Expertin für Digitale Ethik

Therese Jäggi, 19.07.2019

Darf man in der Praxis alles anwenden, was theoretisch möglich ist? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich Cornelia Diethelm. Sie berät Firmen in ethischen Belangen rund um die Digitalisierung.

Sie steht mit ihrer Firma noch ganz am Anfang. Noch kein Jahr ist es her, dass Cornelia Diethelm ihre Shifting Society AG gegründet hat, doch kann sie bereits heute mit Sicherheit sagen, dass es für ihr Angebot einen Bedarf gibt. In den letzten Jahren hat sie sich ein umfangreiches Wissen zum Thema Digitale Ethik angeeignet. Und dieses stellt sie auf vielfältige Art und Weise zur Verfügung.

Zu ihren Kunden gehören beispielsweise Firmen, welche sich von ihr ein Referat zum Thema wünschen. Sie möchten wissen, was Digitale Ethik überhaupt ist, und welcher Aspekt für ihre Firma relevant sein könnte. Sie nimmt an Podiumsdiskussionen teil, organisiert Workshops, verfasst Fachartikel und leitet an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich das CAS «Digital Ethics» sowie ein Seminar zu demselben Thema.

Wovon genau reden wir? Aufgrund der Digitalisierung verändert sich vieles in der Arbeitswelt. Die neuen Technologien führen zu bisher ungeahnten Möglichkeiten. Dabei geht es um die grundsätzliche Frage: Darf oder soll man in der Praxis alles anwenden, was theoretisch machbar ist? An diesem Punkt sind die Unternehmen gefordert. Sie müssen herausfinden, was für sie sinnvoll ist beziehungsweise was sie für problematisch halten.

Als Beispiel erwähnt Cornelia Diethelm den Rekrutierungsprozess. Bereits in unmittelbarer Zukunft könnten Motivationsschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse völlig irrelevant sein, weil der HR-Verantwortliche die gewünschten Informationen und allenfalls auch noch viel mehr einer Stimmanalyse entnehmen wird. Grundlage des Bewerbungsprozesses sind also nicht mehr die üblichen Unterlagen, sondern ein Video. «Die Stimme ist wie ein Fingerabdruck», sagt Cornelia Diethelm. Also unverkennbar. «Aufgrund der Stimme kann man nicht nur Charaktereigenschaften erkennen, sondern auch Anzeichen von möglichen Krankheiten.» Bereits heute sind unterschiedliche Tools auf dem Markt. Oft sei unklar, wie diese zustande gekommen und wie seriös sie seien. «Ein solches Instrument zu nutzen, ist ethisch fragwürdig», sagt Cornelia Diethelm. Bewerber wüssten nicht genau, was analysiert werde. Anderseits könnten sie sich dem Prozedere aber auch nicht einfach entziehen, falls sie wirklich an der Stelle interessiert sind.

 

Datenspuren und ihre Folgen

Angenommen, ein Unternehmen zieht Cornelia Diethelm im Zusammenhang mit einem solchen Tool zu Rate, würde sie empfehlen, dieses einmal im Rahmen einer nicht realen Bewerbungssituation zu testen und insbesondere, sich die Frage nach der Verhältnismässigkeit zu stellen. Und falls ein Unternehmen auf diese Weise rekrutieren wolle, findet sie es wichtig, dass gegenüber Bewerbenden offengelegt wird, welche Daten genau erhoben und ausgewertet werden und was danach mit diesen passiere. «Immer mehr Menschen fragen sich, wo ihre Daten landen und wie und von wem sie verwendet werden.»

Die Datenspuren, die wir im Netz hinterlassen, können beispielsweise auch zu einer Individualisierung bei der Preisgestaltung führen. Cornelia Diethelm erwähnt das Beispiel von zwei Bekannten, die in einem Amazon Go Store in den USA unterschiedliche Preise für denselben Artikel bezahlen mussten. Wie es dazu kam, ist nicht klar. Ethisch fragwürdig findet sie es beispielsweise, wenn kaufkräftigen Kunden günstige Angebote vorenthalten werden oder wenn sie ein dringend benötigtes Produkt nur zu einem überteuerten Preis erwerben können. «Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Idee von unterschiedlichen Preisen bei Kunden grundsätzlich nicht gut ankommt.» Unternehmen tun ihrer Meinung nach gut daran, ihre Kundenbeziehung nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

 

Teil der Unternehmenskultur

Bei ihren Beratungen geht es nie um richtig oder falsch. «Mir ist wichtig, dass Firmen nicht blindlings in die neuen Technologien hineinstolpern, nur aus Angst, etwas zu verpassen.» Und sie räumt ein, dass wir heute möglicherweise Dinge ablehnen, die in fünf Jahren unbestritten sein werden, weil wir dann mehr Vertrauen als heute in die entsprechende Technologie haben, oder weil sie sich bewährt hat.

Wie sieht es aus mit dem Know-how in den Firmen? Cornelia Diethelm geht davon aus, dass es in diesem Bereich eine Professionalisierung geben wird. Wünschenswert sind ihrer Meinung nach neue Stellen für Ethik-Verantwortliche. Dabei sollte es sich um Stabstellen handeln, die in der Hierarchie hoch angesiedelt sind, denn die Haltung zum Umgang mit Digitaler Ethik wird prägend sein für die Unternehmenskultur. Sie findet es erstrebenswert, dass Unternehmen sich selber Grenzen setzen – als Bestandteil einer erfolgreichen Kundenorientierung und um unerwünschte Regulierungen zu verhindern.

