietet ein GAV transparente und faire Anstellungsbedingungen, Rechtssicherheit, Chancengleichheit und Mitwirkungsmöglichkeiten. Anderseits sorgt ein GAV für soziale Stabilität und massgeschneiderte Firmen- und Branchenlösungen. Ein GAV bietet damit auch Vorteile für Arbeitgeber.

Was ist ein GAV?

Die Sozialpartner – Unternehmen oder Arbeitgeberverbände einerseits, und Arbeitnehmerverbände und Gewerkschaften anderseits – handeln Gesamtarbeitsverträge (GAV) aus. Ein GAV regelt die Arbeitsbedingungen für eine Branche oder ein Unternehmen für die ganze Schweiz oder für eine Region. Mit einem GAV können für die Arbeitnehmenden im Vergleich zu den gesetzlichen Vorschriften bessere Anstellungsbedingungen vereinbart werden.

Welches sind die häufigsten Themen und Anliegen während GAV-Verhandlungen?

Oft geht es um Löhne, Arbeitszeit, Flexibilisierung, Ferien sowie Aus- und Weiterbildung. Ein neueres Thema sind neue Arbeitsformen wie zum Beispiel Franchising oder Gig-Worker. Dabei übernehmen Mitarbeitende einen beträchtlichen Teil des unternehmerischen Risikos. Solche Arbeitsformen gibt es immer mehr. Hier ist es unser Ziel, die Mitarbeitenden insbesondere bezüglich Lohn und Gesundheit zu schützen. Was auch zunimmt: Arbeitgeber wollen ihre Mitarbeitenden ganz gezielt nur dann einsetzen, wenn viel Arbeit anfällt. Oft stehen diese Flexibilitätsansprüche der Arbeitgeber jedoch im Gegensatz zu den Bedürfnissen der Mitarbeitenden. Ganz generell geht es in der Sozialpartnerschaft darum, die Ansprüche eines Unternehmens mit denjenigen der Mitarbeiter unter einen Hut zu bringen.

 

Im OR ist die Rede von der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Wie sieht es damit aus?

Das hängt stark von der Unternehmenskultur ab. Es gibt viele Unternehmen, die diesbezüglich vorbildlich sind. Bei anderen ist es mit der sozialen Verantwortung nicht weit her. Es hat sich schon einiges geändert in der Arbeitswelt. Früher hat man sich gegenseitig für ein langjähriges Arbeitsverhältnis verpflichtet. Mitarbeitende wurden weniger schnell auf die Strasse gestellt, wenn es wirtschaftlich schwieriger wurde. Heute sind viele Unternehmen stark umsatzgetrieben und planen nur noch kurzfristig. Teilweise mag dies damit zusammenhängen, dass der Kostendruck zugenommen hat. Fragwürdig ist für uns insbesondere, wenn Unternehmen – wie beispielsweise kürzlich Novartis – Leute trotz Riesengewinn entlassen. Hier wünschen wir uns mehr soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden und dem Standort, wo man etwas aufgebaut hat.

 

Wie steht es um die Bereitschaft der Unternehmen, ihre Mitarbeitenden weiterzubilden?

Auch da würden wir uns oft etwas mehr Verbindlichkeit wünschen. Wir hören von manchen Arbeitgebern ein Bekenntnis zu Weiterbildung, doch zu etwas Konkretem verpflichten wollen sie sich dann doch nicht. Uns ist klar, dass beide Seiten – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – in der Verantwortung sind. Eine Regel wie zum Beispiel «Jeder hat Anspruch auf fünf Tage Weiterbildung» ist nicht ideal. Vielmehr ginge es darum, sich zu fragen, welche Fähigkeiten in Zukunft im  Unternehmen gebraucht werden und die Leute entsprechend zu schulen.

 

Bei manchen Verhandlungen sitzen Sie mit Vertretern von Gewerkschaften am Tisch. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Der Kaufmännische Verband wie auch andere Angestelltenverbände vertreten typischerweise nicht die gleiche Klientel wie klassische Gewerkschaften. An den Verhandlungen diskutieren wir so lange, bis wir einen Konsens gefunden haben, denn wir haben ein gemeinsames Ziel: etwas Positives für die Arbeitnehmenden zu bewirken. Das ist das Grundsätzliche. Unterschiedlich ist manchmal nur die Herangehensweise.

Welche Bedeutung haben für Sie die Personalkommissionen?

Die PEKOs sind für uns ein wichtiger Partner. Sie nehmen als interner Sozialpartner eine zentrale Funktion als Bindeglied zwischen Mitarbeitenden und uns als externen Sozialpartner wahr. Deshalb sind wir am Austausch mit den Personalkommissionen sehr interessiert. Dadurch erhalten wir wertvolle Informationen und können diese in unser Vorgehen und unsere Forderungen einfliessen lassen. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, Mitglieder von PEKOs in ihrer Rolle zu unterstützen.

 

Gibt es weitere Möglichkeiten, um die Bedürfnisse der einem GAV unterstellten Mitarbeitenden in Erfahrung zu bringen?

Ja, da gibt es einige. Zum Beispiel mit Filialbesuchen, was wir hauptsächlich im Detailhandel machen. Wir melden uns in der Regel an und können dann mit denjenigen Mitarbeitenden reden, die sich für ein Gespräch interessieren. Aufschlussreich sind für uns auch Mitgliederversammlungen. Ausserdem können wir uns auch in Mitarbeiterzeitschriften vorstellen oder führen schriftliche Umfragen durch.

Die GAV des Kaufmännischen Verbandes

Der kfmv ist Sozialpartner in folgenden Branchen:

Weitere Informationen zu den Gesamtarbeitsverträgen des kfmv finden Sie hier.

Welche Funktion hat die Sozialpartnerschaft für die Stabilität in der Schweiz?

Die Grundlage für Stabilität ist der Dialog. Im Rahmen der Sozialpartnerschaft setzen sich Vertreter unterschiedlicher Interessen an einen Tisch. Diese Errungenschaft gilt es zu verteidigen. Die Sozialpartnerschaft balanciert die Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus, schafft gegenseitiges Vertrauen und trägt damit wesentlich zur wirtschaftlichen und politischen Stabilität der Schweiz bei.

 

Haben Mitarbeitende, welche einem GAV unterstellt sind, Anspruch auf individuelle Beratung?

Ja, sofern es um Fragen zur Interpretation oder Auslegung einzelner Aspekte in den GAV oder um kollektive Themen geht. Sobald es jedoch individuelle, arbeitsrechtliche Konflikte betrifft, ist eine Mitgliedschaft beim Verband Voraussetzung und auch sinnvoll.

 

Die Sozialpartnerschaft in der Schweiz gibt es jetzt seit gut 80 Jahren. Welche Zukunft hat sie?

Entwicklungen wie die Globalisierung und die Digitalisierung führen zu Unsicherheit bei den Arbeitnehmenden. Ich bin überzeugt, dass die Sozialpartnerschaft gerade im Zusammenhang mit diesen fundamentalen Veränderungen und neuen Herausforderungen in der Arbeitswelt auch in Zukunft eine wichtige Funktion haben wird. Aber sie muss auf die neuen Entwicklungen reagieren und sich weiterentwickeln.

 

 

Erstmals veröffentlicht: 18.10.2018