«Weiterbildung ist unerlässlich»

Therese Jäggi & Rolf Murbach, 04.07.2019

Der Kaufmännische Verband ist mit dem neuen Regionenmodell und seinen Dienstleistungen gut aufgestellt. Aber er muss sich noch mehr auf die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0 ausrichten, sagt der wieder gewählte Präsident Daniel Jositsch.

kfmv-Blog: Sie sind an der Delegiertenversammlung am 15. Juni für eine weitere Amtsperiode als Präsident des Kaufmännischen Verbands gewählt worden. Was waren für Sie in den letzten vier Jahre wichtige Ereignisse?

Daniel Jositsch: Mit der Regionalisierung haben wir den ersten Teil der Strukturreform abgeschlossen. Die zum Teil kleinen Sektionen sind nun in grösseren Regionen zusammengeschlossen. Dies soll uns ermöglichen, für alle Mitglieder die gleichen Dienstleistungen auf gleichem Niveau zu erbringen. Daran arbeiten wir im Moment. Wichtig für uns war auch die Gründung der plattform, die auf Initiative des Kaufmännischen Verbands entstanden ist. Sie vereinigt die unabhängigen Angestelltenverbände, die dadurch in politischen Prozessen und der Meinungsbildung eine gewichtigere Stimme haben. Zu erwähnen sind auch unsere Tochtergesellschaften, die alle sehr erfolgreich unterwegs sind. Schliesslich waren und sind wir mit den Auswirkungen der Digitalisierung konfrontiert. Sie wirkt sich auf die kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Berufsbilder und unsere Arbeit aus – zum Beispiel in der Sozialpartnerschaft oder der Beratung.

 

Hat sich das neue Regionenmodell bewährt und ist es zukunftsfähig?

Ja. Es wird künftig möglich sein, für alle Mitglieder gleiche Dienstleistungen anzubieten. Unter den aktuellen Umständen und der Berücksichtigung der Verbandsgeschichte ist es ein gutes Modell.

 

Sie sind in Kontakt mit Mitgliedern, erhalten Anfragen. Was beschäftigt die Menschen?

Ich bekomme häufig Mails von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern über 50, die ihre Stelle verloren haben. Sie haben sich weitergebildet und unzählige Bewerbungen geschrieben und bekommen doch keinen Job. Das ist ein Problem.

 

Was kann der Verband tun?

Wir versuchen diese Menschen in Beratungen zu unterstützen und bieten mit unseren Schulen Weiterbildungen an. Aber es gibt auch eine politische Komponente. Da sind wir leider noch nicht so weit, wie wir es uns wünschten.

 

Das heisst?

Ältere Arbeitnehmende sind zu teuer, vor allem wegen der hohenSozialversicherungsbeiträge. Das müsste sich ändern. Zudem fehlt in gewissen Branchen und Unternehmen die Bereitschaft, ältere Arbeitnehmende einzustellen. Firmen entlassen Angestellte nicht, weil sie über 50 sind. Aber wenn sie ihre Stelle verlieren, dann ist es für sie häufig schwierig, wieder einen Job zu finden. Sie sind deutlich länger arbeitslos als junge Bewerberinnen und Bewerber.

 

Bei den Sozialversicherungen haben wir aber ein Finanzierungsproblem. Was halten Sie von der Erhöhung des Rentenalters?

Eine generelle Erhöhung des Rentenalters halte ich für falsch. Viele Menschen können aus gesundheitlichen Gründen nicht bis 65 arbeiten – gerade in körperlich anstrengenden Berufen. Eine Erhöhung des Rentenalters würde viele in die Arbeitslosigkeit drängen. Ich erachte eine flexible Pensionierung für sinnvoll. Wer gerne länger arbeiten möchte, soll dies tun können. Auf diese Weise begegnen wir auch dem Fachkräftemangel.

 

Rentenalter 65 für Frauen?

Der Verband sagt ja zum Rentenalter 65 für Frauen. Das löst das Finanzierungsproblem der AVH aber noch nicht. Es braucht eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 1 Prozent. Beschäftigen wird uns auch die Finanzierung der 2. Säule.

 

Hat der Verband Einfluss auf die Haltung und Anstellungspraxis der Unternehmen?

Wir thematisieren die Problematik regelmässig und versuchen, bei den Firmen ein Umdenken herbeizuführen. Auch beim Aushandeln der Gesamtarbeitsverträge mit unseren Sozialpartnern geht es oft um die Situation von erfahrenen Berufsleuten. Aber es ist schwierig. Jüngere Arbeitnehmende kosten die Unternehmen weniger, zudem sind sie tendenziell einfacher zu führen, was Älteren zum Nachteil gereicht. Ein weiterer wichtiger Punkt wäre: Unternehmen sollten Arbeitnehmer ermutigen, sich weiterzubilden und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Auch wenn es abgedroschen klingen mag: In der lebenslangen Weiterbildung liegt der Schlüssel für die Arbeitsmarktfähigkeit, da sich die Arbeitswelt so schnell wie noch nie verändert. Was ich häufig beobachte: Arbeitnehmer steigen topausgebildet in einen Beruf ein, versäumen es dann aber über Jahre, sich weiterzubilden, weil sie Familie haben oder andere Prioritäten setzen. Sie bringen zwar eine hervorragende Berufserfahrung mit, sind aber, zum Beispiel in technologischen Belangen, nicht up-to-date. Nochmals: Weiterbildung ist zentral. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind hier gleichermassen in der Pflicht.

 

Der Kaufmännische Verband engagiert sich nicht nur in der Weiterbildung. Bei den anstehenden Reformen der kaufmännischen Grundbildung, die zum Teil in der Kritik steht, redet er mit. In welche Richtung sollte sich die Lehre weiterentwickeln?

