Das CYP macht Banker fit für die Jobs von morgen

Rolf Murbach, 23.05.2019

Bei CYP, dem Ausbildungszentrum der Banken, absolvieren Banklernende die überbetrieblichen Kurse. Der Unterricht ist stark digitalisiert. Selbstgesteuertes, problemorientiertes und kooperatives Lernen zeichnet ihn aus.

Drei grosse Schulungsräume von CYP (Challenge Your Potential) im Puls 5 in Zürich West, die Glastüren beschriftet mit «Zaster», «Zunder» und «Zwirn». Das sind keine klassischen Schulzimmer, vielmehr Lernlandschaften mit Stühlen, Tischen und Flipcharts. Rund fünfzig Lernende sind in einem der Räume anwesend. Ihr Thema ist die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank. Die angehenden Bankprofis haben sich vorbereitet. Im Workshop setzen sie sich nun mit den Inhalten vertieft auseinander.

Was auffällt: Der Input des Dozenten ist kurz. Man spricht vom Flipped Classroom, dem «umgedrehten» Unterricht. Die Wissensvermittlung findet zu einem grossen Teil im Selbststudium statt. Im Kurs geht es dann um Austausch, Übungen und Cases. Kooperation ersetzt den Frontalunterricht. Die Lernenden formieren sich in Gruppen an den Tischen und besprechen das Fallbeispiel.  CYP nennt es «connected learning»: das selbstgesteuerte, problemorientierte und kooperative Lernen.

Bei CYP, dem Ausbildungszentrum der Schweizer Banken, absolvieren die jungen Erwachsenen die überbetrieblichen Kurse und stärken Sozial- und Selbstkompetenzen.  «Wir bereiten die Lernenden auf eine Berufswelt vor, die immer höhere Anforderungen stellt und sich in einem unablässigen Wandel befindet», sagt CEO Thomas Fahrni. «Die Berufe verändern sich, und die Digitalisierung durchdringt sämtliche Geschäftsfelder. Entsprechend gestalten wir unseren Unterricht.»

 

Kein Papier, keine Stifte

Agilität, Flexibilität, Kooperation und digitale Kompetenzen sind die Stichworte.  CYP macht die jungen Leute für die Arbeitswelt 4.0 fit. Das Ausbildungszentrum setzt seit seiner Gründung auf Digitalisierung. Alle Lernenden arbeiten mit einem Tablet und haben jederzeit und von überall her Zugang zu Informationen, Übungen, Fallbeispielen und Videos. «Wir brauchen kein Papier und keinen Stift», sagt eine Lernende, die bei einer Privatbank die Lehre macht. «Am Anfang war das anspruchsvoll und gewöhnungsbedürftig. Unterdessen möchte ich es nicht mehr missen. Keine schweren Bücher schleppen, alles immer dabei und bei Gruppenarbeiten Austausch über die Plattform. Das ist praktisch.»

«Wir sind komplett digital unterwegs», sagt Simon Stadler, Head of Smart Education und Stellvertreter von Thomas Fahrni. CYP setzt aber nicht nur auf das Digitale, denn dies würde einen Teil der Anforderungen der Arbeitswelt verkennen. «Unterrichtsinhalte werden anhand von Cases erarbeitet und vertieft. Diese sprechen Emotionen an und sollen das Lernen erleichtern.» Fachleute arbeiten zunehmend in wechselnden Teams zusammen und müssen häufig eigenständig Entscheide fällen, weil die Spezialisierung sehr hoch ist und Hierarchien generell an Bedeutung verlieren. Gefragt sind deshalb Sozialkompetenz, Reflexionsvermögen und Eigenverantwortung. «Fachkompetenz hat nach wie vor einen hohen Stellenwert, aber zunehmend wichtiger sind die Schlüsselqualifikationen Selbststeuerung, Kommunikation und Teamwork», so der Ausbildungsexperte.

Schlüsselqualifikation Kommunikation

Das Gespräch, die Interaktion haben denn auch im Unterricht grosse Bedeutung, das zeigt sich im Lernsetting. Mehrere Coaches, Experten und Trainer unterstützen die Lernenden im Klassenraum, beraten sie, besprechen mit ihnen die Fälle. «Kommunikation kann man nur in realen Begegnungen einüben.» Und damit der Praxisbezug gewährleistet ist, bringen die Coaches und Trainer viel Berufserfahrung und Bankfachwissen mit. Zudem haben sie einen pädagogischen Hintergrund. Simon Stadler zum Beispiel arbeitete lange als Lehrer an einer Primarschule. Dann wechselte er ins Bankfach, arbeitete mehrere Jahre in einem Geldinstitut, bevor er zu CYP stiess.