Zur Aufbauarbeit ihres Start-ups gehörte im vergangenen Jahr vor allem die Gründung des Centre for Digital Responsibility. Dieser Think Tank will das Wissen zu ethischen und gesellschaftlichen Aspekten der Digitalisierung über verschiedene Produkte und Dienstleistungen zugänglich machen. Unter anderem ist daraus die «Shift 2019» hervorgegangen. Dabei handelt es sich um eine Konferenz, welche Unternehmen sensibilisieren will und die in Zukunft jährlich stattfinden soll. «Viele Firmen wissen gar nicht, dass es bereits zahlreiche Erkenntnisse aus Praxis und Wissenschaft gibt bezüglich Kundenakzeptanz, Vertrauen und unerwünschten Folgen beim Einsatz von neuen Technologien.» Bei der Organisation einer solchen Veranstaltung sei es ihr auch wichtig, auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu achten. An der «Shift 2019» im Februar waren auf dem Podium mehr Frauen als Männer – keine Selbstverständlichkeit in einer männerlastigen Branche wie der IT.

 

Viele neue Jobs

Für Cornelia Diethelm ist Digitalisierung weder gut noch schlecht, sondern eine ganz normale Weiterentwicklung in der Arbeitswelt. «Digitalisierung findet statt. Unsere Aufgabe ist es, sie zu gestalten.» Ziel müsse es sein, dass der Mensch die Digitalisierung im Griff hat, und nicht umgekehrt. «Es werden in den nächsten Jahren Jobs entstehen, die wir uns noch nicht einmal vorstellen können und für die es an geeigneten Fachleuten fehlen wird. Anderseits werden viele ihre Arbeit verlieren, ohne jedoch infrage zu kommen für die neuen Tätigkeiten.»

Die 47-jährige Cornelia Diethelm ist im aargauischen Muri aufgewachsen und machte ursprünglich eine Lehre als Kauffrau mit BMS-Abschluss bei der Migros in Suhr. Danach absolvierte sie die eidgenössische Matura und studierte Politikwissenschaft, Betriebs- und Volkswirtschaft an der Universität Bern. Neben dem Studium arbeitete sie in einer Kommunikationsagentur und machte sich später selbstständig als Fachfrau für Kommunikation und Projektmanagement.

Nach Abschluss des Studiums wollte sie sich beruflich wieder vermehrt mit Themen beschäftigen, in welchen sie während ihres Studiums das entsprechende Know-how erworben hatte. Während vier Jahren war sie stellvertretende Generalsekretärin der Bau-, Verkehrs und Energiedirektion des Kantons Bern. Sie arbeitete an diversen Projekten mit, gab politische Einschätzungen ab und schrieb Referate für die Regierungsrätin. Dass sie ganz direkt auf politische Geschäfte Einfluss nehmen und diese vorantreiben konnte, fand sie sehr spannend.

 

Lust auf Veränderung

2007 wechselte sie zur Migros. «Manchmal gibt es so Momente, wo ich plötzlich Lust auf eine neue Herausforderung habe.» Und wenn das der Fall sei, dann könne es schnell gehen. Sie sei sehr entscheidungsfreudig, sagt sie von sich. Zwar sei es nie ihr Ziel gewesen, zur Migros zurückzukehren, aber sie habe es auch nie ausgeschlossen.

Während gut zehn Jahren war sie in zwei unterschiedlichen Funktionen beim Migros-Genossenschafts-Bund tätig. Sie hatte dort sehr viel Freiheit in der Gestaltung ihrer Arbeit und befasste sich mit gesellschaftlichen Trends sowie mit Wirtschaftsethik. Dabei ging es um so unterschiedliche Fragen wie beispielsweise die demografische Veränderung, Umweltschutz oder Gesundheit. Sehr hilfreich für ihre Tätigkeit sei gewesen, dass die Migros in solchen Fragen bereits eine lange Tradition und deshalb auch eine hohe Glaubwürdigkeit hat. Sie konnte auf bereits Bestehendem aufbauen.

Und irgendwann kam das eine zum anderen, nämlich die Digitalisierung zur Ethik. Auch für diese Entscheidung, sich darin vertieftes Know-how anzueignen, habe sie keine lange Bedenkzeit gebraucht, sagt sie. Von 2016 bis 2018 absolvierte sie den Master of Advanced Studies ZFH in Digital Business an der HWZ.

Im Juni ist sie in den Verwaltungsrat der Ethos-Stiftung für nachhaltige Entwicklung gewählt worden. Ausserdem hat sie sich im Legaltech-Start-up «Datenschutzpartner» beteiligt, wo sie den Bereich Kommunikation verantwortet. «Dass ich zu einem so frühen Zeitpunkt meiner Aufbauarbeit zwei so attraktive Mandate erhalten habe, freut mich sehr.»

Bei so viel Beschäftigung mit Digitalisierung: Was mach sie als Ausgleich? «Ich habe einen grossen, wilden Garten», sagt sie. Ausserdem engagiert sie sich in einem kleinen Verein von Hobbygärtnerinnen für biologischen und Naturgarten. An der Gartenarbeit faziniert sie, dass man niemals alles im Griff haben kann. «Da geht manchmal etwas schief oder es passieren unvorhergesehene Dinge. Und wenn man auch mal länger keine Zeit hat für den Garten, stellt man fest: Die Natur funktioniert auch ohne uns.»