Wenn es mit der Lehre nicht klappt

Michael Kraft, 03.05.2019

Jeder vierte bis fünfte Lehrvertrag in der Schweiz wird frühzeitig aufgelöst. Bei einer solch beträchtlichen Zahl lohnt es sich, genauer hinzuschauen, denn eine Auflösung bedeutet nicht automatisch auch einen Abbruch der Ausbildung. Manchmal kann dieser Umstand einen notwendigen Neustart einleiten.

Zwei Drittel der Jugendlichen schliessen nach der obligatorischen Schulzeit einen Lehrvertrag ab, wovon jedoch knapp ein Viertel frühzeitig aufgelöst wird. Auf dieses Ergebnis kommt eine kürzliche veröffentlichte Studie des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB). Gemäss ähnlichen Untersuchungen dürfte die Quote für die dreijährige KV-Lehre hier zwar deutlich unter diesem Durchschnitt liegen – trotzdem drängt sich die Frage nach dem Warum auf. Weshalb werden so viele Lehren vorzeitig beendet? Das EHB ging dieser Beobachtung auf den Grund und klärt in einer kürzlich veröffentlichten Studie über Ursachen und Folgen auf.

 

Schlechte Schulleistungen als häufige Ursache

Die Gründe für die Auflösungen sind laut der EHB-Studie sehr vielfältig. Lernende setzen ihre Berufsbildung oft nicht fort, weil sie schlechte Leistungen in der Berufsfachschule erbringen, sie zu wenig Motivation für die Ausbildung mitbringen oder über mangelndes Wissen über den Beruf oder den Lehrbetrieb verfügen. Gerade der letzte Punkt zeigt, wie wichtig es ist, sich vor dem Entscheid für eine Lehrstelle vertieft zu informieren – auf der anderen Seite aber auch die Transparenz der Arbeitgeber gefragt ist. Sie sollen dem Bewerber nicht nur die Vor-, sondern eben auch die Nachteile des Berufs aufzeigen. Weiter klagt ein Teil der Studienteilnehmenden über schlechte Arbeits- oder Ausbildungsbedingungen – viele Überstunden, fehlende Strukturen, soziale interne Konflikte etc. – welche oft ebenfalls zu Auflösungen führen. Ein Teil der Vertragsauflösungen kam jedoch dadurch zustande, dass der Lehrbetrieb während der Ausbildungszeit Konkurs anmeldete oder interne Umstrukturierungen stattgefunden haben und die Lernenden deshalb ihre Lehrstelle verloren.

 

Deutlich wird in der Studie auch, dass es in Lehrbetrieben, denen die Nachwuchsförderung wichtig ist und die in eine hohe Ausbildungsqualität investieren, zu weniger Lehrvertragsauflösungen kommt. Zudem wirken sich Lehrbetriebsverbunde und Rotationssysteme in grösseren Betrieben, bei denen die Lernenden abwechselnd in verschiedenen Abteilungen Erfahrung sammeln können, sehr positiv auf die Lernenden aus.

 

Chance auf einen Neustart?

Etwa drei Viertel der Jugendlichen, die eine Lehrvertragsauflösung erleben, finden innerhalb von drei Jahren den Wiedereinstieg in eine neue Lehre. Oft gelingt dies sogar innerhalb der ersten zwei bis drei Monate, was eine nahtlose Fortführung der Ausbildung möglich macht. Je länger die berufliche Übergangsphase jedoch andauert, desto geringer ist die Chance, dass die Jugendlichen eine passende Anschlusslösung für sich finden. Dies zeigt, wie wichtig sowohl präventive Massnahmen für Lehrvertragsauflösungen als auch unterstützende Folgeangebote für Betroffene sind. Denn auch wenn eine Vertragsauflösung einen schweren Einschnitt darstellt – sie kann auch einen langfristig sinnvollen Neustart einleiten.

Hast du Probleme in der Lehre? Dann könnten dir diese fünf Tipps weiterhelfen:

  1. Frage dich selbst, wo genau du das Problem siehst. Notiere dir dann die Punkte, die dich am meisten beschäftigen auf einer Liste.
  2. Von aussen gesehen sieht dein Problem vielleicht ganz anders aus, als du dieses wahrnimmst. Sprich das Thema deshalb bei deinen Freundinnen und Freunden, deinen Geschwistern oder Eltern an und höre, was sie dazu sagen.
  3. Wenn du dir noch immer nicht sicher bist, wie du in deiner gegenwärtigen Situation handeln sollst, dann suche eine professionelle Beratungsstelle auf, die dir weiterhelfen kann – wie zum Beispiel jene des Kaufmännischen Verbandes.
  4. Wenn du dir jetzt noch immer sicher bist, dass du den Lehrvertrag auflösen möchtest, dann versuche dies erst dann zu tun, wenn du einen neuen unterschrieben hast – das erspart dir viel Stress durch Ungewissheit.
  5. Fall du die neue Lehre erst nach einer bestimmten Zeit antreten kannst, dann musst du bis zu drei Monaten weiterhin die Berufsfachschule besuchen. So kannst du deine Ausbildung ohne Unterbruch fortführen.

Erstmals veröffentlicht: 28.10.2016

Steckst du in einer schwierigen Situation in der Lehre? Wir helfen weiter und beraten dich als unser Mitglied in einem persönlichen Gespräch.