Blockchain verändert die Welt

Rolf Murbach, 23.07.2019

Die neue Technologie steckt noch in den Kinderschuhen. Blockchain wird Arbeitswelt und Gesellschaft umkrempeln. Es geht weit mehr als um Bitcoins.

Blockchain ist die Zukunft, sagen Experten. Was das Internet vor zwanzig, dreissig Jahren war, ist Blockchain heute, eine Technologie, die Wirtschaft und Gesellschaft massiv verändern wird. «Wir stehen erst am Anfang», sagt Ernesto Turnes, Professor an der Fachhochschule St.Gallen und Co-Autor des Buches «Blockchain für die Praxis». «Immer mehr Menschen befassen sich mit der Anwendung und Weiterentwicklung der Technologie.» Angefangen hat alles mit Bitcoin und anderen virtuellen Währungen. Aber man sollte Blockchain nicht auf Kryptowährungen reduzieren. Unterdessen sind Dutzende von weiteren Anwendungen entstanden. Startups tüfteln an immer verrückteren Ideen.

Blockchain wird die Arbeitswelt, glaubt man den Experten, radikal umkrempeln, weil die Technologie revolutionär ist. Anstelle eines einzelnen Intermediärs, der Daten zentral speichert, tritt ein Peer-to-Peer-Netzwerk. Banken, Broker und andere Vermittler könnten überflüssig werden. Und auch Google, Facebook, Amazon und Co. geht es möglicherweise an den Kragen. Sie verlieren an Macht, weil sie nicht mehr Alleinherrscher über Milliarden von Daten sind. Noch sind dies ferne Szenarien, aber plausibel sind sie.

Definition Blockchain

Blockchain ist eine verteilte Transaktionsdatenbank (Distributed Ledger Technology DLT). Die Blocks der Datenbank beinhalten Einträge, Listen von Transaktionen. Unter Transaktionen versteht man die Speicherung und den Transfer von Daten, Werten und Programmen. Verteilt bedeutet: Anstelle eines zentralen Intermediärsystems tritt ein Peep-to-Peer-Netzwerk.

Chancenlose Hacker

Ein weiterer Vorteil gegenüber herkömmlichen Informatiklösungen ist die Sicherheit. Blockchains können praktisch nicht gehackt werden, die Daten sind sicher. Wie funktioniert die Technologie? Ein Block ist ein virtueller Container für Daten. Darin werden Werte, Transaktionen, Besitzstände und Programme gespeichert. Die Blocks werden mit kryptologischen Verfahren aneinander gekettet, verbunden durch digitale Schlösser, sogenannte Hashes. Einzelne Blocks können nicht aus der Kette gelöscht werden, da sonst die Schlösser nicht mehr passen. Das heisst Einträge in eine Blockchain sind nicht manipulierbar. Eine Blockchain wird auch als lückenloses, fortlaufendes und unveränderbares Kassenbuch bezeichnet.

Die Blockchains werden, wie gesagt, nicht auf einem zentralen Server gespeichert, sondern in unzähligen identischen Kopien auf Hunderten von Rechnern eines Netzwerkes. Man spricht von Nodes oder Knoten. Erhält die Kette einen neuen Block, wird dieser Block ebenfalls auf allen Rechnern des Netzwerkes hinzugefügt, er muss also von allen Akteuren des Netzes akzeptiert werden. Hochkomplexe kryptologische Verfahren bewerkstelligen das. Vereinfacht gesagt: Alle Teilnehmer des Netzwerkes kontrollieren sich gegenseitig. Findet an einer Kopie einer Blockchain dennoch eine Manipulation statt, scheidet diese Kopie sofort aus dem System aus. Es ist also praktisch unmöglich, eine Blockchain zu hacken.

