Das Jobkarussell ist in Bewegung

Jürg Zulliger , 02.08.2019

Wer im richtigen Moment die Stelle wechselt, setzt Energien frei und sorgt möglicherweise für eine gesunde Work-Life-Balance.

Das Arbeitsleben des 32-jährigen Baslers Jonathan Z. (Name geändert) hat sich innerhalb von nur vier Wochen abrupt verändert. Kurz vor seinem Zehn-Jahres-Jubiläum im Betrieb eröffnet ihm der Chef, dass die ganze Abteilung umstrukturiert wird. «Plötzlich zwingt mich die Bank in ein sehr enges Korsett», erzählt er. Der auf Geldanlagen und insbesondere Aktien spezialisierte Kundenberater fühlt sich mit der Umstrukturierung zu einem rein ausführenden Verkäufer herabgestuft. Hinzu kommen eine Standardisierung aller Abläufe und eine stärkere Kontrolle seiner alltäglichen Arbeit. Innerhalb einiger Wochen reift der Gedanke, die Firma zu verlassen. «Ich habe eine andere Auffassung von Kundenbetreuung», lautet seine Begründung. Mit seinem Abschluss in Banking & Finance sieht er gute Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Er knüpft Kontakte zu anderen Banken und zu Headhuntern. Dann legt er dem Chef die Kündigung auf den Tisch.

 

Die häufigsten Motive

Jonathan Z. ist kein Einzelfall. Nach der Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik (BfS) wechseln jährlich rund 15 bis 20 Prozent der Erwerbstätigen die Stelle, Tendenz steigend. Die Motive sind unterschiedlich. Der häufigste Grund ist aber klar: Wie im Fall von Jonathan Z. sind «unbefriedigende Arbeitsverhältnisse» der am häufigsten genannte Grund, bei den Frauen sogar noch mehr als bei den Männern. Aktuell bringen – je nach Branche – auch die tiefe Arbeitslosigkeit, der oft zitierte Mangel an Fachkräften und der rasche Wandel in vielen Wirtschaftszweigen das Personalkarussell in Schwung. Dies bestätigt Fabian Büsser vom Personalvermittler Page Personnel in Zürich: «Oft hat ein Wechsel damit zu tun, dass ein Angestellter beruflich nicht mehr weiterkommt und im Unternehmen keine Möglichkeit mehr sieht, sich weiterzuentwickeln.» Junge, talentierte Fachkräfte seien besonders gut zu vermitteln. Wer eine solide Ausbildung vorweist, über eine sehr gute Auffassungsgabe verfügt und auch noch IT-affin ist, hat im Moment auf dem Stellenmarkt ausgezeichnete Chancen. Viele Arbeitgeber gehen davon aus, dass solche Talente schon nach wenigen Wochen Einarbeitungszeit ihre Leistung im Betrieb bringen werden.

 

Hohe Ansprüche

Wer eine neue Herausforderung sucht und sich selbstbewusst positioniert, stellt aber umgekehrt auch hohe Ansprüche an die neue Firma. Jedoch dreht sich dabei nicht alles nur um Karriere und die Einstufung beim Salär. Der Lohn mag eine Rolle spielen, ist aber bei den jungen Berufsleuten oft nicht wirklich ausschlaggebend. «Die Kultur eines Unternehmens, der Umgangston, soziale Aspekte innerhalb des Betriebs und die Flexibilität bei der Arbeit und der Arbeitszeit sind wichtige Kriterien für einen Job», erläutert Fabian Büsser. Viele Leute fragen auch, für welche Werte eine Firma steht und überlegen sich kritisch, ob sie sich damit identifizieren. Während die grosse Mehrheit der jüngeren Leute optimistisch in die Zukunft blickt, haben ältere Personen auf dem Arbeitsmarkt oft etwas weniger rosige Aussichten. Im Vergleich zu der jüngeren Generation beherrschen sie nicht immer die neusten Technologien, stellen aber beim Salär oft hohe Ansprüche.

Möchten Sie sich beruflich verändern?

Planen Sie eine berufliche Karriere oder den Wiedereinstieg? Mit unserer Laufbahn- und Karriereberatung erreichen Sie Ihr Ziel.