Auch Thomas Fahrni hebt die Bedeutung von Kommunikationskompetenzen hervor. Er hat eine Laufbahn in der Informatikbranche hinter sich; die Digitalisierung hat ihn in seinem ganzen Berufsleben begleitet. Selbstverständlich ist er ein Befürworter des digitalisierten Unterrichts, sonst wäre er nicht bei CYP. Aber er beobachtet die Entwicklung auch kritisch. «Seit Jahren befinden wir uns in einem Spannungsfeld zwischen digitalisiertem und traditionellem Unterrichten. Es gibt Hypes, es gibt aber auch Ernüchterungen», sagt er. «Wir nutzen digitale Tools und Komponenten, wo sie sinnvoll sind. Erfolgreiches Unterrichten lebt aber nach wie vor von der realen Begegnung zwischen Lehrperson und Lernenden. Entscheidend ist die Beziehung, der Mensch muss im Zentrum stehen.»

Digitalisierung und Kommunikation. Man könnte meinen: kein Problem für junge Menschen, denn sie gehören zu den Digital Natives, surfen, spielen und chatten. Das stimme so nicht ganz, sagt Thomas Fahrni. Die jungen Menschen seien zwar Meister im Konsumieren, sobald es aber um anspruchsvolle ICT und Medienkompetenzen gehe, müssten sie sich noch vieles aneignen. In Zukunft ist die Fähigkeit, eine Information zu deuten und zu verifizieren enorm wichtig, insbesondere wenn man bedenkt, dass wir vermehrt mit digitaler Intelligenz konfrontiert und mit Robotern zusammenarbeiten werden. Für Thomas Fahrni eine weitere Schlüsselqualifikation für Erfolg in der Arbeitswelt. Wie beurteilt man Informationen aus dem Netz? Ist eine Quelle glaubwürdig? Welche Bedeutung hat ein Informant oder eine Institution? «Medienkompetenz ist eminent wichtig – auch weil man sich Fachwissen zunehmend eigenständig im Web besorgt.»

An einem der Tische unterhalten sich angeregt drei Lernende. Sie diskutieren zwei widersprüchliche Zeitungsberichte zur Politik der Schweizerischen Nationalbank. Offenbar sind sie sich nicht einig. Ein Coach gesellt sich zu ihnen. Eine Lösung wird er ihnen nicht präsentieren, aber ihnen helfen, das Gelesene einzuordnen.

Das CYP im Überblick

CYP wurde 2003 von den grössten Schweizer Banken gegründet. Jedes Jahr absolvieren rund 3000 Banklernende die obligatorischen überbetrieblichen Kurse in einem der 12 Zentren. Das entspricht rund 90 Prozent aller Nachwuchsbanker. Jeder Lernende absolviert innerhalb der drei Lehrjahre 30 Module. Ein Modul besteht aus der eigenständigen Vorbereitung mit einem Test. Der Präsenzkurs baut darauf auf. Sowohl in der Vorbereitung wie auch im Präsenzkurs wird mit praxisnahen Cases gearbeitet. Nach dem Präsenzkurs folgt eine Nachbereitung, ebenfalls in Eigenregie. Am Ende gibt es einen Abschlusstest.

Daneben bietet CYP auch Kurse an für jährlich 600 Maturanden, die ins Bankfach einsteigen wollen, sowie diverse Weiterbildungen für digitales Lernen und Lehren für Berufsschullehrer, Praxisausbilder und weitere Interessierte. Der Zertifikatslehrgang Skills 4.0 richtet sich an Personen, die sich auf eine berufliche Veränderung vorbereiten möchten.

 

Das CYP Bildungskonzept

  • Digital: Digitale Medien spielen eine wichtige Rolle. Webbasiertes Lernen (oder eLearning) erlaubt ein ort- und zeitunabhängiges Lernen und ein individuelles Lerntempo. Präsenz- und Selbststudium haben nach wie vor einen hohen Stellenwert. Man spricht von Blended Learning.
  • Kooperativ: Die Kommunikation im Unterricht ist wichtig. Lernen von und miteinander. Interaktive und strukturierte Lernformen wie zum Beispiel dialogisches Lernen kommen zum Zug. Die Reflexion ist zentral.
  • Praxisnah: Der Unterricht hat einen hohen Bezug zum beruflichen Alltag der Lernenden. Persönliche Erfahrungen, die Verknüpfung zu aktuellen Problemen aus der Praxis zeichnen das Lernen aus. Der Unterricht ist lösungs- und handlungsorientiert. Die Trainer und Coaches bringen Erfahrungen aus der Bankbranche mit.
  • Selbstgesteuert: Die Auszubildenden übernehmen Verantwortung über den eigenen Lernprozess. Sie erarbeiten und überprüfen Ziele. Reflexion und Selbstwirksamkeit sind bedeutsam.