Ich empfinde die Kritik teilweise als zu alarmistisch. Natürlich muss sich die Grundbildung weiterentwickeln, denn sie befindet sich im Epizentrum der Digitalisierung und muss mit den Veränderungen Schritt halten und sich anpassen. Die kaufmännische Lehre ist aber keine vollständige Berufsausbildung, sondern das Fundament für Weiterbildung. Insofern bereitet die Grundbildung nach wie vor bestens auf vielfältige und erfolgreiche Laufbahnen vor. Im Übrigen sind solche Veränderungen nichts Neues, die Digitalisierung begleitet uns seit Jahren. Berufsleute meines Jahrgangs haben einen Grossteil ihrer Zeit am Bankschalter verbracht. Seit es Bankomaten gibt, sind diese Angestellten unter anderem in der Beratung tätig. Die Veränderungen der Berufsbilder hat damals zudem nicht zu weniger, sondern zu mehr Jobs geführt.

 

Sie haben die nächsten vier Jahre als Präsident vor sich. In welche Richtung soll sich der Verband weiterentwickeln?

Die Mitglieder haben sich verändert. Sie sind nicht mehr wie früher aus Solidarität und lebenslang Mitglied, sondern entscheiden von Jahr zu Jahr, was ihnen wichtig ist. Wir als Verband müssen darauf reagieren. Neben dem angesprochenen einheitlichen und qualitativ hoch stehendes Dienstleistungsangebot müssen wir uns noch stärker auf die neue Arbeitswelt einstellen und entsprechende Dienstleistungen anbieten.

 

New Work. Das bedeutet?

New Work bedeutet, dass Menschen häufiger ihre Stelle wechseln, Hierarchien verflachen, flexible Arbeitsmodelle an Bedeutung gewinnen, Arbeitskräfte in wechselnden Teams mehr Verantwortung tragen und Crowdworking, die Gig-Ökonomie, zunimmt. Immer mehr Fachkräfte arbeiten neben ihrer festen Stelle teilselbstständig oder haben mehrere Arbeitgeber. Das hat Auswirkungen auf den Arbeitsalltag und die Sozialversicherungen. Für diese sogenannten Crowdworker könnte der Kaufmännische Verband eine Heimat sein. Sie haben andere Fragen und Bedürfnisse als herkömmliche Arbeitnehmer. Wir überlegen uns zum Beispiel, ob man für sie eine eigene Ausgleichskasse schaffen soll. Und wir sind mit Betreibern von Plattformen in Kontakt, etwa mit Uber oder Gigme, um die neuen Arbeitnehmer und Freelancer gezielter unterstützen zu können. Schliesslich wollen wir unser Weiterbildungsgeschäft stärken und ausbauen.

 

HWZ und SIB sind die Schulen des Verbands.

Unsere Schulen, die HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich und das SIB Schweizerische Institut für Betriebsökonomie, sind als selbstständige Unternehmen erfolgreich am Markt. Überhaupt hat mich die Entwicklung unserer Tochtergesellschaften sehr gefreut. Neben den Schulen sind auch Immobiliengesellschaft, Verlag SKV, Examen.ch und die SIZ AG, wirtschaftlich gut unterwegs. Ohne die Beiträge der Tochtergesellschaften könnten wir das Niveau der Dienstleistungen nicht halten.

 

Junge Leute sind gegenüber einer Verbandsmitgliedschaft eher skeptisch; sie brauchen das nicht, sondern möchten einfach bestimmte Dienstleistungen beanspruchen, wenn sie sie benötigen. Wie wollen Sie die Jugendlichen erreichen?

Wir hatten in den letzten Jahren sinkende oder stagnierende Mitgliederzahlen. Unser Ziel bleibt, hier eine Umkehr zu bewirken. Vielleicht müssen wir über neue Formen der Mitgliedschaft nachdenken und attraktive Angebote speziell für Jugendliche entwickeln. Unser Jugendmarketing arbeitet daran. Man sollte die Jugendlichen auf jeden Fall möglichst früh für den Verband gewinnen und das Angebot entsprechend gestalten. Seit zwei Jahren gibt es in der Schweiz mehr Mitglieder in Fitnessstudios als in Sportvereinen. Das zeigt, wie sich Bedürfnisse von Menschen verändern. Nicht mehr die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist wichtig, sondern ein möglichst flexibles Angebot.

 

Der Kaufmännische Verband als Fitnessstudio?

Wir müssen uns fragen, was diese neuen Bedürfnisse der Menschen für uns bedeuten. Die Antwortet lautet: Unsere Dienstleistungen müssen flexibilisiert werden. Nicht einfach nur Mitgliedschaft, sondern unterschiedliche, zielgruppenspezifische Angebote, Packages zum Beispiel oder Beratungsmodule, die man in Anspruch nehmen kann. Das wäre natürlich ein Paradigmenwechsel. Auf jeden Fall sind die Leute bereit zu zahlen, wenn das Angebot stimmt. Fitnessstudios sind relativ teuer.

 

Wir möchten das Thema wechseln und noch auf Europa zu sprechen kommen. Die Konsultation zum Rahmenabkommen ist zu Ende. Nun hat sich der Bundesrat geäussert. Er will sich mehr Zeit nehmen um einzelne Punkte zu präzisieren. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen?

Das vollständige Interview mit Daniel Jostisch lesen Sie im Caktuellen ontext #3/2019 . Lesen können Sie das kfmv-Mitgliedermagazin auch online.

Daniel Jositsch

Daniel Jositsch ist Strafrechtsprofessor, Zürcher Ständerat und Präsident des Kaufmännischen Verbands Schweiz.