 

Gegenseitige Kontrolle

Ein weiteres Merkmal einer Blockchain ist die Transparenz. Alle Teilnehmer haben Einblick in die Kassenbücher, das heisst sie überwachen gemeinsam die Transaktionen. Anstelle des früheren Intermediärs, zum Beispiel einer Bank, tritt das Netzwerk. Man vertraut nicht mehr einem einzigen mächtigen Vermittler, sondern der sicheren Blockchain-Technologie und dem Netzwerk.

Blockchain ist Treiber der digitalen Transformation – und ein Teil im Puzzle von Data Science, Automatisierung, Robotik, Künstliche Intelligenz und virtuellen Realitäten, die Gesellschaft und Wirtschaft zunehmend prägen. «Blockchain ist wie ein Kit, der die verschiedenen Technologien verbindet», sagt der Ökonom, Filmer und Blockchain-Experte Manuel Stagar in einem Einstein-Beitrag von SRF.

Von Bedeutung sind Smart Contracts, kluge Verträge. Bereits jetzt gibt es Anwendungen mit solchen Verträgen. Zum Beispiel: Wenn ein Lieferant ein Produkt an einen Händler ausliefert, wird dem Hersteller automatisch Geld überwiesen; so ist es in der Blockchain, welche die Lieferung dokumentiert, durch einen Smart Contract programmiert. Oder: Wenn ein Auto auf einem bestimmten Feld parkiert, wird dem Halter der Parkuhr automatisch Geld gutgeschrieben. Im Internet der Dinge sind Auto und Parkuhr miteinander verbunden. Da Produkte zunehmend mit Sensoren ausgestattet sind, kann Blockchain ganze Lieferketten dokumentieren und überwachen. Zum Beispiel kann überprüft werden, ob bei Medikamenten die Temperaturvorgaben während der gesamten Lieferzeit eingehalten wurden.

 

Allwissende Blockchain

Eine weitere Anwendung der neuen Technologie könnten auch Car-Dossiers sein, wie das Blockchain-Forschungszentrum der Universität Zürich aufzeigt. Autonutzerdaten werden in eine Blockchain geschrieben: Auslieferung, Service, Reparaturen. Wenn das Auto verkauft wird, hat der neue Halter Zugriff auf die gesamte «Geschichte» des Wagens. Die Einträge können nicht gefälscht sein, da Blockchains nicht manipulierbar sind. Die Sicherheit wird auch bei selbstfahrenden Autos eine zentrale Rolle spielen. Während heute Autos gehackt und manipuliert werden können, mit fatalen Folgen für die Insassen, ist dies bei der Blockchain-Technologie nicht möglich.

Ein grosser Vorteil von Blockchain gegenüber herkömmlicher Informatik-Infrastruktur: Daten werden nicht mehr zentral in einer Cloud, auf einem Server gespeichert, sondern dezentral, auf Hunderten von Rechnern unterschiedlicher Player. Das könnte die Machtverhältnisse massiv verändern. Setzt sich Blockchain durch, sind Daten nicht mehr in den Händen von wenigen mächtigen Anbietern.

Mit der Ausbreitung von Blockchain und Künstlicher Intelligenz wird es auch immer mehr autonom agierende Software geben, eben zum Beispiel Smart Contracts, die auf der Grundlage von Algorithmen eigenständig handeln. Was dies für eine Gesellschaft bedeutet, wird von Experten unterschiedlich beurteilt. Die einen betrachten es als eine «natürliche» technologische Entwicklung. Es sei schon immer so gewesen, dass sich der Mensch der Technik anvertraue, viele Tätigkeiten den Maschinen überantworte. Zum Beispiel reise man bereits heute mit Flugzeugen, die von Computern navigiert würden. Andere sind skeptischer und fordern eine kritische Auseinandersetzung mit der Entwicklung. Philosophische, ethische und rechtliche Fragen müssten geklärt werden.

 

Buchtipp

Pascal Egloff & Ernesto Turnes, 2019: Blockchain für die Praxis – Kryptowährungen, Smart Contracts, ICOs und Tokens
ca. CHF 39.00