«Job-Hopping» eher negativ

Ein erfolgreicher Abschluss einer Berufslehre oder einer Fachhochschule sind noch keine Garantie, rasch den Einstieg zu finden – solange diese jungen Leute noch keinerlei Berufserfahrung vorlegen können. Ein Nachweis erster beruflicher Stationen und teils auch die Mitarbeit bei besonders renommierten Unternehmen sind der Karriere sicher förderlich. Über mehrere Jahre betrachtet fällt stark ins Gewicht, ob jemand eher selten oder sehr oft die Stelle gewechselt hat. Fabian Büsser weiss aus seiner Praxis: «Viele Arbeitgeber sehen heute sehr gerne eine gewisse Konstanz während der beruflichen Laufbahn.» Je nach Alter und je nach Branche ist «Konstanz» allerdings etwas unterschiedlich definiert. In der Branche von Gastronomie oder Hotellerie liegt die Wechselhäufigkeit höher als etwa bei Banken und Versicherungen. Personalfachmann Fabian Büsser geht davon aus, dass ein Zeithorizont von drei bis fünf Jahren für Angestellte bis auf Stufe mittleres Kader als sicherer Wert gilt. «Denn jeder Arbeitgeber wird sich Gedanken dazu machen, wie lange eine neu eingestellte Person voraussichtlich im Betrieb bleiben wird», sagt Büsser.

 

Kostspielige Wechsel

Aus Sicht der Firma bedeutet jede Anstellung finanziell gesehen eine Investition. Personalfachleute wissen nur zu gut, dass Stellenwechsel teuer zu stehen kommen. Die Kosten pro Wechsel werden auf etwa 50 bis 60 Prozent eines Jahressalärs geschätzt. «Je nach Position und Umständen liegen die Kosten sogar höher, etwa bei Führungskräften», erläutert Büsser von Page Personnel. Dabei ist an alle direkten und indirekten Kosten zu denken: der ganze Aufwand für Auswahl und Rekrutierung, Einarbeitungszeit, Verzögerungen bei laufenden Projekten sowie Auswirkungen auf die «Chemie» innerhalb eines Teams. Angesichts dieser Tragweite legen immer mehr Firmen Wert darauf, dass sich neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom ersten Tag an wohl fühlen. Dieses «On-Boarding» sollte heute nach einer klaren Systematik gestaltet und begleitet werden. Dazu muss die im Betrieb neue Person natürlich jederzeit alle wichtigen Informationen haben und anfangs eng betreut werden. «Dieser Faktor wird in Zukunft wohl noch wichtiger werden, um auf motivierte Leute zählen zu können, die ein längerfristiges Commitment eingehen», so Büsser.

Auch der Schweizer Soziologe Christian Imdorf, der heute an einer Universität in Norwegen tätig ist, kennt die negativen Seiten häufiger Stellenwechsel. Nach seinen Befragungen in der Schweiz und drei anderen europäischen Ländern schadet dieses «Job-Hopping» der Karriere. Im CV eines Stellenbewerbers würden häufige Wechsel gar einen schlechteren Eindruck hinterlassen als Arbeitslosigkeit, erläutert Imdorf. Die künftigen Karrierechancen verschlechtern sich vor allem dann, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: häufige Stellenwechsel und die Annahme von Jobs mit vergleichsweise unqualifizierter Arbeit. Wer also unter dem Druck der Arbeitslosenversicherung zweitklassige Angebote annimmt, muss sich der Folgen für künftige Vermittlungen bewusst sein.

 

Knall auf Fall vor der Tür

Glück gehabt hat der junge Banker Jonathan Z. Die Unternehmenskultur am neuen Arbeitsort spricht ihn sehr an. «Ich verdiene zwar weniger als vorher, aber die Stimmung im Team und der geradezu familiäre Umgang gefallen mir», erzählt er. Sein neuer Arbeitgeber ist ein unabhängiges, kleines Unternehmen in der Vermögensverwaltung. Nun freut er sich, dass ein neues Kapitel in seinem Berufsleben anfängt. Mit der Vergangenheit hat er abgeschlossen. Was er aber noch nicht verdaut hat, ist die «Verabschiedung» durch seinen früheren Arbeitgeber: Eines Morgens um acht Uhr drückte ihm ein Mitarbeiter einige Migrostaschen in die Hand. «Sie haben eine Stunde Zeit, ihre Sachen zu packen.» – Die sofortige Freistellung in dieser Branche sei nicht ganz ungewöhnlich. Doch die Art und Weise war dann doch sehr überraschend. An seinem letzten Arbeitstag hatte er nicht einmal mehr Gelegenheit, sich in seinem Team, bei den Vorgesetzten oder bei seinem KV-Lehrling zu verabschieden.

Erstmals veröffentlicht: 28. September 2018